Logo
Literatur im Nebel – Bühne mit Schauspielern bei einer Lesung

Der ultimative leseloop Guide zu: Literatur im Nebel

Es gibt viele coole Literaturfestivals in Österreich, zum Beispiel die O-Töne im MQ in Wien, die Literaturtage in Rauris und das Bachmannpreis-Wettlesen in Klagenfurt. Alle drei haben ihr jeweils eigenes Konzept und sind auf ihre Art und Weise sehenswert. Im kleinen niederösterreichischen Heidenreichstein – mitten im schönen und oft nebligen Waldviertel – hat man sich was ganz Besonderes einfallen lassen.


Unheimlich, spannend, melancholisch.

Das waren meine ersten Assoziationen mit dem Namen “Literatur im Nebel” – zugegeben, ein klingender Name für ein Literaturfestival. Unheimlich, spannend und melancholisch kann auch eine gute Kombination für ein Buch sein. Oder für Lesungen aus solchen Büchern. Soweit meine Gedanken.

Ich muss zugeben, ich habe mich auch nicht weiter vorbereitet, sondern einfach die Tickets besorgt und ein Zimmer gebucht. Bei einer kurzen Recherche über das Festival gibt auch Google kaum Informationen her, außer die Webseite des Festivals selbst, die nur wenige Infos über Ablauf oder Örtlichkeiten bereitstellt. Also einfach mal hin und selbst schauen, hören, lesen.

Du musst natürlich nicht auf Geratewohl lostrampen oder auf gut Glück einen Bus in dieses entlegene Dorf erwischen, denn tadaa, hier gibts die Infos (mit Bildern), die ich bei meiner Vorabsuche vermisst habe.

Hin und weg

Ja, das war ich nach diesen zwei Tagen tatsächlich. Vom Festival selbst zumindest. Von Heidenreichstein wieder weg zu kommen, war schon schwieriger. Für die An- und Abreise hat man hier am besten ein Auto, denn Heidenreichstein liegt im nördlichen Waldviertel, hat keinen Bahnhof und nur schlechte Busverbindungen. Ich, Wiener-Großstadt-Nacht-Ubahn-und-sowieso-alle-2-Minuten-eine-Öffiverbindung geeicht, habe mir natürlich darüber keine Gedanken gemacht – und musste dann sonntags zurücktrampen. War auch lustig, doch wenn einem das nicht liegt, dann sollte man berücksichtigen, dass an Sonn- und Feiertagen der erste öffentliche Bus zwischen 16 und 17 Uhr fährt. Der nächste Bahnhof ist in Göpfritz, etwa 30 Kilometer von Heidenreichstein entfernt. Kein Spaziergang also.

Wenn du jetzt aber kein Auto zur Verfügung hast – und auch keinen netten Freund deiner Freundin, der dich in der Pampa am Sonntag abholen kommt–, dann gibt es Shuttlebusse von Wien, die direkt zum Festivalgelände (wow, was für ein Wort für eine umgebaute Scheune) fahren und dich dort auch nach der letzten Lesung pünktlich wieder abholen. 10 Euro kostet der Spaß. Wucher, dachte ich, die Öbb wird günstiger sein, dachte ich, der Bus ist sicher nur für Schnösel, die sich überall hinbringen und abholen lassen.

Tja, im Nachhinein würde ich auch den Bus buchen. Allein schon, weil die Öbb (mit Vorteilscard) fast das Doppelte kostet und das Eineinhalbfache deiner Zeit in Anspruch nimmt. Next time Shuttlebus.

Mit den Shuttelbussen kannst du direkt nach dem Tagesprogramm, das von 17:00 bis etwa 22:30 dauert (und manchmal ein klein bisschen überzogen wird), wieder zurück nach Wien fahren. Sehr praktisch und die günstigste Variante. Schöner ist es auf alle Fälle, in Heidenreichstein (bzw. mit eigenem Auto auch in einem der umliegenden Dörfer) zu bleiben und tagsüber im nahegelegenen Moor spazieren zu gehen. So kann man ganz gemütlich dem Alltag für ein Wochenende entfliehen und sich ganz der Literatur widmen.

Unterkünfte früh buchen

Ins abgelegene Heidenreichstein scheint es nicht viele Menschen zu verschlagen: Es gibt nur vier Unterkünfte, die in Gehreichweite der Margithalle (aka. Festivalgelände aka. umgebaute Scheune) liegen und für nicht-automobile Menschen wie mich in Frage kommen.

Am Literatur-im-Nebel-Wochenende sind aber alle vier ausgebucht. Daher früh entscheiden. Nicht wie ich aufs Glück vertrauen. Obwohl das natürlich bei mir funktioniert hat. Ist dann halt etwas teurer und nicht in der Altstadt, aber: Die Couchen im Zimmer waren bequem, und dank SAT TV musste ich mich nach den ganzen Lesungen nicht auch noch in den Schlaf lesen. Aber hey, man ist dort sowieso den ganzen Tag unterwegs.

Alle Unterkünfte in Heidenreichstein und Umgebung findest du auf der Webseite der Stadtgemeinde.

Beschäftigungstherapie für Literatouristen

Das reguläre Tagesprogramm startet um 17:00. Also braucht der Mensch eine Beschäftigungstherapie. Der Beitrag der Veranstalter dazu war eine Literaturverfilmung. Als kleine Wiedergutmachung quasi für all jene, die den Tourismus im Waldviertel (zumindest für ein Wochenende) unterstützen. Der Beitrag der Stadt war ein Bauernmarkt. Es gab Vollkorn-“Nervenkekse” zum Kosten, das sagt doch alles, oder?

Nein. Einen Tag kann man sich sehr gut in Heidenreichstein beschäftigen. Man schläft am besten erst mal lang und ausgiebig. Ist ja schließlich Wochenende und am Land ists so schön ruhig. Dann ein paar Nervenkekse am Bauernmarkt, eine Besichtigung der Burg oder ein Spaziergang im Moor. Damit kann man sich auch den ganzen Tag beschäftigen, man muss aber nicht wie ich 12 Kilometer durch die Pampa hatschen und dann kaum noch stehen können. Aber man kann.

Bitte nicht allzu ernst nehmen. In Wahrheit bin ich sehr gern am Land und sogar am Land aufgewachsen und möchte auch irgendwann wieder aufs Land zurück. Ach ja, die Betonung liegt auf irgendwann. Als Vorgeschmack dazu tut mir hin und wieder ein Wochenende fernab jeglicher Zivilisation ganz gut. Vielleicht überlege ich mir das dann ja nochmal.

Festival itself

So, Schluss mit lustig. Literatur im Nebel ist nämlich tatsächlich eines der coolsten Literaturfestivals in Österreich. Mit einem ganz eigenen Konzept, von dem ich natürlich keine Ahnung hatte, weil im Internet ja nirgends ein gescheiter Bericht zu finden war. Das Besondere an Literatur im Nebel ist, dass das Programm sich zwei Tage nur (und ja, damit meine ich ausschließlich und exklusiv) mit dem (Lebens)Werk eines Autors oder einer Autorin beschäftigt. Dieses Jahr war das Christoph Hein.

Gelesen wird quer durch das Werk – manchmal in Themenkomplexen zusammengefasst, manchmal abwechselnd mit Reden und Diskussionen. Christoph Hein liest natürlich nicht aus seinem eigenen Werk, sonst würden ihm wahrscheinlich schon nach dem ersten Tag – also nach über vier Stunden Lesung – die Stimmbänder reißen. Genau da aber liegt eine der Besonderheiten von Literatur im Nebel: Gelesen wird von professionellen Schauspielerinnen und Schauspielern. Dadurch bekommt jedes Werk seinen individuellen Klang. Durch professionelles Betonen, bewusst langsames oder schnelles Lesen und kräftige starke Stimmen kommt die Atmosphäre im Buch viel besser zur Geltung als bei den meisten Autorenlesungen.

Was ich auch noch nie – ja, wirklich noch nie, weder auf einem anderen Literaturfestival noch sonst irgendeiner Veranstaltung – erlebt habe: Sogar die Ansprachen der Moderatorin und des Veranstalters, ja sogar die des Bürgermeisters von Heidenreichstein – waren witzig. Ja, witzig. Ja, Ansprachen. Kaum zu glauben, oder?

Pay as you wish?

Normalerweise zahlt man auf Literaturfestivals (zb. auf den drei oben genannten) oder Lesungen (außer die im Burgtheater, klar) nur die Bücher, die man danach unbedingt haben möchte. In Heidenreichstein nicht. Für Literatur im Nebel kostet ein Tagesticket 15 Euro. Wer schneller ist, der bekommt noch einen 2-Tages-Pass für 25 Euro. Ist jetzt kein weltbewegender Unterschied, sollte aber erwähnt sein. Ach ja, im Vorverkauf.

Bis auf die ersten beiden Reihen (vielleicht waren es auch die ersten drei, die gehören den Ehrengästen) ist freie Platzwahl. Deshalb ein kleiner Tipp: Früh dort sein. Denn wie überall gibts auch in Heidenreichstein so rücksichtsvolle Menschen, die für ihre zu spät kommenden Artgenossen gleich mal sechs Plätze mit Schals, Pullover, Jacken, Mützen und Ähnlichem belegen. Bei manchen habe ich mich gewundert, warum derjenige, der dann dort saß, überhaupt noch etwas anhatte. Achja, solltest du vorhaben, dich dort zu entblößen, um für deine Eltern, deine Freundinnen und Freunde, Tanten und Onkels, oder Studienkolleginnen und Mitarbeiter Plätze zu reservieren: Der ORF ist mit zwei Kameras dabei, die das ganze Festival von Anfang bis Ende komplett aufzeichnen. Ja, auch mit Schwenks auf das Publikum.

Die Location ist eine umgebaute Scheune namens Margithalle. Klingt schräg? Ist es aber gar nicht, weil schön ausgebaut, modern aber trotzdem gemütlich. Nur leider eher warm und ein bisschen stickig, wenn viele Leute sich drinnen aufhalten. Hinein geht man über einen etwa 10 Meter langen, mit Zeltplanen überdachten Gang, der gleichzeitig als Raucherbereich dient. Als Nichtraucherin für mich natürlich nicht so fein. Vor allem wenn sich zu Beginn des Abends die Leute anstellen und man nicht mit angehaltener Luft schnell durchkommt. Was solls. Gleicht hoffentlich die gute Landluft wieder aus.

Nur Luft, Liebe und Literatur?

Nein. Zwischendurch sollte auch mal was zu essen her. Dazu sage ich nur eins: Mohn. Mohnhonig: urgut. Mohnzelten: superlecker. Unbedingt essen, wenn du dort jemals hinfahren solltest (was ich dir schwer empfehle). Ich hätte einen Jahresvorrat mitnehmen können. Mohnzelten sind übrigens kleine mit Mohn gefüllte Teigtaschen. Ach ja: Zähneputzen danach nicht vergessen.

Ein kleiner Tipp am Rande: Am Land sperren die Restaurants am Nachmittag zwar nicht (immer) zu, sie kochen aber nicht. Weiß man normalerweise eh, denkt man aber (vielleicht) nicht dran, als Wiener-Großstadt-und-immer-warme-Küche-an-den-Würstelständen-sogar-in-der-Nacht verwöhnter Mensch. Also rechtzeitig essen (oder einkaufen) gehen. Jedenfalls nicht in der Margithalle die ganze dreiviertelstündige Pause an der Theke stehen und auf einen Plastikteller Gulasch warten müssen, und dann schnell runterschlingen, um wieder rechtzeitig im Saal zu sein. Oder hungern. Beides ist nicht lustig.


Fazit und Facts:

Ich bin durch die Loops schon so sehr ans Fazit-Schreiben gewöhnt. Daher auch hier (aber nur kurz, versprochen): Literatur im Nebel ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Für welche Option bezüglich Anreise, Essen, Unterkunft oder Platzwahl du dich auch entscheidest, das Programm wird dich begeistern. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass dir der Autor oder die Autorin, um dessen oder deren Werk es geht, gefällt. Das Programm kannst du dir – sobald es feststeht – auf der Festivalwebseite anschauen.

  • Dauer: 2 Tage (jeweils von 17:00 bis ca. 22:30 mit Pause)
  • Kosten: 15 Euro (Tagesticket), 25 Euro (2-Tages-Pass)
  • Anreise: Mit den Shuttlebus (Ticket 10 Euro pro Fahrt) oder mit der Öbb über Göpfritz oder Gmünd (nächste Bahnhöfe), danach mit dem Bus weiter nach Heidenreichstein. Oder natürlich privat mit dem Auto.
  • Besonderheiten: (Lebens)werk eines einzelnen Schriftstellers oder einer einzelnen Schriftstellerin; Lesungen von professionellen Schauspielerinnen und Schauspielern.
  • Dos: Früh dran sein (bei den Tickets, den Unterkünften und der Veranstaltung selbst), Mohnspezialitäten kosten, im Moor spazieren gehen.
  • Don’ts: In der Margithalle beim Buffet anstellen und eine halbe Stunde auf die Bedienung warten, mit der Öbb hinfahren.

P.S.: Der Nervenkekse werde ich demnächst daheim nachbacken.

Haben dir meine Infos weitergeholfen oder hast du noch Ergänzungen? Rein damit in die Kommentare!

Zurück nach oben

Mehr lesen?


 

Posted By :
Comment :2