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Straße in der Nacht

Der Flow

Und wenn der Flow einsetzt, werden die ins nächtliche Dunkel getauchten Straßen und Gassen plötzlich wieder hell, und die Reifen meines Fahrrads scheinen den Boden in ihrer Fortbewegung unberührt zu hinterlassen. Vorbei führt mich mein Weg in einer menschenleeren Stadt, obwohl es warm ist, ein lauer Sommerabend sich ausnahmsweise gegenüber dem in dieser Stadt eigentlich üblichen Regen behauptet hat. Vorbei an der Apotheke, in der ich einst eine von Hand gemischte Salbe gegen Gelenkschmerzen erstanden habe, vorbei an dem kleinen Hügel, der einzigen städtischen Erhebung außer den immer höher hinaufragenden Dächern, die der Gier immer übermütigerer Menschen zu verdanken sind. Besonders mag ich die großen Fenster im Erdgeschoss, bei denen im Vorüberfahren das Rad wie von selbst an Geschwindigkeit verliert und einen etwas längeren Blick als sonst in die dahinterliegenden hell beleuchteten Zimmer zulässt. Eine Frau sitzt am Tisch und liest, stützt ihren Kopf mit ihrer Hand um vor Müdigkeit nicht die Kraft zu verlieren. Hinter einem anderen Fenster wird gerade das Licht gelöscht, hinter dem darüberliegenden Fenster knistert etwas, ein Fernseher vielleicht, ein rauschendes Radio möglicherweise.

Wenn der Flow einsetzt, biege ich ab, wenn ich abbiegen will; wenn ich eine Gasse sehe, wo ich noch nicht war, oder schon, oder wenn mich einfach die Dunkelheit des Ungewissen aber doch Sicheren anzieht. Wenn ich an nichts anderes denke, als die erleuchteten Fenster, die leider viel zu oft mit Vorhängen bedeckt undurchschaubar sind, die die Menschen dahinter nur erahnen lassen. Aber ich mag auch sie, die Schatten, die sich durch bunte Stoffschichten abzeichnen und mir wie Geister erscheinen.

Neblig ist es geworden und an den Rädern meines Fahrrades wird das kühle Nass der feuchten Luft zuerst sichtbar. Doch der Flow ist beständig, unbezwingbar, unaufhaltsam nimmt er mich gefangen und zieht mich mit, lässt meine Gedanken nicht los, vereinnahmt meine Entscheidungen. Er bestimmt, wohin der Lenker sich dreht, in welche noch so dunkle Straße das Rad mit mir verschwindet. Und ich lasse es geschehen, fühle mich wohl und geborgen in den starken Armen dieser übermenschlichen Macht, die mich gleichzeitig gefangen hält und beflügelt. Gerne lasse ich mich in die finsteren Viertel der Stadt chauffieren, doch kein Geräusch kann mich erschrecken, obwohl meine Sinne wach und scharf sind wie noch nie zuvor, ich alles höre und weit und genau die Ferne erblicken kann.

Dann verschwindet der Flow und ich finde mich irgendwo irgendwann irgendwohin fahrend zurückgelassen; und leer und glücklich mache ich mich dann auf dem Heimweg.


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