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Vea Kaiser: Makarionissi oder die Insel der Seligen (Buchcover Ausschnitt)

Heldinnen weinen nicht. Heldinnen rauchen höchstens

Vea Kaiser mag ich seit Blasmusikpop – obwohl sie in den Medien manchmal etwas dick aufträgt und Sätze von sich gibt, die man schnell mal gegen sie verwenden könnte. Egal. Schreiben kann sie – und das nicht nur gut, sondern sogar sehr gut und zwar so gut, dass man ihre beiden Romane kaum weglegen kann.

In meinen Rezensionen bzw. Loops versuche ich, den Originalstil beizubehalten. So kannst du dir gleich ein Bild von der Schreibweise der Autorin machen und besser entscheiden, ob dir das Buch gefallen könnte. Viel Spaß beim Lesen!


Für meine Bücherwürmer und Leseratten
– ein Loop in vier Gesängen

1. Gesang

Der von einem fast 500 Seiten umfassenden, sprachlich einheitlichen und inhaltlich mitreißenden Roman handelt, den eine junge Autorin aus Österreich geschrieben hat, die bereits mit ihrem ersten Werk „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ große Erfolge feiern konnte.

Vea Kaiser wurde im Jahre neunzehnhundertachtundachzig in der kleinen niederösterreichischen Stadt St. Pölten geboren. St. Pölten war damals nicht klein, es war sogar sehr klein und roch, “als ob der Teufel furzt”. Vea Kaiser ging daher in die nächste große Stadt, um Altgriechisch zu studieren. Die griechische Geschichte faszinierte sie, besonders die Sagen und Helden hatten es ihr angetan und sie beschloss, einen Roman zu schreiben, in den sie die griechische Geschichte einfließen lassen konnte. So entstanden Eleni und Lefti, die Heldin und der Held von „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“, die Vea Kaiser von der Geburt bis in den Ruhestand verfolgt und deren Kinder sie ebenfalls zu ihren Helden macht.

Der Roman ist letztendlich ein Epos geworden. Eingeteilt in neun Gesänge erzählt er von einem halben Jahrhundert griechischer Geschichte, die etwas zu kurz kommt, um den Roman als gesellschaftspolitisch bezeichnen zu können. Die Protagonisten durchleben die Diktatur der Militärjunta, die anschließende Revolution und letzten Endes die Krise des beginnenden dritten Jahrtausends. Im Vordergrund stehen aber immer die persönlichen Probleme der Heldin und des Helden, meistens die Liebe, Sehnsucht und Enttäuschung. Die Lesezeit vergeht bei einem solchen Roman nicht, sie verfliegt.

2. Gesang

Der davon berichtet, wie der Roman beginnt, wie Heldin und Held zusammenfinden und welche Pläne ihre Großmutter mit ihnen hat, die Held und Heldin jedoch eher früher als später durchkreuzen.

Yiayia Maria Kouza war eine angesehene Frau, und nachdem ihr Mann gestorben war, auch das Oberhaupt ihrer Familie. Der Kaffeesatz verriet ihr die Zukunft, die ihren beiden Töchtern und deren Kinder bestimmt war. Eines Nachts, als sie ihre Gedanken schweifen lies und sich den Kopf darüber zermarterte, wie sie ihre Familie, das Haus und alle anderen Besitztümer erhalten könnte, kam ihr die alles rettende Idee: Ein Kind sollte zur Welt gebracht werden, nur, damit ein anderes Kind das Familienerbe würde erhalten können.

So sollte die kleine Eleni geboren werden, so war der junge Lefti gerettet, glaubte die alte Frau. Dabei würde sie bereits wenige Jahre später erleben, dass sich Liebe niemals erzwingen ließ. Doch davon ahnte Yiayia Maria nichts, als sie selig und zufrieden einschlief und nicht im Entferntesten das Gefühl hatte, einen folgenschweren Fehler zu begehen.

3. Gesang

Der die Geschichte der Helden in aller Kürze nacherzählt, ohne jedoch zu viel zu verraten, sondern gerade so viel, um Lust zu machen, diesen Roman zu lesen.

Eleni und Lefti waren eigentlich Cousin und Cousine, doch von Geburt an füreinander bestimmt, und wie es in Varitsi um neunzehnhundertsiebzig üblich war, war eine Heirat der beiden unumgänglich, um Familie und Erbe zu erhalten. Und so, könnte man sagen, begann eine Geschichte voller Enttäuschung, Leid, aber auch Liebe. Weder Lefti noch Eleni ahnten zu diesem Zeitpunkt, dass sie noch oft in ihrem Leben leiden würden wie Hunde. Ausgepeitschte, verhungerte und bespuckte Hunde.

Während Eleni rebellisch und widerspenstig war wie die Locken ihrer Haare, die in alle Richtungen standen, war Lefti ruhig und sehnte sich nach Familie und Sicherheit. Während Lefti die Politik als Kern allen Übels betrachtete und sich tunlichst fernhielt, stürzte sich Eleni mitten in die Revolution. Während Eleni Yoga lernte und Deutschland hasste, schlenderte Lefti am liebsten durch die Fußgängerzone in Hildesheim.

Die beiden lebten sich auseinander. Lefti verliebte sich in Trudi, als Eleni Otto kennenlernte. Als Eleni zurück nach Griechenland ging, zogen Lefti und Trudi nach St. Pölten. Als Lefti Arbeit fand und sich niederließ, reiste Eleni nach Amerika. Als Eleni wieder zurückkehrte, war Lefti immer noch in Österreich. Viele weitere Jahre sahen sie einander gar nicht oder lediglich, wenn sie sich aneinander erinnerten.

4. Gesang

In dem es um eine kleine und bettelarme aber wunderschöne Insel geht, die einer ganzen Familie von Helden Unterschlupf bietet, viele Schicksalsschläge schweigend mitansieht und schließlich einen Traum wahr werden lässt.

Makarionissi lag unweit des Festlands und hatte die Form eines riesigen Hirschkäfers. Hier gab es wenige, aber dafür umso festere Grundüberzeugungen: Die Erde war keine Scheibe, Makarionissi war der schönste Ort der Welt und Vea Kaiser ist eine unumstößliche Romantikerin, bei der Liebe über Jahrzehnte der Abwesenheit des anderen nicht erhalten bleibt, sondern sogar wächst, … „so künstlich, dass es schon wieder echt wirkte.“

Eleni und Lefti waren alt geworden. Aber sie fühlten sich zu Hause, jeder auf seine Art. „Angekommen. Akzeptiert. Vor allem: geliebt.“ Und am Ende geht schließlich ein lang ersehnter Traum in Erfüllung. Wie in allen griechischen Sagen “lebten sie gut, und wir leben noch besser!“


Fazit: Generationenroman zum Mitfiebern

Vea Kaiser lässt ihre Protagonisten leiden. Und zwar immer genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Denn kaum ein Gesang (wie Kaiser die Kapitel bezeichnet) ist lang genug, um langweilig zu werden. Veränderungen treten oft abrupter ein, als man sich wünschen würde. Doch genau das macht Vea Kaisers Romane aus: Unverhoffte Wendungen, die ganz schön verstören können, sich dann jedoch meist wieder zum Guten wenden. Man braucht aber Geduld.

Auch sprachlich hat es die Niederösterreicherin geschafft, einen runden und stimmigen Roman zu schreiben, der einen kaum das Buch aus der Hand legen lässt. Nur noch soviel: Vea Kaiser ist, auch wenn sie nicht so wirkt, eine Romantikerin. Und genauso laden ihre Figuren zum Mitfiebern, Mitleiden und Mitfreuen ein. Gelegentlich auch zum Mitweinen, aber: “Heldinnen weinen nicht”!

„Makarionissi oder Die Insel der Seligen“ ist manchmal eine Gradwanderung zwischen Kitsch, Kommerz und moderner griechischer Tragödie. Vea Kaiser schafft es aber – wie schon im Vorgänger „Blasmusikpop“ – scheinbar mühelos die Balance zu halten. Und das ganz ohne Ungereimtheiten.


Noch nicht genug?

Im folgenden Video aus der Reihe “zehnSeiten” kommt Vea Kaiser ein wenig unsympathisch rüber, wie ich finde. Aber bitte von der übertriebenen Gestik und ihrem überheblichen Ton nicht auf die Qualität ihrer Literatur schließen – die ist nämlich wirklich gut!


Pressestimmen

Es ist bekanntlich Mode, das Alter von Schriftstellern zu erwähnen, solange die noch irgendwie als jung gelten. Bei Vea Kaiser aber scheint das unumgänglich. Denn man staunt über die große Fabulierlust und -kunst der erst 26-jährigen österreichischen Schriftstellerin.
Sabrina Wagner, Die Zeit, 2015

Vea Kaiser ist eine Fabuliererin der alten Schule im modernen Gewand. Sie steht für sprachliche Opulenz sowie Handlungsreichtum, gerät beim Erzählen gern vom Hundertsten ins Tausendste. Im Grunde würde sie am liebsten Romane wie im 19. Jahrhundert verfassen.
Sebastian Fasthuber, Falter, 2015

Sie bleibt ihrem Stil treu, braucht zur Erledigung ihrer Aufgaben wieder rund 500, in neun „Gesänge“ unterteilte Seiten, führt ihre Leser mit räsonierenden Kapitelüberschriften durch fast sechs Jahrzehnte, scheint bei kaum einem Thema (selbst wenn es Andreas Gabalier heißt) Berührungsängste zu haben.
Rainer Moritz, Die Presse, 2015

Vea Kaisers Roman “Makarionissi oder Die Insel der Seligen” ist 2015 bei Kiepenheuer&Witsch erschienen.

Makarionissi oder Blasmusikpop? Am liebsten beides! Oder nicht? Schreib mir deine Meinung in den Kommentaren!

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