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aufgeschlagenes Buch mit Stift

Meine Top 5 No-Gos bei Rezensionen

Caterina Kirsten von Schöne Seiten hat vor kurzem im Börsenblatt einen Artikel geschrieben, der ein paar Unterschiede zwischen Blogs und professionellen Rezensionen aufzeigt.

Kurz danach kam eine Kritik an Literaturblogs von Thomas Wörtche, der einen Fauxpas der Bloggerin Krimimimi zum Anlass nahm, über Professionalität und Qualität von Blogs zu urteilen. Im konkreten Fall geht es um Krimi-Blogs. Die Aussagen dazu lassen sich – wie ich meine – jedoch ganz gut auf Blogs anderer Genres anwenden.

Angesichts dessen habe ich mir selbst Gedanken darüber gemacht, was eigentlich “professionelle” Rezensionen sind bzw. sein sollten. Unter professionell verstehe ich – und auch der Duden – dass eine Tätigkeit entweder beruflich ausgeübt oder fachkundig beherrscht wird.


5 No-Gos, die du vermeiden solltest

Wenn du auch über Literatur bloggst, dann können dir die folgenden fünf Richtlinien weiter helfen, deine Rezensionen besser zu machen. Abseits der ganzen Regelschieberei sollest du aber nie vergessen: Schreiben soll in erster Linie Spaß machen!

1. Verrisse

Verrisse, wie sie einst Marcel Reich-Ranicki von sich gelassen hat und wie sie auch heute noch von einigen “Professionellen” geäußert werden, sind unprofessionell und unnötig. Menschen sollten dazu in der Lage sein, jenseits der Gürtellinie – und damit meine ich jenseits des unteren Bereichs – miteinander zu kommunizieren. Egal, wie schlecht sie ein Buch finden.

Ich bewundere Reich-Ranicki zutiefst – sein Leben bzw. Überleben (im 2. Weltkrieg), sein Durchsetzungsvermögen in der deutschen Medienlandschaft und sein enormes Wissen über Literatur. Das heißt trotzdem nicht, dass ich alles gut finden muss, was er von sich gegeben hat.

Für ihn war es zum Beispiel völlig okay, Autoren und Autorinnen vor laufender Kamera zu zerreißen, sodass so manche weinend den Saal verließen. Vorgekommen schon beim ersten Bachmann-Preislesen (1977), als er die Autorin Karin Struck mit den Worten “Das ist keine Literatur – das ist ein Verbrechen“ wortwörtlich aus dem Saal beförderte. Die Presse verglich ihn in diesem Zusammenhang mit Dieter Bohlen und “Deutschland sucht den Superstar”. Viele anerkannte Autorinnen und Autoren weigerten sich danach, bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur trotz Einladung anzutreten. Marcel Reich-Ranicki blieb trotzdem einer der gefragtesten Literaturkritiker Deutschlands.

Ich persönlich verurteile Verrisse, da sie mit konstruktiver Kritik nur wenig gemeinsam haben und keinen wertschätzenden Umgang mit der Arbeit, Mühe und Persönlichkeit anderer zulassen. Verrisse sind unter der Gürtellinie und das sollte niemand nötig haben – weder Blogs noch Zeitungen.

2. Spoiler

Eine Unart, die sich leider durch die gesamte Literaturlandschaft zieht – sowohl bei “Professionellen” als auch auf Hobbyblogs. Bei letzteren wahrscheinlich häufiger. Dabei wird zu viel Inhalt verraten und die spannenden Wendungen vorweg genommen. Im schlimmsten Fall hat man nach dem Lesen das Gefühl, das Buch selbst nicht mehr lesen zu müssen.

Sinn und Zweck von Rezensionen ist es, einerseits zum Lesen anzuregen und andererseits die Verkaufszahlen zu steigern. Je nachdem, ob Blog, Rezensionen in einer Zeitung oder Verlagskatalog sind diese beiden Ziele unterschiedlich priorisiert.

Natürlich gibt es bei Spoilern einen mehr oder weniger großen Spielraum. Oft muss man einfach ein paar Dinge verraten, um sie auch bewerten zu können. Hier gilt also: So wenig verraten wie möglich, aber so viel wie nötig!

3. Wesentliche Informationen vergessen

Autor oder Autorin, Titel des Buches, Erscheinungsjahr, Verlag sind selbstverständlich. Eine kurze Inhaltsangabe sollte auch dabei sein. Der Übersetzer oder die Übersetzerin gehört auch dazu, wenn es sich um ein fremdsprachiges Werk handelt.

Dann sollten noch Argumente drin sein, die für oder gegen eine Empfehlung sprechen. Und natürlich die eigene Meinung. Vielleicht ein paar Details, zusätzliche Informationen, Hintergrundinfos, biografische Anekdoten und ähnliches. Wie viel davon, kann man sich aussuchen. Oder sich danach richten, was die eigenen Leser und Leserinnen interessiert. Oder was zum jeweiligen Medium passt, wo die Rezension veröffentlicht wird.

4. Rezensionen, die nur aus Werbezwecken geschrieben werden

Keine Ahnung, wie häufig diese Unart bei Zeitungen vorkommt. In meiner recht bescheidenen Zeit (etwa 2 Jahre) in mehreren Redaktionen sind immer viele verschiedene Bücher von Verlagen angekommen. Die zuständigen Redakteure und Journalistinnen haben dann selbst die Spreu vom Weizen getrennt. Ob die Verlage dann letztendlich für die Rezensionen bezahlt haben, weiß ich nicht.

Bei Bloggern und Bloggerinnen ist das schon viel eher der Fall – schließlich haben sie sonst kaum bis keine Einnahmequellen. Die Frage, ob es fair ist, dass Leute Blogs lesen, Informationen bekommen und nichts dafür bezahlen müssen, sei dahingestellt – abseits von Qualität, die auch bei Zeitungen nicht immer top ist.

leseloop ist noch zu jung, um Kooperationen mit Verlagen einzugehen. Dafür fehlt mir die nötige Reichweite. Ich kann mir jedoch absolut nicht vorstellen, positive Kritik zu schreiben, nur, weil mich ein Verlag dafür bezahlt.

Das ist mir wichtig und dafür steht auch leseloop – für Authentizität und Originalität. Andere Blogger und Bloggerinnen mögen das anders handhaben. Dann – wie ich finde – sollten sie ihre Leserschaft auch darüber informieren. Ähnlich wie Produktplatzierungen in Zeitungen als “bezahlte Anzeigen” gekennzeichnet sein sollen.

5. Leerformeln und Rechtschreibfehler

Leerformeln sind unbegründete Beurteilungen, wie man sie oft bei Bewertungen in Kundenportalen liest. Beispiel: “Das Buch hat mich gefesselt bis zur letzten Seite”. Da fragt man sich doch: Warum hat dich das Buch so “gefesselt”.

Ähnlich schlimm: Ein Text voller Rechtschreibfehler, unvollständiger Sätze, grammatikalisch falscher Formulierungen (ganz abseits von Stileigenheiten, die durchaus erwünscht sind!). Das muss ich aber eigentlich nicht erwähnen, oder?!


Neuerungen zulassen, Zukunft mitgestalten

Rezensionen dürfen und sollen sich unterscheiden – es darf mehr eigene Meinung drin sein, was vor allem bei Blogs eine schöne Alternative zu “professionellen” Rezensionen darstellt. Es darf kürzer oder länger geschrieben sein, wissenschaftlich angehaucht oder rein popkulturell. Wichtig ist, dass es der Zielgruppe gefällt. Und für Blogs gilt: Das Schreiben sollte in erster Linie Spaß machen.

Die Ansprüche von Bloggern und Bloggerinnen an ihre Rezensionen sind andere als die des Feuilletons. Darüber hat – wie schon oben erwähnt – Caterina Kirsten einen ausführlichen Artikel geschrieben. Die Kernaussage darin:

Die meisten Blogger wollen […] gar keine Literaturkritiker sein, sie wollen das Feuilleton nicht eins zu eins ins Netz holen. Sie wollen über Literatur sprechen – auf ihre Weise. Wollen zur Lektüre anregen, Fragen aufwerfen, in einen Dialog treten.

Bloggerkollege Alexander Roth von Der Schneemann sieht schon ein Streben nach Professionalität bei Blogs:

Für viele, und da schieße ich mich mal mit ein, ist ein Blog eine Plattform, um sich auszuprobieren. Darauf werden Artikel veröffentlicht, die nicht dem Qualitätsstandard eines professionellen Journalisten entsprechen, was aber nicht heißt, dass nicht einige Blogger darauf hinarbeiten, irgendwann den Absprung in die Professionalität zu schaffen.

Blogs und Medien können nebeneinander existieren, können kooperieren, können voneinander lernen. Blogs können sich Dinge von professionellen Rezensionen abschauen. Der Feuilleton könnte sich eine Scheibe Kreativität abschneiden.


Werte anpassen

Über Literaturkritik wird unzählig viel geschrieben. Dabei wird oft aus Klassikern zitiert, die relativ alt sind – älter jedenfalls als das Internet. Seitdem hat sich allerdings vieles verändert, ob zum Guten oder zum Schlechten soll hier jeder für sich selbst beurteilen.

Eines sollte jedoch gesagt sein: Weiterentwicklung ist wichtig. Unsere Gesellschaft entwickelt sich. Die Kultur entwickelt sich. Literatur, die heute noch schlecht ist, kann morgen schon ein Klassiker sein.

Heinrich von Kleist war zu Lebzeiten bettelarm, Friedrich Schiller wurde nicht nur am Anfang seines Schaffens mehrfach abgewiesen. Heute gehören beide zu Klassikern der deutschen Literatur. Warum nicht also Werte anpassen und Veränderungen zulassen? Und das nicht nur in der Literatur selbst, sondern auch in der Literaturkritik.

Was denkst du über die Entwicklung der Kritik? Habe ich etwas Wichtiges bei meiner No-Go-Liste vergessen? Sag es mir in den Kommentaren!

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