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Kleinsche Flasche

Innen ist Außen, oder: Nichts ist wie es scheint

Gerhard Roth ist eines der Urgesteine der österreichischen Literatur und das mit Recht. Sein Gesamtwerk umfasst zahlreiche Romane, Bildbände, Drehbücher und Erzählungen.

“Grundriss eines Rätsels” ist ein 500-Seiten-Schinken mit einem protokollartig beschreibenden Stil, der mir persönlich nicht so zugesagt hat. Zeitweise war die Lektüre eher anstrengend, da sich die Geschichte in Details verliert, die für das Gesamtbild oft nebensächlich sind.

In meinem Loop – einer Rezension im Stil des Originaltexts – kannst du dir aber gleich selbst ein Bild machen.


“Die Sprache krabbelte wieder an der Wand”

Es war an einem regnerischen Tag – im Mai durchaus nicht außergewöhnlich –, als mir plötzlich Gerhard Roths Buch „Grundriss eines Rätsels“ in die Hände fiel. Ich war gerade nach einem ausgedehnten Spaziergang durch den achten und siebenten Wiener Gemeindebezirk am Urban-Loritz-Platz angekommen und hatte kurzerhand beschlossen, meiner Lieblingsbücherei, der Hauptbücherei Wien, einen Besuch abzustatten.

Ohne dass ich sagen konnte, warum, fühlte ich mich von dem Buch angezogen. Vielleicht war es das Coverbild, dass Roths Buch besonders auffallend machte: Ein blau rotes Irgendwas, das sich über die gesamte Oberfläche zog und außerdem seltsam verschwommen war – seltsam für ein Buchcover, aber doch wieder passend zum Namen des Buches „Grundriss eines Rätsels“.

“Neugierig fing ich an zu lesen”

Ich konnte also nicht umhin, das Buch auszuborgen, und machte mich auf den Heimweg. Da ich am selben Tag nichts mehr vorhatte, begann ich sogleich mit der Lektüre, und bereits nach einigen Seiten merkte ich, dass Gerhard Roth ein sehr ausschweifender Erzähler ist. Noch eher würde ich seinen Stil als detailgetreu, ja fast protokollartig deskriptiv beschreiben, was durch die Verwendung der Vergangenheitsform und die zahlreichen verschachtelten Nebensätze verstärkt wird.

Wie es auch sonst meiner Gewohnheit entspricht, blätterte ich das Buch kurz durch, um einen Überblick zu erhalten, und machte dabei die Entdeckung, dass es eigentlich aus sechs „Büchern“ bestand. Fast alle dieser Kapitel – was sie eigentlich sind – wurden in der auktorialen Erzählperspektive abgefasst, außer das längste und – wie ich fand – spannendste Kapitel über den Germanisten Vertlieb Swinden, der zu Forschungszwecken in ein kleines Dorf in der südlichen Steiermark fährt, um sich um den Nachlass des Schriftstellers Philipp Artner zu kümmern. Swinden erzählt aus der Ich-Perspektive.

“Zuerst wusste ich nicht, wo ich mich befand”

Bereits am ersten Lesetag hatte ich herausgefunden, dass sich jedes Kapitel, obwohl es um eine jeweils andere Person geht, um den Schriftsteller Philipp Artner dreht. Zunächst wird er distanziert von Vertlieb Swinden betrachtet, der aber nach und nach – wie in seinem Namen angedeutet – selbst verschwindet. Danach las ich die Kapitel über Artners Verhältnis zu Pia, seiner Geliebten, zu Gabriel, seinem unehelichen Sohn und zu Doris, seiner zurückgelassenen Ehefrau. Mit der Zeit konnte ich durch die zusätzlichen Informationen einen „Grundriss“ dieses rätselhaften Schriftstellers Philipp Artner erkennen. Es blieb aber ein Grundriss, der am Ende mehr Fragen offen lässt, als er beantwortet.

Die scheinbar zufällig eingestreuten Hinweise auf bekannte Werke aus Kunst und Musik, das besondere Interesse Artners für die Nervenheilanstalt Gugging und die Baumgartner Höhe, und sein Wohnsitz Am Heumarkt in der Nähe des Stadtparks entpuppten sich als Hinweise auf Gerhard Roth als Person. Da ich – wie ich zugeben muss – den Schriftsteller davor noch nicht kannte, wusste ich auch nicht, dass er öfters ein Alter Ego zum Protagonisten seiner Romane macht.

“Ein zufälliges Gemisch aus Sichtbarem und Unsichtbarem”

Das Eindrucksvollste war das Leitthema des Romans, das ich aber erst später herausfand. Noch bevor ich begriff, dass es sich um den roten Faden der Erzählung handelte, fesselte mich das Motiv des Spiels mit Wirklichkeit und Einbildung, symbolisiert in der Klein’schen Flasche. Dieses nach dem deutschen Mathematiker Felix Klein benannte geometrische Objekt zeigt eine durchgehende Oberfläche. Innen und Außen – Wirklichkeit und Wahn – gehen ineinander über und man könnte nicht sagen, wo man sich gerade befindet.

Swindens Kapitel ist die zentrale Geschichte, in der drei Tschetschenen ermordet aufgefunden werden. Als Swinden im Dorf ankommt, beginnt bereits die Suche nach dem Mörder. Am Ende des Kapitels steht die bahnbrechende Entdeckung eines Manuskripts, dessen Inhalt Motiv und weiteren Verlauf des Romans prägt. Fest steht, dass alle der Figuren in ein Gefüge auf unterschiedlichen Zeitebenen verwickelt sind, was im Rahmen einer Kriminalgeschichte aufgedeckt wird.

Menschen hieß die erste Eintragung”

Ich beschloss im Zuge meiner Recherchen, in meiner Rezension nicht viel über den Inhalt des Buches zu verraten, dafür aber in der Manier Artners Autor und Figuren zu charakterisieren.

1. Gerhard Roth

Autor des Buchs „Grundriss eines Rätsels“. Urgestein der österreichischen Literatur. Lebt in Wien. 22 veröffentlichte Romane, einige Drehbücher und Bildbände. Mag das Motiv der Wirklichkeitsverzerrung. Setzt sich gegen Fremdenfeindlichkeit ein und macht diese zum Thema in seinen Romanen.

2. Philipp Artner

Bekannter Schriftsteller. Alter Ego von Roth. Lebt in Wien und in der Steiermark. Starkes Interesse für Kunst, Malerei und Musik, eventuell als Rückzugsmöglichkeit. Hat zahlreiche Bildbände zuhause, in die er sich gerne vertieft. Stottert in Stresssituationen. Neigung zu sozialer Phobie. Immer wieder Affären. Mag Tiere, besonders Krähen, und lange Spaziergänge durch Stadt und Land.

3. Vertlieb Swinden

Germanist und Hilfskraft am Heimito-von-Doderer-Institut in Wien. Macht sich nach Ableben von Artner auf dessen Spuren. Stark ausgeprägte Müdigkeit und Konzentrationsschwäche. Neigung zum Alkoholmissbrauch. Verliebt sich schnell und unüberlegt, nachdem er bei Flirts oft dämlich lächelt.

4. Pia Karner

Geliebte von Artner und Swinden. Alleinerziehende Mutter. Arbeitet in der örtlichen Apotheke. Ihre Mutter unterstellt ihr einen schlechten Geschmack bei Männern. Lügt gerne und viel, überträgt diese Neigung möglicherweise auf ihren Sohn.

5. Gabriel Artner

Artners unehelicher Sohn. Talent fürs Schauspiel. Spielt gerne mit Computern und iPhone. Besitzt einen sprechenden Papagei namens Aleph. Als Kind epileptische Anfälle und Bewusstlosigkeit. Zuneigung, auch erotische, zu älteren Frauen.

6. Doris Artner

Witwe von Philipp Artner. Interessiert sich für Kunst, insbesondere japanische Kupferstiche. Eher uninteressante farblose Figur. Mag Tiere, besonders Affen. Schräge sexuelle Vorlieben.


Fazit: Das Ende ist gleichzeitig der Anfang

Roman und Geschichte gehen ineinander über wie eine Klein’sche Flasche: Wo ist innen, wo ist außen? Was ist geschrieben, was ist geschehen, was ist gelogen oder fantasiert? Welche Figuren gibt es – innerhalb der Romanhandlung – wirklich, welche sind von Artner erfunden? Das Ende des Romans – und das ist jetzt kein inhaltlicher Spoiler – fühlt sich an wie der Anfang vieler großer Fragen.

In diesem Sinne ist Gerhard Roths Werk ein gelungener “Grundriss eines Rätsels”, aber auch nicht mehr: Eine zweidimensionale Abbildung der Wirklichkeit, die vom Leser bzw. der Leserin nicht erfasst werden kann. Am Ende stehen Fragen, die nicht beantwortet werden (können).

Wie bereits anfangs erwähnt, hat Roth meinen Geschmack nicht getroffen. Trotzdem bin ich – vor allem bei längeren Lesephasen – in die Geschichte hinein gekippt. Wie Verlieb Swinden, als er beginnt, Artners Manuskript zu lesen, konnte ich “trotz des [zeitweiligen] Widerwillens, den ich empfand, nicht aufhören zu lesen.” Die Geschichte selbst ist nämlich klug durchdacht, eines führt zum anderen, am Ende hat man ein rundes Gesamtbild – leider erst nachdem man sich stundenlang durch einen eher faden weil zu deskriptiven Stil wühlen muss.


Noch nicht genug?

Von Gerhard Roth gibts nicht viele Aufzeichnungen im Internet. Ein sehr aufschlussreiches Gespräch über ihn als Person und sein literarischen Schaffen wurde im Rahmen der “KulturWerk”-Reihe in ORF III ausgestrahlt. Das ganze Interview findest du hier als Video.

Hier findest du noch ein interessantes Interview aus der Tageszeitung Der Standard.


Pressestimmen

Gerhard Roth entwirft in seinem neuen Roman einmal mehr einen synästhetischen und zeichensatten Kosmos. Philipp Artner, ein Alter Ego, betreibt ein fesselndes Verwirrspiel der Selbstauflösung.
Ingeborg Waldinger, NZZ, 2015

Es ist nicht ganz neu, dass sich ein Autor in einem Text mitsamt seinen Manuskripten in Luft auflöst. Gerhard Roth treibt in seinem Roman „Grundriss eines Rätsels“ sein illustres Spiel mit der Frage, was Wirklichkeit und wie sie wahrnehmbar ist.
Brigitte Schwens-Harrant, Die Presse, 2014

Gerhard Roth lässt den Leser durch ein Kaleidoskop schauen, in dem die Prismen keine klaren symmetrischen Formen mehr annehmen, sondern auf irritierende Weise durcheinanderwirbeln und Möglichkeitsräume eröffnen.
Karsten Herrmann, CULTurMAG, 2014

Gerhard Roths Roman “Grundriss eines Rätsels” ist im Fischer-Verlag 2014 erschienen.

Hast du schon mehr von Gerhard Roth gelesen? Und was sagst du zur Wirklichkeitsverzerrung in “Grundriss eines Rätsels”? Deine Meinung ist gefragt!

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