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Pro & Contra: O‐Töne Literaturfestival Wien

Wien ist quasi DIE Kulturhauptstadt in Österreich. Okay, Salzburg und Innsbruck sind auch nicht schlecht, aber Wien… das ist eine ganz andere Kategorie. Österreichs einzige Millionenstadt bekommt diesen Status allein schon wegen ihrer Größe, ihrer kulturellen Tradition und Geschichte. In Wien läuft immer was. Deshalb ist es auch sehr cool, hier zu wohnen und Festivals wie die O‐Töne zu besuchen.

Aber was ist denn eigentlich so cool bei den abendlichen Lesungen im Museumsquartier? Und was ist kacke? Hier sind meine 4 guten Gründe, warum du unbedingt hingehen solltest. Und 3 Gründe, warum nicht.

1. Sommer, Sonne, Museumsquartier

Im Gegensatz zu vielen anderen Literaturfestivals steht für mich bei den O‐Tönen nicht die Literatur im Vordergrund, sondern die Location. Das Museumsquartier ist einfach absolut einen Besuch im Sommer wert. Ob tagsüber auf einen Kaffee oder zum Essen in den vielen Lokalen, einen Museumsbesuch in Mumok, der Kunsthalle, dem Leopoldmuseum, oder abends auf eine der zahlreichen Veranstaltungen – seit seiner Eröffnung vor genau 15 Jahren ist das Wiener Museumsquartier (kurz MQ) zu einem Hotspot für junge Leute geworden. Die Lokale dort sind allerdings nicht gerade günstig. Deshalb kommen viele auch einfach, um mit Freunden auf den vielen aufgestellten Enzis abzuhängen und selbst mitgebrachtes Bier zu trinken.

Enzis? Noch nie gehört? Das sind ganz spezielle, relativ große Möbelstücke zum darauf Sitzen und Liegen. Jedes Jahr bekommen sie eine neue Farbe und werden dann über die Saision in den Innenhöfen des MQ aufgestellt. Benannt nach der damaligen Prokuristin Daniela Enzi sind diese überdimensionierten Liegestühle aus Kunststoff zu ziemlichen Kultmöbeln geworden. Man kann die Teile auch kaufen, übrigens. Allerdings sind sie irre teuer. Für ein Einzelstück im neuen “Enzo-Design” aus recyclebaren Materialen zahlt man 1.800 Euro. Und so bequem sind sie auch wieder nicht. Außerdem viel zu sperrig für einen kleinen Garten. Und schwer. Dafür aber robust und stylisch, perfekt fürs MQ.

Museumsquartier Wien Haupthof mit Enzis

Museumsquartier Wien Haupthof mit Enzis

2. Altersdurchschnitt 60 Jahre? Nicht bei den O‐Tönen!

Lesungen – so macht es manchmal den Anschein – sind verstaubte alte Hochkultur für mindestens ebenso alte Leute. Auf Literaturfestivals wie den Rauriser Literaturtagen oder Literatur im Nebel ist das Durchschnittsalter gefühlt 60 Jahre. Und das nur, weil ein paar junge Leute mittendrin sitzen und den Schnitt noch aufbessern. Aber hey, nichts gegen unsere Seniorinnen und Senioren! Von den meisten, die ich auf Literaturfestivals kennengelernt habe, kann ich nur Positives berichten: Sie sind jung geblieben, geistig superfit und von täglichem Anti-Demenz-Kreuzworträtsellösen weit entfernt.

Viel eher finde ich es schade, dass so wenige junge Leute sich für vorgelesene Literatur begeistern können. Und genau da setzen die O‐Töne an, heuer sogar mit noch einem Bonuspunkt: An jedem Termin gibt es zwei Programmpunkte, eine Debütautorin und ein etablierter Schriftsteller (oder auch umgekehrt). So kommen junge, frische, knackige Autorinnen und Autoren mit alteingesessenen Erzählprofis zusammen. Außerdem stimmt die Location, die hauptsächlich junge Leute anlockt (siehe dazu Punkt 1).

Büchertisch im MQ Haupthof

Büchertisch im MQ Haupthof

3. Die Atmosphäre ist angenehm locker

Du möchtest in Bikini oder Badehose einen Tag im Museumsquartier ausklingen lassen und bei untergehender Sonne angenehm lesenden Stimmen lauschen? Vielleicht noch einen Spritzer oder ein Bier dazu? Dann nichts wie hin zu den O‐Tönen, dort ist genau das möglich. Bei vielen anderen Literaturfestivals passt der Rahmen einfach nicht zu Sommer, Sonne und Cocktails. Weil sie gar nicht im Sommer stattfinden. Und weil die Atmosphäre einfach eher steif ist. In der Hinsicht könnte sogar bei den O‐Tönen noch mehr getan werden. Liegestühle zum Beispiel, statt Plastiksessel in Reihen.

Steif in Stuhlreihen sitzen mag ich selbst zum Beispiel gar nicht. Viel gemütlicher finde ich es, mit einer Picknickdecke am Boden. Oder auch einfach auf dem von der Sonne gewärmten Granit. Oder auf einem Enzi. Das das MQ allerdings ein Ganztagesspot ist, müsste man wahrscheinlich schon Stunden früher dort sein, um eines zu ergattern. Oder (sehr viel) Glück haben.

4. Bei Regen in der Arena21

Für einen plötzlichen Wettereinbruch haben die O‐Töne vorgesorgt. Die Lesungen finden dann trotzdem statt, nur eben indoor in der Arena21. Das ist erstmal ganz cool, weil man nicht für umsonst hingeht oder auf die Lesung ganz verzichten muss.

Lesung in der Arena21

Lesung bei Schlechtwetter in der Arena21

Ich persönlich mag die Arena21, diesen sterilen weißen Saal, allerdings nicht. Er erinnert mich an einen Ausstellungsraum, in dem eigentlich Kunst hängen sollte. Außerdem wird es meist sehr voll und stickig. Prinzipiell ist es aber ein Vorteil, dass die O‐Töne bei Regen nicht ausfallen und es diese Ausweichmöglichkeit in die Arena21 gibt. Die meisten anderen open air Veranstaltungen – Achtung Wortspiel – fallen dann ja ins Wasser.


So. Nun ist kein Literaturfestival perfekt. Auch an den O‐Tönen gibt es ein paar Dinge, die nicht so toll sind. Ob du deshalb zuhause bleiben sollst? Entscheide selbst:

1. Open-Air mit Background-Sound

Open-Air klingt erst mal super. Im kleinen Nebenhof im Museumquartier (mit Namen “Boule Bahnen”) ist es das auch. Abseits von recht lauten Haupthof versteht man auch in den hintersten Ecken die Stimmen der Lesenden. Während sich der Himmel dann langsam rötlich färbt, lauscht man bedächtig dem neuen Roman, der gerade in Abschnitten aus den Lautsprechern schallt. Romantisch, oder?

Bekanntere Autorinnen und Autoren – wie letztes Jahr etwa Clemens J. Setz, aber auch mehr Hintergrundrauschen. Viele Menschen kommen und gehen, unterhalten sich auf Enzis und in Lokalen oder laufen einfach durch das MQ durch. So entsteht Lärm, der dazu führt, dass man eben nur direkt vor der Bühne oder im Bereich der Lautsprecher etwas hört. Ein wenig abseits und man bekommt nichts mehr mit. Da meistens doch recht viele Leute kommen, sollte man also mindestens eine halbe Stunde vorher da sein, um noch einen Platz zu bekommen.

O‐Töne Lesung im Haupthof mit Clemens J. Setz

O‐Töne Lesung im Haupthof mit Clemens J. Setz

2. Fast Food Literatur im Vorbeigehen

Kurzweilig waren die O‐Töne eigentlich schon immer. Das liegt an Faktoren wie Location, Hintergrundgeräuschen und Jahreszeit, und ist per se kein Nachteil. Literatur wird vielmehr in einem zeitgenössischen Rahmen präsentiert – als Open Air Veranstaltung im MQ und damit auch als Fast-Food während dem Vorbeigehen: kurz Stehenbleiben, kurz Zuhören und Weitergehen. (Achtung: Fast Food, nicht Junk Food!)

3. Lesungen ohne Gespräch

Aufgrund der Doppellesung, die mit diesem Jahr neu ist, wird bei der Moderation Zeit eingespart. Bis letztes Jahr gab es immer ein Gespräch nach jeder Lesung. Vielleicht haben die Veranstalter Angst, dass die Aufmerksamkeitsspanne für längere Gespräche zu gering ist – an Donnerstagabenden ab 20 Uhr. Ich weiß es nicht. Meine Aufmerksamkeit hätten sie.

Am 21. Juli zum Beispiel verschwand Irmgard Fuchs gleich nach der Lesung von der Bühne. Dann kam zack zack Eva Schmidt dran. Zumindest gab es eine Anmoderation von Daniela Strigl zu beiden Autorinnen. Also doch ein wenig Rahmenprogramm und nicht nur bloße Lesungen.

Lesung bei den Boule Bahnen mit Irmgard Fuchs

Lesung bei den Boule Bahnen mit Irmgard Fuchs

Ich mag Anmoderationen allerdings generell nicht so gern. Meistens sind sie recht ausschweifend – fast kurze Rezensionen. Manchmal spoilern sie auch und du weißt ja, was ich von Spoilern halte. Besser finde ich es, mehr Zeit in ein Gespräch nach der Lesung zu investieren, wenn schon Zeit gespart werden soll. Nach einer Lesung hat das Publikum bereits ein wenig Ahnung von Inhalt, Stil und Sprache. Da kann man auch eher einer Diskussion über das Werk folgen, die dann nichts mehr vorweg nimmt.

Bei der Lesung von Norbert Gstrein am 28. Juli war das der Fall. Allerdings hat der Autor sehr viel von sich erzählt und die Lesung auf über eine Stunde aufgeblasen. Auch nicht gut. Vor allem aber, weil ich keine Jacke mithatte und es an diesem Tag recht kühl war.


Fazit und Facts

Im Großen und Ganzen sind die O‐Töne cool. Außer man sitzt im Haupthof weit abseits oder in der Arena21 drinnen. Dann hört man entweder nichts oder hat nicht die für die O‐Töne typische open-air-Atmosphäre. Auf jeden Fall aber sind sie einen Besuch wert. Nicht nur, wenn man einen offiziellen Grund braucht, sich mit Freunden abends auf ein Bier zu treffen. Immerhin gibt es 4 Gründe für die O‐Töne und nur 3 dagegen.

Wie jedes Mal gibts zum Schluss ein paar Eckdaten und Tipps von mir als jahrelang treue und leidenschaftliche O‐Töne Liebhaberin:

  • Dauer: Den ganzen Sommer, meist von Anfang Juli bis Ende August / Anfang September. Immer Donnerstagabend ab 20:00, Dauer etwa 1,5 Stunden.
  • Kosten: gratis Eintritt.
  • Anreise: Mit der U3/U2 Station “Volkstheater” oder “Museumsquartier”.
  • Besonderheiten: Open Air Lesungen in lauen Sommernächten, Debütlesungen für Jungautorinnen und -autoren, schneller Literaturkonsum im Vorbeigehen möglich.
  • Dos: Generell mind. eine viertel Stunde früher da sein, um einen Platz zu bekommen. Auch unbekanntere Schriftstellerinnen und Schriftsteller anhören.
  • Don’ts: Zu weit weg sitzen. Während den Lesungen laut tratschen.
  • Tipp: Die Events werden einzeln als Facebook-Events ausgeschrieben. Praktisch zur Erinnerung.

 

Du besuchst auch jedes Jahr die O‐Töne und bist so gar nicht meiner Meinung? Oder hast noch viele weitere Tipps, die auch mir noch helfen können? Dann rein damit in die Kommentare!

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