Logo
Buchcover-Ausschnitt Anatomie einer Nacht von Anna Kim

Nicht nur die Anatomie einer einzigen Nacht

Anna Kim war für mich völliges Neuland. Ich kannte sie nicht, noch hatte ich vorher von ihr gehört. Dass ich ihren Roman “Anatomie einer Nacht” dennoch gelesen habe, liegt an einem glücklichen Zufall. Nämlich daran, dass sie zur Eröffnung des neuen Literaturmuseums in Wien ebendort gelesen hat.

Ich ahme bei meinen Rezensionen den Stil des jeweiligen Autors bzw. der Autorin nach. So bekommst du schon in der Rezension ein Gefühl für die im Buch verwendete Sprache. Erfahre hier mehr über die Technik des Loopens.

Ich persönlich bereue keine einzige Seite von diesem poetischen Buch. Und ich werde mit Sicherheit wieder etwas von Anna Kim lesen. Aber mach dir selbst ein Bild:


„Im Nachhinein sprach man von einer Krankheit“

Amarâq ist anders. Wer in Amarâq lebt, ist meist in der Gegenwart verwurzelt, weswegen für seine Bewohner weder Zukunft noch Vergangenheit von Bedeutung sind. Wer in Amarâq lebt, lebt in ständigem Winter und im Einklang mit der Natur, als Jäger, Obdachloser, Lehrer, Verkäuferin, Betreuer, Schülerin, Polizist, Studentin und Traumdeuter. Vielleicht müssen Land und Leute so sein, damit eine solche Geschichte entstehen kann. Wo gibt es das sonst, 11 Selbstmorde in einer Nacht, innerhalb von fünf Stunden?

Amarâq, das ist das Ende der Welt, wo die Unterscheidung zwischen Himmel und Erde aufgehoben wird, wo es im Bereich des Möglichen liegt, Wolken wie Berge zu besteigen. „Vielleicht liegt das Besondere an Amarâq daran, dass es eines besonderen Blicks bedarf, um es zu sehen, um gegen das Nichts anzusehen und das Etwas zu entdecken.“

„Am Ende der Welt ist es selbstverständlich, dass alle Enden zusammenlaufen“

Das Nichts ist in Amarâq die immerwährende Dunkelheit, nicht als Ausläufer des Tages, nicht als Charakteristikum der Nacht, sondern als Persönlichkeit Amarâqs, durch die hindurchzusehen den Bewohnern verwehrt bleibt. Eine Schwärze, „so dickflüssig wie unvermischte Farbe“.

Nachts wird Amarâq zu einem Ort, an dem „die zweite Dimension verschmilzt mit der dritten“, so undurchsichtig ist die Kältewüste mit den ärmlichen Häusern und den wenigen übrig gebliebenen Menschen, die immer wieder hierher zurückkommen, magisch angezogen durch etwas, dass sie selbst nicht benennen könnten, noch könnte es irgendjemand anderer.

„Warum, fragte er, warum nicht, antwortete sie und schwieg“

Niemand weiß genau, wie es zu einer derart großen Anzahl an Suiziden in Amarâq kommen konnte, auch Anna Kim weiß es nicht. Und doch hat sie in Grönland recherchiert, das ist es nämlich, wo Amarâq liegt und wo seine Bewohner miteinander und gegeneinander und füreinander leben. Sei es aus Liebe, der Familie wegen, der Kränkung oder einfach Andersartigkeit, alle Figuren führen ein Leben in Melancholie, die oft so dicht wird, sodass sie sich durch Bilder in den Köpfen der Menschen festsaugt und sie erst loslässt, wenn sie selbst loslassen.

Ebenso undurchschaubar wie Amarâq erscheint die Geschichte der Dorfbewohner, die einer mit dem anderen ebenso verbunden sind, wie Amarâq mit der Dunkelheit, der Himmel mit der Erde, die Wolken und das Meer, sodass kein Horizont, keine Hoffnung mehr sichtbar bleibt.

Leicht erschließt sich die Handlung zunächst nicht, weil es sind Einzelschicksale, die die Dichte der Geschichte ausmachen, die immer und immer wieder versetzt voneinander und scheinbar unabhängig auftauchen, und wieder verschwinden. Und immer wieder kommt Anna Kim zurück zu Amarâq, beschreibt den Ort wieder und wieder. Den Ort, „der vorgibt, weniger ein Ort zu sein als vielmehr ein Eingang zu einem Ort, den man nicht wieder verlassen kann.“

„Amarâq besitzt auch eine Aufgabe, nämlich die, zu beenden“

Die einzelnen Figuren sind nicht wichtig, wichtiger ist die Stimmung, das Düstere, Ausweglose, Unergründbare der Selbsttötungen, womit dieses eigenartige Buch den Leser in seinen Bann zieht, sodass man sich fast dabei ertappt, die Toten in der Liste der auftretenden Figuren durchzustreichen.

Amarâq ist wie jener Zauber, der das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt, der anhält, bis zum Ende, und noch weiter, weil: mittels Rückblenden und Vorausblicken, durch Erinnerungen und Träume oder Gedankenwelten durchschweift man Innen- und Außenleben der Figuren, glaubt sie zu erschließen, glaubt, sie endlich verstanden zu haben, als sich wieder jemand wie aus dem Nichts erschießt.

„Was verbirgt sich hinter der Sehnsucht, die wir Liebe nennen?“

Doch auch in Amarâq gibt es die versteckten Schlupflöcher, die Türen nach außen, etwa als Julie Jens anschaute. Er reichte ihr nur bis ans Kinn, und doch sah sie, wenn sie ihn ansah, eine Tür, einen Ausgang, denn Jens ist Däne. Auch Mikileraq hat es geschafft, aber „sie hofft, sie weiß es, vergeblich.“ Ein Moment, denn mehr war es nicht im Anblick der Ewigkeit Amarâqs, war sie in Dänemark, bis sie die Dunkelheit ihrer Herkunft wieder einholte.

Ebenso ging es Sara, die ihren Vater sucht und Malin, die sich den Ort ihrer Vorfahren anschauen wollte. Schlimmer steht es jedoch um jene, die niemals aus Amarâq weg waren, nur immer wollten und niemals konnten. Ole, Magnus, Inger, Sivke – nur ein paar der vielen Protagonisten, die Anna Kim wie Zinnsoldaten auf den Tod warten lässt.

Dänemark ist Schimpfwort, nicht nur aber auch, und Erlösung zugleich. Jene, die es schaffen, sind auf ewig zu Außenseitern geworden, jene die hinzukommen, werden bewundert, aber nie als Grönländer akzeptiert. Dänemark als Land der Sehnsucht, der Zukunft und Vergangenheit, als politischer Zugang, die Geschehnisse jener Nacht zu erklären.

Grönland als Land der Zuflucht, Einsamkeit, wo Grenzen verschwimmen, wo die Natur bis in die Köpfe der Menschen dringt und selbst den tiefsten Instinkt des simplen Überlebens einfach ausschaltet. Und wo trotz alldem Heimat ist.


Fazit: Atmosphärische Einsamkeit

Was sofort ins Auge fällt, wenn man Anna Kims Roman liest: Sie springt scheinbar willkürlich zwischen Präsens und Vergangenheit hin und her – egal, ob sie jetzt den Ort Amarâq beschreibt oder ob sie die Geschichte einer ihrer zahlreichen Figuren erzählt. Erinnerungen und Erzählungen mischen sich durcheinander, man weiß nicht (oder zumindest nicht, wenn man den Roman das erste Mal liest), ob man sich gerade davor, danach oder dazwischen befindet. Wo dazwischen weiß man auch nicht.

Der Roman besteht aus einer Reihe an Einzelschicksalen ohne zusammenhängenden Handlungsstrang. Die Geschichten haben lediglich miteinander gemeinsam, dass sie sich in Amarâq (oder im Bezug auf Amarâq) abspielen und sich alle Figuren – wenn auch nur flüchtig – kennen. Zwischen den Zeilen geht es vor allem um die gespaltene Beziehung zwischen Dänemark und der Kolonie Grönland – eine Ambivalenz, die sich durch den gesamten Roman zieht und sich in den Figuren widerspiegelt. Erst gegen Ende lassen die Einzelschicksale ein Gesamtbild zu.

Der Roman ist eingeteilt in jene fünf Stunden, in denen sich manchmal parallel, manchmal nacheinander aber immer unabhängig voneinander 11 Menschen das Leben nehmen. Anna Kim hat dazu in Grönland nach einer wahren Begebenheit recherchiert.

Die Autorin versteht es, Landschaftsbilder zu zeichnen und den daraus gewonnenen Eindruck in Sprache zu übersetzen. “Anatomie einer Nacht” liest sich flüssig und trotzdem sehr atmosphärisch.


Noch nicht genug?

Hier bietet sich eine gute Gelegenheit, die Reihe “ZehnSeiten” vorzustellen. Wie Anna Kims Lesung sind auch die anderen Lesungen sehr minimalistisch und stilvoll gestaltet.


Pressestimmen

Ein Problem hat man als Leser von “Anatomie einer Nacht” allerdings schon: Es gilt, sich in dem dichten Gewirr an handelnden Figuren erst einmal zurechtzufinden.
Sebastian Fasthuber, FALTER, 2012

Frühe Szenen erschließen sich erst im Nachhinein ganz, nur eine sehr aufmerksame Lektüre lässt das Puzzle vollständig sichtbar werden.
Carola Ebeling, Zeit Online, 2012

“Anatomie einer Nacht” ist ein sanftes, manchmal poetisch entrücktes Buch über das Leben, das vor dem Sterben kommt.
Anna Katharina Laggner, FM4, 2012

 
Anna Kims Roman “Anatomie einer Nacht” ist im Suhrkamp Verlag 2012 erschienen. Falls du mehr über die Schriftstellerin erfahren möchtest, hier gehts zu ihrer eigenen Homepage.

Anna Kim ist für mich fast eine Reise nach Grönland wert. Gehts dir genauso? Sag es mir in den Kommentaren!

Zurück nach oben

 

Mehr lesen?


 

Posted By :
Comment :0