Logo
Ausschnitt Buchcover

Porträt eines Durchschnitts­menschen – aber mit Flusspferd

Arno Geiger ist mir zum ersten Mal auf der Uni untergekommen – in einem Seminar zu Literaturkritik und mit seinem damals aktuellen Buch “Der alte König in seinem Exil”. Mit dieser Geschichte über seinen eigenen Vater hat er sich in meiner Erinnerung festgesetzt.

Dementsprechend waren meine Erwartungen höher als bei vielen anderen Autoren oder Autorinnen. “Selbstporträt mit Flusspferd” hat diese Erwartungen einerseits übertroffen, andererseits enttäuscht. Warum erkläre ich dir im folgenden Loop – einer Rezension im Stil des Originalbuchs.

Julians große Liebe heißt Judith, und um der Perspektive des Ich-Erzählens treu zu bleiben, dachte ich mir: Was liegt eigentlich näher, als mich selbst (auch weil wir den selben Namen haben) in Judith hineinzuversetzen und die Geschichte aus ihrer Perspektive zu betrachten?!


„Jetzt sind wir einander fremd bis zum Rätsel“

Vor einigen Tagen fand ich einen Uhu in meinem Garten. Das arme Tier hatte sich anscheinend einen Flügel gebrochen, jedenfalls aber lag es vor meiner Haustür. Der nächste Tierarzt war nicht weit und welche Überraschung – es war Julian. Jener Julian, der mich vor etwa zehn Jahren, einiges an Nerven kostete.

Als ich in der Praxis stand, erkannte er mich zuerst nicht wieder. Ich hatte mir die Haare geschnitten und war wohl auch nicht mehr der „Prototyp einer unkomplizierten Frau“, als die mich Julian immer gesehen hatte.

„Wir begegneten einander auf Teilgebieten unseres Lebens“

Den Uhu konnte Julian leider nicht mehr retten, dafür aber mich an eine schöne Zeit meines Lebens erinnern. Mein Gott, wir waren damals Anfang 20, verbrachten viel Zeit miteinander, aber immer unspektakulär. Denn Julian zählte zu jenem Schlag von Mensch, der vieles einfach so hin nimmt und im Stillen leidet. Und gelitten hat er, denke ich, obwohl er es war, der die Trennung heraufbeschworen hat.

Ich hoffe, du hast gefunden, wonach du gesucht hast, fragte ich zum Abschied. Gefunden, was er gesucht hat? Was rede ich denn da, ich wusste ja nicht mal, was er gesucht hat und ob er überhaupt gesucht hat.
Im Großen und Ganzen…, war seine nichts sagende Antwort auf eine ebenso nichts fragende Frage. Aber seine Hände zitterten vor Aufregung.
Ja, dann…, sagte ich.
Das war’s. Wir werden uns nicht wieder sehen.

„Man verliebt sich, so wie man sich kratzt“

Damals, wir waren 22, es war zum Ende des Sommersemesters gewesen und ich merkte genau, dass Julian sich nach etwas Neuem sehnte. Oder glaubte, etwas zu verpassen, was er nicht benennen konnte. Dabei spielte sein seltsamer Freund Tibor, den Julian um seine Leichtigkeit beneidete, eine nicht unwesentliche Rolle Sein Motto: „Hauptsache lässig“.

Soweit ich es erzählt bekommen habe, hat Julian Tibors Job übernommen. Er schuldete meinem Vater noch Geld und ich glaube, die Arbeit mit dem Zwergflusspferd hat ihm gut getan. Ein sehr gemächliches, langsames Tier. Passte gut zu ihm, würde ich sagen.

„Weite, unfassbare Welt!“

Müsste ich Julian beschreiben, würde ich mir schwer tun. Er ist ebenso unspektakulär wie unauffällig, was nichts Neues ist bei Arno Geigers Figuren. Er zeigt sie gern unsicher, vereinsamt, ängstlich; aber immer nur im Rahmen dessen, was uns allen passieren könnte. Was wir alle denken könnten. Die Durchschnittsmenschen.

Das Kontrastprogramm gibt’s zwischenzeitlich im Fernsehen: Geiselnahme in Beslan mit hunderten toten Kindern, Hurrikans in den USA. Ja sogar das “Gewurl und Gewimmel” auf der Mariahilfer Straße ist für Julian zeitweise belastend. Trop fatal.

„Dort wo die Menschen ganz sie selbst sind, dort sind ihre schwachen Stellen“

Aber dann lernte Julian diese Aiko kennen, und, was weiß ich, hat es ihm zumindest geholfen, sich von seinem quälenden Liebeskummer zu lösen. Das Flusspferd und Aiko – die beiden haben ihm gut getan inmitten seiner Zukunftsängste und Vergangenheitsleiden. Und ganz so schlecht scheint die Sache auch nicht ausgegangen zu sein, denn immerhin hat er danach zwei Jahre in Paris verbracht.

Undsoweiter.


Fazit: Ein uninteressanter Protagonist?

Julian ist ein Durchschnittsmensch, wie ihn niemand besser beschreiben kann als Arno Geiger. Jeder von uns war einmal 22 oder in einem ähnlichen Alter, jede hat ähnliche Sorgen gehabt und ist zwischen Liebeskummer und Zukunftsängsten in der Luft gehangen. Aber ist Julian deshalb ein uninteressanter Mensch? Oder ein uninteressanter Protagonist eines Romans? Ich denke nicht. Schließlich sind wir alle – und das nach wie vor, egal in welchem Alter – ein bisschen Julian in unserem Alltag, oder? Planlos, ängstlich, launisch, auf uns selbst bezogen. Unspektakulär, einfach.

Und vielleicht brauchen wir alle beizeiten ein Zwergflusspferd, für das die Welt aus Schlafen, Essen und Gähnen besteht und das uns auf den Boden der Realität zurückholt.

“Selbstporträt mit Flusspferd” kommt eindeutig nicht an seinen Vorgängerroman “Der alte König in seinem Exil” heran. Die Geschichte ist dafür einfach zu banal. Julian ist keine Figur, die einem lang in Erinnerung bleiben wird. Trotzdem ist Arno Geigers neuester Roman eine angenehme und lockere Lektüre für den Sommer.


Noch nicht genug?

Hier ein Video voller Informationen und Interpretationen vom Autor selbst – im Interview mit Julia Benkert vom Bayrischen Rundfunk in der Sendereihe “Lesezeichen”:

Arno Geiger hat auch eine eigene Homepage, wo du zahlreiche Informationen über Bücher, Interviews und Lesungen findest.


Pressestimmen

Arno Geigers Roman zielt mitten in die erotische Verwirrung der Gegenwart. […] Sprachlich virtuos und mit heiterem Ernst spielt der österreichische Autor auf der Klaviatur von Utopie und Melancholie, Sehnsucht und Ernüchterung, Hoffnung und Resignation.
Andreas Breitenstein, NZZ, 2015

“Selbstporträt mit Flusspferd” ist also die Coming-of-Age-Geschichte eines jungen Mannes, der sich als etwas Besonderes dünkt, aber auf eine (den Leser) quälende Weise banal und mittelmäßig ist.
Sigrid Löffler, Deutschlandradio, 2015

„Selbstporträt mit Flusspferd“ liest sich leicht und ist doch ein anstrengendes Buch, gerade weil es eine schwierige Lebensphase ins Zentrum rückt. Für erwachsene Leser, die sie hinter sich haben, ist es amüsant, oft jedoch ermüdend, Julian über 280 Seiten beim Erwachsenwerden zuzuschauen.
dpa, Focus, 2015

Arno Geigers Roman “Selbstporträt mit Flusspferd” ist im Hanser Verlag 2015 erschienen.

Hast du “Selbstporträt mit Flusspferd” schon gelesen oder hast du jetzt Lust darauf? – Ich freue mich über deine Meinung!

Zurück nach oben

 

Mehr lesen?


 

Posted By :
Comment :2