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Pro & Contra: O‐Töne Literaturfestival Wien

Wien ist quasi DIE Kulturhauptstadt in Österreich. Okay, Salzburg und Innsbruck sind auch nicht schlecht, aber Wien… das ist eine ganz andere Kategorie. Österreichs einzige Millionenstadt bekommt diesen Status allein schon wegen ihrer Größe, ihrer kulturellen Tradition und Geschichte. In Wien läuft immer was. Deshalb ist es auch sehr cool, hier zu wohnen und Festivals wie die O‐Töne zu besuchen.

Aber was ist denn eigentlich so cool bei den abendlichen Lesungen im Museumsquartier? Und was ist kacke? Hier sind meine 4 guten Gründe, warum du unbedingt hingehen solltest. Und 3 Gründe, warum nicht.

1. Sommer, Sonne, Museumsquartier

Im Gegensatz zu vielen anderen Literaturfestivals steht für mich bei den O‐Tönen nicht die Literatur im Vordergrund, sondern die Location. Das Museumsquartier ist einfach absolut einen Besuch im Sommer wert. Ob tagsüber auf einen Kaffee oder zum Essen in den vielen Lokalen, einen Museumsbesuch in Mumok, der Kunsthalle, dem Leopoldmuseum, oder abends auf eine der zahlreichen Veranstaltungen – seit seiner Eröffnung vor genau 15 Jahren ist das Wiener Museumsquartier (kurz MQ) zu einem Hotspot für junge Leute geworden. Die Lokale dort sind allerdings nicht gerade günstig. Deshalb kommen viele auch einfach, um mit Freunden auf den vielen aufgestellten Enzis abzuhängen und selbst mitgebrachtes Bier zu trinken.

Enzis? Noch nie gehört? Das sind ganz spezielle, relativ große Möbelstücke zum darauf Sitzen und Liegen. Jedes Jahr bekommen sie eine neue Farbe und werden dann über die Saision in den Innenhöfen des MQ aufgestellt. Benannt nach der damaligen Prokuristin Daniela Enzi sind diese überdimensionierten Liegestühle aus Kunststoff zu ziemlichen Kultmöbeln geworden. Man kann die Teile auch kaufen, übrigens. Allerdings sind sie irre teuer. Für ein Einzelstück im neuen “Enzo-Design” aus recyclebaren Materialen zahlt man 1.800 Euro. Und so bequem sind sie auch wieder nicht. Außerdem viel zu sperrig für einen kleinen Garten. Und schwer. Dafür aber robust und stylisch, perfekt fürs MQ.

Museumsquartier Wien Haupthof mit Enzis

Museumsquartier Wien Haupthof mit Enzis

2. Altersdurchschnitt 60 Jahre? Nicht bei den O‐Tönen!

Lesungen – so macht es manchmal den Anschein – sind verstaubte alte Hochkultur für mindestens ebenso alte Leute. Auf Literaturfestivals wie den Rauriser Literaturtagen oder Literatur im Nebel ist das Durchschnittsalter gefühlt 60 Jahre. Und das nur, weil ein paar junge Leute mittendrin sitzen und den Schnitt noch aufbessern. Aber hey, nichts gegen unsere Seniorinnen und Senioren! Von den meisten, die ich auf Literaturfestivals kennengelernt habe, kann ich nur Positives berichten: Sie sind jung geblieben, geistig superfit und von täglichem Anti-Demenz-Kreuzworträtsellösen weit entfernt.

Viel eher finde ich es schade, dass so wenige junge Leute sich für vorgelesene Literatur begeistern können. Und genau da setzen die O‐Töne an, heuer sogar mit noch einem Bonuspunkt: An jedem Termin gibt es zwei Programmpunkte, eine Debütautorin und ein etablierter Schriftsteller (oder auch umgekehrt). So kommen junge, frische, knackige Autorinnen und Autoren mit alteingesessenen Erzählprofis zusammen. Außerdem stimmt die Location, die hauptsächlich junge Leute anlockt (siehe dazu Punkt 1).

Büchertisch im MQ Haupthof

Büchertisch im MQ Haupthof

3. Die Atmosphäre ist angenehm locker

Du möchtest in Bikini oder Badehose einen Tag im Museumsquartier ausklingen lassen und bei untergehender Sonne angenehm lesenden Stimmen lauschen? Vielleicht noch einen Spritzer oder ein Bier dazu? Dann nichts wie hin zu den O‐Tönen, dort ist genau das möglich. Bei vielen anderen Literaturfestivals passt der Rahmen einfach nicht zu Sommer, Sonne und Cocktails. Weil sie gar nicht im Sommer stattfinden. Und weil die Atmosphäre einfach eher steif ist. In der Hinsicht könnte sogar bei den O‐Tönen noch mehr getan werden. Liegestühle zum Beispiel, statt Plastiksessel in Reihen.

Steif in Stuhlreihen sitzen mag ich selbst zum Beispiel gar nicht. Viel gemütlicher finde ich es, mit einer Picknickdecke am Boden. Oder auch einfach auf dem von der Sonne gewärmten Granit. Oder auf einem Enzi. Das das MQ allerdings ein Ganztagesspot ist, müsste man wahrscheinlich schon Stunden früher dort sein, um eines zu ergattern. Oder (sehr viel) Glück haben.

4. Bei Regen in der Arena21

Für einen plötzlichen Wettereinbruch haben die O‐Töne vorgesorgt. Die Lesungen finden dann trotzdem statt, nur eben indoor in der Arena21. Das ist erstmal ganz cool, weil man nicht für umsonst hingeht oder auf die Lesung ganz verzichten muss.

Lesung in der Arena21

Lesung bei Schlechtwetter in der Arena21

Ich persönlich mag die Arena21, diesen sterilen weißen Saal, allerdings nicht. Er erinnert mich an einen Ausstellungsraum, in dem eigentlich Kunst hängen sollte. Außerdem wird es meist sehr voll und stickig. Prinzipiell ist es aber ein Vorteil, dass die O‐Töne bei Regen nicht ausfallen und es diese Ausweichmöglichkeit in die Arena21 gibt. Die meisten anderen open air Veranstaltungen – Achtung Wortspiel – fallen dann ja ins Wasser.


So. Nun ist kein Literaturfestival perfekt. Auch an den O‐Tönen gibt es ein paar Dinge, die nicht so toll sind. Ob du deshalb zuhause bleiben sollst? Entscheide selbst:

1. Open-Air mit Background-Sound

Open-Air klingt erst mal super. Im kleinen Nebenhof im Museumquartier (mit Namen “Boule Bahnen”) ist es das auch. Abseits von recht lauten Haupthof versteht man auch in den hintersten Ecken die Stimmen der Lesenden. Während sich der Himmel dann langsam rötlich färbt, lauscht man bedächtig dem neuen Roman, der gerade in Abschnitten aus den Lautsprechern schallt. Romantisch, oder?

Bekanntere Autorinnen und Autoren – wie letztes Jahr etwa Clemens J. Setz, aber auch mehr Hintergrundrauschen. Viele Menschen kommen und gehen, unterhalten sich auf Enzis und in Lokalen oder laufen einfach durch das MQ durch. So entsteht Lärm, der dazu führt, dass man eben nur direkt vor der Bühne oder im Bereich der Lautsprecher etwas hört. Ein wenig abseits und man bekommt nichts mehr mit. Da meistens doch recht viele Leute kommen, sollte man also mindestens eine halbe Stunde vorher da sein, um noch einen Platz zu bekommen.

O‐Töne Lesung im Haupthof mit Clemens J. Setz

O‐Töne Lesung im Haupthof mit Clemens J. Setz

2. Fast Food Literatur im Vorbeigehen

Kurzweilig waren die O‐Töne eigentlich schon immer. Das liegt an Faktoren wie Location, Hintergrundgeräuschen und Jahreszeit, und ist per se kein Nachteil. Literatur wird vielmehr in einem zeitgenössischen Rahmen präsentiert – als Open Air Veranstaltung im MQ und damit auch als Fast-Food während dem Vorbeigehen: kurz Stehenbleiben, kurz Zuhören und Weitergehen. (Achtung: Fast Food, nicht Junk Food!)

3. Lesungen ohne Gespräch

Aufgrund der Doppellesung, die mit diesem Jahr neu ist, wird bei der Moderation Zeit eingespart. Bis letztes Jahr gab es immer ein Gespräch nach jeder Lesung. Vielleicht haben die Veranstalter Angst, dass die Aufmerksamkeitsspanne für längere Gespräche zu gering ist – an Donnerstagabenden ab 20 Uhr. Ich weiß es nicht. Meine Aufmerksamkeit hätten sie.

Am 21. Juli zum Beispiel verschwand Irmgard Fuchs gleich nach der Lesung von der Bühne. Dann kam zack zack Eva Schmidt dran. Zumindest gab es eine Anmoderation von Daniela Strigl zu beiden Autorinnen. Also doch ein wenig Rahmenprogramm und nicht nur bloße Lesungen.

Lesung bei den Boule Bahnen mit Irmgard Fuchs

Lesung bei den Boule Bahnen mit Irmgard Fuchs

Ich mag Anmoderationen allerdings generell nicht so gern. Meistens sind sie recht ausschweifend – fast kurze Rezensionen. Manchmal spoilern sie auch und du weißt ja, was ich von Spoilern halte. Besser finde ich es, mehr Zeit in ein Gespräch nach der Lesung zu investieren, wenn schon Zeit gespart werden soll. Nach einer Lesung hat das Publikum bereits ein wenig Ahnung von Inhalt, Stil und Sprache. Da kann man auch eher einer Diskussion über das Werk folgen, die dann nichts mehr vorweg nimmt.

Bei der Lesung von Norbert Gstrein am 28. Juli war das der Fall. Allerdings hat der Autor sehr viel von sich erzählt und die Lesung auf über eine Stunde aufgeblasen. Auch nicht gut. Vor allem aber, weil ich keine Jacke mithatte und es an diesem Tag recht kühl war.


Fazit und Facts

Im Großen und Ganzen sind die O‐Töne cool. Außer man sitzt im Haupthof weit abseits oder in der Arena21 drinnen. Dann hört man entweder nichts oder hat nicht die für die O‐Töne typische open-air-Atmosphäre. Auf jeden Fall aber sind sie einen Besuch wert. Nicht nur, wenn man einen offiziellen Grund braucht, sich mit Freunden abends auf ein Bier zu treffen. Immerhin gibt es 4 Gründe für die O‐Töne und nur 3 dagegen.

Wie jedes Mal gibts zum Schluss ein paar Eckdaten und Tipps von mir als jahrelang treue und leidenschaftliche O‐Töne Liebhaberin:

  • Dauer: Den ganzen Sommer, meist von Anfang Juli bis Ende August / Anfang September. Immer Donnerstagabend ab 20:00, Dauer etwa 1,5 Stunden.
  • Kosten: gratis Eintritt.
  • Anreise: Mit der U3/U2 Station “Volkstheater” oder “Museumsquartier”.
  • Besonderheiten: Open Air Lesungen in lauen Sommernächten, Debütlesungen für Jungautorinnen und -autoren, schneller Literaturkonsum im Vorbeigehen möglich.
  • Dos: Generell mind. eine viertel Stunde früher da sein, um einen Platz zu bekommen. Auch unbekanntere Schriftstellerinnen und Schriftsteller anhören.
  • Don’ts: Zu weit weg sitzen. Während den Lesungen laut tratschen.
  • Tipp: Die Events werden einzeln als Facebook-Events ausgeschrieben. Praktisch zur Erinnerung.

 

Du besuchst auch jedes Jahr die O‐Töne und bist so gar nicht meiner Meinung? Oder hast noch viele weitere Tipps, die auch mir noch helfen können? Dann rein damit in die Kommentare!

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Rauriser Literaturtage

Der ultimative leseloop Guide zu: Rauriser Literaturtage

Es war einmal mitten in den Bergen, noch in Salzburg aber doch schon fast in Tirol, auf einer Seehöhe, wo im Winter noch Schnee liegt. Ja, echter Schnee! Den gibt nämlich noch in Österreich. An heimeligen Orten mit wunderschöner Landschaft, kurvenreichen Straßen und alten Bauernhäusern. So ein Ort ist Rauris. Und abgesehen von den Hirschgeweihen, die in jedem Gasthaus an den Wänden hängen, genau der richtige Ort, um ein Literaturfestival wie die Rauriser Literaturtage zu veranstalten.


Rauris – ein modernes Märchen

So trug es sich zu, dass sich eines Tages drei Freundinnen und ein Freund auf den Weg machten, um diesen sagenumwobenen Ort zu erkunden. Viel hatten sie bereits gehört und gelesen, und groß war ihre Vorfreude, als sich der Bus die schmalen Straßen den Berg hinauf schlängelte, immer gerade noch am Abgrund vorbei. Als sie mitten im gefühlten Nirgendwo aus dem Bus stiegen, fanden sie nicht nur Unterschlupf in einem kleinen aber feinen Gästehaus. Nein, sie fanden einen wundersamen freundlichen Ort, umringt von Bergen, bewohnt von zuvorkommenden Menschen.

Die Zeit verging wie im Flug und die drei Freundinnen und der Freund konnten kaum zwinkern, schon war die Zeit vorbei. Als sie den Ort auf dem selben Weg verließen, lagen vier wunderschöne Tage voller Lesungen, Gespräche und Wanderungen hinter ihnen. Das gute Frühstück noch im Magen, freuten sie sich bereits auf nächstes Jahr. Denn alle gedachten, wieder nach Rauris zurückzukehren, wenn sich dieser kleine unscheinbare Wintersportort in das Literaturmekka Österreichs verwandelt.


Leseratten.Wellness

Wie auch vom Festival Literatur im Nebel bin ich nicht nur begeistert, sondern geradezu besessen von den Rauriser Literaturtagen. Ich freue mich wie ein Kind das ganze Jahr auf diese drei bis vier Tage, abseits von Arbeit, Stadt und allem, was sonst noch so zu meinem Alltag gehört. Denn genau das ist Rauris für mich: Ein Ausflug in eine andere Welt. Ein Literatur-Retreat sozusagen.

Das Programm ist zwar das übliche, also nicht wirklich außergewöhnlich, hat sich aber über die Jahre bewährt. Lesungen wechseln sich ab mit Gesprächen und Diskussionen. Nach den Lesungen wird – wie fast immer bei Lesungen üblich – über das Buch geplaudert.

Diese Gespräche sind mal besser mal schlechter. Letztes Jahr fand ich die Qualität eher mau. Heuer hingegen waren viele der Gespräche wieder sehr aufschlussreich. Vielleicht liegt das auch ein wenig am Thema, wie gut bzw. schlecht man über etwas diskutieren kann. Alles in allem wird das Festival immer mehr zum Mainstream-Event, seit Brita Steinwendtner ihr Amt als Organisatorin und Moderatorin bei den Literaturtagen niedergelegt hat. Aber hey, die Lesungen sind nach wie vor super.

Die in Rauris lesenden Autorinnen und Autoren werden übrigens sehr sorgfältig ausgewählt. Dabei finden sich meist keine größeren Namen, dafür aber umso mehr echte Geheimtipps. Ohne die Rauriser Literaturtage wäre ich auf viele Autorinnen und Autoren, die ich heute sehr schätze, nicht aufmerksam geworden.

Geschichte.erzählen

Jedes Jahr steht Rauris unter einem bestimmten Stern. Heuer zum Beispiel würdigt das Festival die Tatsache, dass Salzburg seit genau 200 Jahren zu Österreich gehört. Ein denkwürdiges Ereignis. Ohne würde es das Festival womöglich nicht geben. Und ohne die Literaturtage in Rauris wäre die Literaturfestival-Landschaft in Österreich nicht dieselbe.

Passend zum Thema wird auch der Rauriser Literaturpreis im Wert von 8.000 Euro für Prosa-Debüts vergeben. Heuer bekommt ihn die in Wien lebende Autorin Hanna Sukare für ihren Roman “Staubzunge”. Außerdem gibt es noch den Rauriser Förderpreis, den diesmal der Vorarlberger Autor Carlos Peter Reinelt absahnt. Seinen übrigens echt bemerkenswerten monologischen Text über die letzten Minuten der Flucht in jenem LKW, in dem letztes Jahr 71 Flüchtlinge erstickt sind, kannst du in der Zeitschrift Salz nachlesen. Die drucken immer eine Extra Ausgabe zu den Rauriser Literaturtagen mit Texten zu allen Autorinnen und Autoren.

Motto also: “Geschichte.erzählen“. Heuer übrigens ganz “modern” mit Punkt zwischen den Wörtern (das musste ich gleich bei meinen Überschriften nachmachen). Und danach richtet sich das Programm der Rauriser Literaturtage. Hier ein kurzer Überblick, was du auf keinen Fall verpassen solltest:

1. Rauris.Universität

Für all jene, die Gespräche über Literatur mögen, sind die Gespräche zwischen Studierenden und den Autorinnen und Autoren ein echtes Highlight: Die Studierenden machen sich vorher Gedanken zum Werk und fragen sehr spezifisch zu den Hinter- und Beweggründen. Voraussetzung, um tatsächlich die gesamte Bandbreite zu verstehen: Man sollte das besprochene Buch gelesen haben. Aber auch sonst sind die Gespräche sehr gut. Findet heuer sogar an zwei Vormittagen statt!

2. Lesungen auf der Heimalm

Für mich die eigentliche Eröffnung des Festivals! Im urigen Bergstüberl – zu dem man übrigens auch zu Fuß hochwandern kann – finden einen Abend lang in gemütlicher heimeliger Atmosphäre Lesungen mit musikalischer Begleitung statt. Auf über 2000 Höhenmeter hat man außerdem eine überwältigende Aussicht und kann sich den Sonnenuntergang von der Terrasse aus ansehen. Allerdings sehr kuschelig, weil fast zu klein für die Menge an Besucherinnen und Besuchern, die jährlich da hinauf pilgert.

3. Rauris.Lyrik

Mal was anders als Prosa für zwischendurch! Auch für Menschen, die mit Lyrik nicht so viel anfangen können.

4. Alte Schule in Bucheben

Ein Highlight der Extraklasse (wortwörtlich). Hier dürfen nur die “Freunde der Rauriser Literaturtage” rein. Der Mitgliedsbeitrag von etwa 25 Euro (15 Euro für Studierende) zahlt sich jedoch aus: Die “Freunde” bieten gemeinsame Wanderungen, Lesungen und Treffen in Salzburg und Umgebung. Und auch diese Exklusivlesung in Rauris. Für all jene, die in Salzburg leben, eine Überlegung wert.

Das Programm ist jedes Jahr anders, die genauen Eckdaten zu den Rauriser Literaturtagen findest du auf der Veranstaltungswebsite.

Hütten.Hallen.Hirschgeweihe

Die Haupthalle – sorry, aber diese Bezeichnung drängt sich hier einfach auf – befindet sich im Gasthof Grimming mitten im Zentrum von Rauris. Hier finden alle Abendveranstaltungen und damit die Hauptlesungen statt. Willst du einen Platz im Grimming, dann solltest du dich spätestens eine Stunde vor Einlass vor der Türe anstellen. Der Einlass ist dann immer noch etwa zwei Stunden vor Beginn der Lesungen. Meistens sammelt sich bereits am späten Nachmittag eine Traube von Menschen vor dem Eingang, um die besten Plätze zu ergattern. Für Autorinnen und Autoren, Presseleute und VIPs gibt’s natürlich reservierte Plätze.

Hier nochmal der genaue Zeitplan fürs optimale Anstellen vorm Grimming: Die Lesungen beginnen um 19:00, Einlass ist demnach um etwa 17:00 und Anstellen sollte man sich daher mindestens um 16:00. Das ist in etwa genau dann, wenn im Platzwirt die Nachmittagsveranstaltung endet.

Mir persönlich ist das zu stressig. Aber ich verrate dir ein Geheimnis (das eigentlich keines ist, aber egal): Im Platzwirt gleich nebenan werden die Lesungen auf zwei großen Leinwänden live übertragen, man bekommt auch fünf Minuten nach Veranstaltungsbeginn noch einen Platz und kann außerdem während der Lesungen was essen oder trinken. Die Zeit zwischen den Veranstaltungen kann man für einen Besuch im Kaffeehaus, einen Spaziergang oder einen kurzen (Nachmittags-)Schlaf nutzen. Die Lesungen dauern schließlich bis etwa 22:30 und Menschen tendieren dazu, in angenehmer warmer Atmosphäre einzunicken. Also lieber Kraft und frische Luft (und/oder Koffein) tanken anstatt sich mindestens eine Stunde vorm Grimming die Beine in den Bauch zu stehen.

Exklusiv.außergewöhnlich

Die mit Abstand coolste Location ist die Heimalm. Eigentlich eine Skihütte mit so grauslichen Getränken wie Jagatee im Angebot (probieren auf eigene Verantwortung!), verwandelt sich die aus Holz gezimmerte “Hütte” in ein heimeliges Lesezimmer. Allerdings sitzt man sehr kuschelig, um es nett auszudrücken. Besonders hier gilt – fast noch mehr wie beim Grimming: Wer früher kommt, ergattert die wenigen nicht reservierten Plätze! Zur Not sitzen die Leute dort auch am Dachboden (wieder mit Liveübertragung auf Leinwand), auf den Stufen oder auf von draußen hereingetragenen Bierbänken. Wir haben es uns heuer zb. auf den Equipmentkoffern des ORF gemütlich gemacht.

Leider nur für die Freunde der Rauriser Literaturtage zugänglich ist die Alte Schule von Bucheben. Falls man nicht selbst mit dem Auto da ist, sollte man sich früh genug um eine Mitfahrgelegenheit kümmern. Es gibt aber auch mehrere Busse, die nur wenige Gehminuten entfernt von der Location stehenbleiben. In der Alten Schule gibts in kleiner Runde eine Extralesung – meist von einem Autor oder einer Autorin, die abends dann auch im Platzwirt oder im Grimming lesen.

Für die Freunde der Rauriser Literaturtage liest jener Autor bzw. jene Autorin aber ganz spezielle exklusive – oder wie heuer: noch nicht mal veröffentlichte – Texte. Und das ist schon sehr sehr cool. Allerdings nur für Mitglieder zugänglich. Nicht mal die Presse war dort, so geheim ist das ganze.

Noch geheimer – und zwar so geheim, dass man davon gar nichts mitbekommt, wenn man das Festival “ganz normal” besucht – sind die sogenannten Störlesungen. Eine Störlesung leitet sich von der Wendung “auf Stör gehen” ab und bedeutet, dass Dichter und Dichterinnen die in Rauris lebenden Menschen zuhause besuchen und dort auch lesen. Die Lesungen sind dann dementsprechend nur für die Familien und deren Freunde. Wenn du also bei einer Störlesung teilnehmen möchtest, dann musst du dafür von einem der Gastgebenden eingeladen werden. Es soll schon Leute gegeben haben, die das geschafft haben. Die Lesungen sind dann in sehr intimer Atmosphäre und lassen viel Raum für persönlichen Kontakt mit den Autoren und Autorinnen. Wenn du dann noch mehr Glück hast, darfst du auch bei der zünftigen Jause mitnaschen.

Literatur.Bergsteigen

Die Literaturtage haben ein recht dichtes Programm. Man kann, wie gesagt, vom Platzwirt direkt zum Grimming weiter gehen und quasi von 10 Uhr vormittags bis 23 Uhr abends sitzend in den beiden Gasthäusern verbringen. Muss man aber nicht. Denn ein Ausflug nach Rauris ist einfach nicht derselbe, wenn man das Dorf nicht einmal von oben gesehen hat. Am besten erklimmt man die quasi vor der Haustür anfangenden Berghänge selbst, damit der atemberaubende Ausblick auch verdient ist.

Mit ein wenig Kondition ist man eigentlich innerhalb einer halben Stunde auf einer recht passablen Höhe angelangt, kommt an Kühen und Wasserfällen vorbei und kann sich auf eine der Bänke setzen, um den Ort von oben zu betrachten. Außerdem gibts eine Rodelbahn von der Kreuzbodenhütte zurück runter nach Rauris. Also falls noch Schnee liegt… Besser aber zuerst unten den Liftwart fragen, ob die Rodelbahn noch geöffnet ist.

Wer außerdem nicht gehen mag, kann dort mit einem Sessellift hinauffahren. Schlitten kann man sich oben ausborgen und dann den ganzen Tag rauf und runter fahren. Entsprechend wasserdichte Kleidung und Handschuhe vorausgesetzt. Ohne wirds nämlich richtig schnell kalt. Und nass.

Lese.Anreise

Im Prinzip keine große Sache. Wer ein Auto hat – und das haben die meisten (gefühlt eigentlich alle), die nach Rauris kommen – biegt in Taxenbach, einem kleinen Ort zwischen Zell am See und St. Veit im Pongau, einfach Richtung Rauris ab. Parkplätze gibts genug und es freut sich der Stadtmensch: Am Land ist Parken noch kostenlos. Jeder Gasthof hat außerdem Stellplätze, die Gästen selbstverständlich zur Verfügung stehen.

Ohne Auto ist’s auch nicht viel komplizierter – man sollte sich allerdings im Klaren sein, dass Samstag und Sonntag jeweils nur zwei Busse fahren. Wer den ersten Bus am Vormittag verpasst, der muss wohl oder übel bis zum Abend in Rauris bleiben. Oder kommt mit Mitfahrgelegenheit wieder in die Zivilisation (oder zumindest zum nächsten Bahnhof). Die genauen Abfahrts- und Ankunftszeiten findest du auf der Seite der Salzburger Verkehrsbetriebe. Mit ein wenig Organisation kommt man also gut hin und zurück.

Traum.Orte

Der Wintertourismus hat den kleinen Ort ebenfalls für sich entdeckt. Zur Zeit des Literaturfestivals ist die Skisaison schon fast wieder vorbei, man sieht allerdings noch vereinzelt Leute auf den Pisten. Das heißt, Rauris ist grundsätzlich mit einem großen Kontingent an Übernachtungsmöglichkeiten ausgestattet und du dürftest sogar noch ein Zimmer finden, wenn du am selben Tag dort von Tür zu Tür gehst.

Stressfreier ist es natürlich, im Vorhinein zu buchen. Kleiner Tipp: Direkt bei den Gästehäusern und Pensionen anfragen. Die geben dann oft um einiges bessere Preise als booking.com. Mehr Infos zu Übernachtungsmöglichkeiten findest du auf der Website vom Tourismusverband Rauris.

Du möchtest die Literatur direkt vor deiner Zimmertür haben? Dann musst du allerdings früh buchen, denn die Zimmer in den Gasthöfen Grimming und Platzwirt sind superschnell ausgebucht. Der Grimming wirbt übrigens damit, ein “hundefreundliches Gasthaus” zu sein. Wer also keine Hunde mag, der meide hier besser (und natürlich umgekehrt). Für alle Groupies unter euch, die auch Mehrkosten nicht scheuen: Die Autoren, Autorinnen und andere VIPs übernachten in den Hotels am Ortseingang.


Fazit und Facts

Rauris ist allein schon wegen Rauris selbst einen Besuch wert. Kein anderes Literaturfestival findet so abschnitten von der Außenwelt, abseits jeglichen Alltags und dem damit verbundenen Stress statt. In der Nacht ist es dort leise… also, außer den Hähnen, Kühen und Pistengeräten natürlich.

  • Dauer: 5 Tage. Beginn Mittwoch 19:00. An den drei Haupttagen Donnerstag bis Samstag jeweils drei Programmpunkte, Beginn 10:00, Ende ca. 22:30. Sonntag Vormittag Zusatzprogramm.
  • Kosten: Festival selbst ist gratis.
  • Anreise: Privat mit dem Auto oder öffentlich mit den Öbb bis zum Bahnhof Taxenbach-Rauris, dann weiter mit Regionalbus 640 Richtung Bucheben oder Wörth.
  • Besonderheiten: Einzigartige Atmosphäre mitten in den Bergen. Spezielle Programmpunkte: Rauris.Universität, Rauris.Lyrik, Literturabend auf der Heimalm und Speziallesung in Bucheben.
  • Dos: Rechtzeitig bei der Gondel sein, um auf die Heimalm zu fahren. Unbedingt mind. einen Nachmittag für eine Wanderung einplanen. Eventuell überlegen, ob man nicht Mitglied der Freunde der Rauriser Literaturtage werden möchte.
  • Don’ts: Unbedingt im Grimming sitzen wollen, durch Schneefelder oder auf Pisten wandern gehen.

 

So. Ich hoffe, ich konnte dich gut mit Informationen ausstatten und du kommst sicher nach Rauris (und auch wieder von dort weg). Dieser Artikel wurde übrigens am 20. April 2016 aktualisiert. So kannst du auch noch die neuen Infos von Rauris 2016 nachlesen.

Hast du vielleicht noch ein paar spezielle Tipps für mich? Dann rein damit in die Kommentare!

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Best of neuere österreichische Literatur

5 neuere österreichische Romane, die du gelesen haben solltest

Listen boomen gerade im Netz. 5 Tipps für die Haare, 10 Schritte bis zum Topmanager, 15 Dinge, die man als Ärztin nicht tun sollte… Also kommt hier auch meine (erste) Liste. Allerdings eine Sisyphusaufgabe mit Tantalusqualen, die österreichische Gegenwartsliteratur auf fünf Bücher runterzubrechen, aber egal. Listen sollen ja schließlich übersichtlich sein.

Nun gut. Die folgenden fünf Bücher spiegeln meine persönlichen Vorlieben wider und sind nach meinen Ansichten gerankt. Ich traue mich aber mit gutem Gewissen zu behaupten, dass es Werke sind, die Leserinnen und Leser bis heute gerne lesen und die noch lange im kollektiven literarischen Gedächtnis bleiben werden.

Ach ja, falls du mich noch nicht kennst: Bei mir zählt ganz besonders der Stil eines Buchs. Klar ist auch der Inhalt wichtig, aber ohne Stil geht gar nicht. Meine Rezensionen schreibe ich schließlich auch im Stil des Originals, damit du schon auf leseloop einen Eindruck davon bekommst, wie das Buch sich so liest. Wohl bemerkt, einen Eindruck! Denn ans Original reicht es natürlich nicht heran. But I try, and I try, and I try, and I try… (and sometimes get satisfaction.)

Ach ja, es ist ein Ranking! Also nicht gleich runter zu Platz 1 scrollen, es soll schließlich spannend bleiben!

P.S.: Nachdem ich mir vorgenommen hatte, fünf auserwählte, erlesene, höchst gustiöse Romane für dich in diese winzige Liste zu quetschen, habe ich die Kriterien ein wenig verschärft. Keines der Bücher ist älter als aus dem Jahre 2006, und ich hab drauf geachtet, dass Autorinnen und Autoren vorkommen. Das hat meine Tantalusqualen etwas gemildert und die Sisyphusarbeit zu einem halbwegs passablen Artikel gemacht. Aber lies selbst:


5. Quasikristalle von Eva Menasse

Eva Menasse: Quasikristalle

Eva Menasse beleuchtet in “Quasikristalle” das Leben einer Frau – als Jugendliche, als Mutter, als Ehefrau, als Freundin und schließlich als Großmutter. Ein ganzes Leben in einem Buch, erzählt aus den unterschiedlichen Perspektiven ihrer Mitmenschen, Partner, Freundinnen, Enkelkinder etc. Mal wirkt sie sympathisch, mal nicht. Je nachdem, in welchem Verhältnis die Person zu ihr steht, die gerade das Wort hat. Eine geniale Idee und von Eva Menasse auch sehr gut umgesetzt.

Empfehlung von mir: als Hörbuch anhören! Denn die Geschichte ist nicht nur abwechslungsreich, sondern auch narrativ gut durchdacht. Bleibt also auch beim Zuhören spannend.

Einen Bonuspunkt bekommt Eva Menasse von mir für den originellsten Figurennamen: Die Protagonistin heißt Roxane. Ich meine: Roxane! Das ist doch mal was anderes.

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Eva Menasse: Quasikristalle. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2013. 426 Seiten.
Spannung:     Tiefsinn:     Originalität:     Humor:     Stil:

4. Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt Dieses Buch durfte hier nicht fehlen. Mit den vielen Konjunktiven in indirekter Rede in “Die Vermessung der Welt” ist Daniel Kehlmann bekannt geworden. Leider bringt das oft mit sich, dass man weitere Bücher desselben Autors mit einer dementsprechend hohen Erwartungshaltung angeht. Und die kann dann meist nicht erfüllt werden. Obwohl… eigentlich ist sein 2013 erschienener Roman “F” auch ganz gut.

Jedenfalls treffen sich der Mathematiker Carl Friedrich Gauß und der Naturforscher Alexander von Humboldt, deren beider Geschichten Daniel Kehlmann miteinander verknüpft.

Der Roman gehört übrigens zu den weltweit meistverkauften Büchern des Jahres 2006. Das ist doch beeindruckend für einen österreichisch-deutschen Autor!

2013 wurde die Geschichte verfilmt, ist aber weit weniger spektakulär als das Buch.

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Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. Rowohlt Verlag, Berlin 2008, 304 Seiten.
Spannung:    Tiefsinn:    Originalität:    Humor:    Stil:

3. Gut gegen Nordwind von Daniel Glattauer

Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind Okay, vielleicht wirds jetzt ein wenig kitschig. Nichtsdestotrotz ist “Gut gegen Nordwind” eines von Daniel Glattauers Vorzeigewerken – sein Stil kommt nirgends so gut zur Geltung, wie in diesem E-Mail-Roman.

Emmi und Leo lernen sich durch einen Zufall kennen und beginnen sich Mails zu schreiben, die immer intimer werden. Eigentlich wollen beide nichts anderes, als sich endlich im richtigen Leben kennenzulernen. Aber irgendwie kommt immer was dazwischen.

Feinste Ironie trifft unwiderstehlichen Wortwitz. Glattauer liest sich so, dass man jeden zweiten Satz als Zitat nehmen könnte. Die Geschichte ist zudem mit etwa 220 Seiten recht kurz und wird wahrscheinlich auch deshalb nicht langweilig. Die Fortsetzung mit dem Titel “Alle sieben Wellen” geht dann im selben Tonfall weiter. Und spätestens hier wird der Stil mühsam. Beide Teile hintereinander zu lesen ist also wirklich nur hartgesottenen Glattauer-Fans zu empfehlen.

Daniel Glattauer hat übrigens auch noch ein großes Repertoire an anderen Werken, die mindestens ebenso lesenswert sind wie “Gut gegen Nordwind”. “Darum” oder “Geschenkt” zum Beispiel.

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Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind. Deuticke Verlag, Wien 2006, 224 Seiten.
Spannung:     Tiefsinn:     Originalität:     Humor:     Stil:

2. Winters Garten von Valerie Fritsch

Valerie Fritsch: Winters Garten“Winters Garten” ist der jüngste Roman in dieser Liste, der mir nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Das Setting ist recht simpel: Eine präapokalyptische Welt und zwei Menschen, die im Angesicht von Tod und Elend zueinander finden.

Inhalt gibts nicht viel, dafür ist die Sprache so beeindruckend, dass sie einen komplett verschlingt. Wie Glattauer jeder zweite Satz ein Zitat, nur statt ironisch witzig ist Valerie Fritsch eher nachdenklich, wortgewaltig und machmal etwas zu blumig. Aber hey, wer mit Sprache was anfangen kann, dem sei dieser Roman absolut ans Herz gelegt.

P.S.: Zu “Winters Garten” von Valerie Fritsch gibt es auch einen Loop. Also nur, falls du gern tiefer in diesen unglaublich opulenten Roman hinein kippen möchtest. ;)

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Valerie Fritsch: Winters Garten. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2015, 154 Seiten.
Spannung:    Tiefsinn:    Originalität:    Humor:    Stil:

1. Die Verteidigung der Missionarsstellung von Wolf Haas

Wolf Haas: Die Verteidigung der Missionarsstellung Ja, gut, muss man mögen, diesen doch recht ungewohnten Stil. Kabarett nichts dagegen. Versteh ich, dass das nicht jedermanns Fall ist. Die Sprachkunst muss dem Haas jedoch selbst sein größter Kritiker oder seine ärgste Feindin zugestehen. Nicht umsonst ist der gebürtige Salzburger, der mit seinen Brenner Romanen bekannt wurde, so erfolgreich.

Wer von Wolf Haas nur die Brenner Romane kennt, sollte unbedingt seine zwei Ausreißer lesen, die die Brenner eigene Sprache nicht allzu sehr überstrapazieren. Haas light und ohne Zucker quasi. Der bessere der beiden Romane ist eindeutig die “Verteidigung der Missionarsstellung”.

Der Protagonist, ein Autor, erzählt die (Lebens-)Geschichte eines Freundes. Dieser verliebt sich genau dreimal im Leben, jeweils “zufällig” zum Zeitpunkt der drei großen Epidemien der letzten Jahre. Spannungsbogen: 100 von 100 Punkten.

Allein für die Idee, einen Roman an BSE, Vogel- und Schweinegrippe aufzuhängen, verdient Wolf Haas einen Preis für originelles Storytelling. Der Salzburger war übrigens früher Werbetexter. Der Ö1 Slogan “Gehört gehört” geht zum Beispiel auf seine Kappe. Merkt man auch bei den Romanen, oder?

Falls du noch nichts von Wolf Haas gelesen hast, dann schnuppere doch mal in meinen Loop zu seinem aktuellen Roman “Brennerova” hinein.

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Wolf Haas: Verteidigung der Missionarsstellung. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2012. 238 Seiten.
Spannung:    Tiefsinn:    Originalität:    Humor:    Stil:

 
 
So, ich hoffe dir hat meine Auswahl gefallen?! War ein guter Tipp für dich dabei oder stehst du mit einem der Romane auf Kriegsfuß? Sag es mir in den Kommentaren!

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Buchcover Ausschnitt Clemens Setz: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

Ideenreiche Provokation in Setz’scher Manier

Clemens J. Setz ist einer jener Autorinnen und Autoren, von denen mich sowohl die Literatur als auch die Person selbst faszinieren. Beim Lesen seiner Werke fragt man sich doch permanent: Wie muss jemand drauf sein, der so etwas schreiben kann? Dem so etwas überhaupt einfällt? Und dabei geht es nicht nur um den Inhalt der Erzählung oder des Romans, sondern vielmehr um einzelne Fragmente bzw. Gedanken wie:

Der halbe Kopf schien entzweizugehen, wenn der Kater gähnte. Es sah aus wie diese Venusfliegenfallen.

Eine leicht vorstellbare Metapher, oder? Und sehr treffend ausgedrückt, karlesk würde die Protagonistin Natalie sagen. So wie auch dieser Satz hier:

Das Souterrain [eine Art Open-Space für Jugendliche, Anm.] war wie ein geöffnetes Worddokument, in das alle möglichen Leute irgendetwas tippten, während andere es vorzogen, das Getippte zu markieren und zu verschieben oder zu löschen.

– Genial, nicht?

Außerdem müsste man seinen Roman zwei- oder dreimal lesen, um überhaupt nur annähernd alle versteckten Hinweise auf spätere Handlungsstränge zu finden, so gut durchdacht ist die Geschichte von “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre”.

Um es kurz zu machen: Clemens J. Setz ist ein Meister der Täuschung und setzt dies sprachlich wie inhaltlich gekonnt um. Ihn zu loopen ist kaum möglich, da er besonders auf Stimmung baut und die braucht einfach ihre Zeit, um sich zu entwickeln. Ich habe es trotzdem versucht und hoffe, ihr bekommt einen vagen Eindruck, wie sich der Roman liest.


“Zufallsmusik und weinrauchige Unterhaltungen…

… zirkulär, unentrinnbar und perfekt in sich ruhend wie das ewige Selbstgespräch überfließender und einander speisender Brunnenbecken.” So könnte eine Ein-Satz-Beschreibung für Clemens J. Setz’ neues Buch “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre” lauten. Als wäre man kurz in eine Parallelwelt gefallen. Wie ein Glitch, ein Sprungfehler in der Zeit. Zuerst ist man hier, dann gleich dort. Ohne dass man wüsste, wie man vom einen Ort zum anderen gekommen ist. Ein silbriges Gefühl von Zeitlosigkeit, sehr dunkel und sehr zwirn.

Gefühle als Sinneseindrucke wahrnehmen war eine besondere Eigenschaft, das wusste Natalie. Auch in den Phasen vor und nach den epileptischen Anfällen, an denen Natalie als Kind gelitten hatte, kam diese syästhetische Wahrnehmung öfters vor. Und obwohl die Anfälle schon lange nicht mehr auftraten, wurde sie hin und wieder vom Tod gestreift und bekam dieses aurige Gefühl, das man eben hat vor einem Grand Mal. Obwohl es ja kein Grand Mal gab, zumindest vorerst.

“Draußen flog die Landschaft in parallelen Comicwindstrichen vorbei”

Natalie hatte eben erst in der Villa Koselbruch, einer Anstalt für psychisch beeinträchtigte Menschen, angefangen, als Bezugsbetreuerin zu arbeiten. Alle waren sich einig, dass sie, die Neulingin, einen der schwierigsten Fälle zugeteilt bekommen sollte: Herr Dorm, Alexander Dorm, ein Mann im Rollstuhl mit bleichblondem Millimeterhaar. Ein Stalker, wie man ihn gerade nicht aus dem Bilderbuch kennt. Trotzdem hatte er es geschafft, die Frau von Christopher Hollberg in den Selbstmord zu treiben. Voll retro, dachte Natalie, obwohl sie genau wusste, was das heißt. Wahrscheinlich würden die meisten Leute sowieso sagen, dass sie noch verrückter war als die Insassen der Anstalt. Aber was war schon normal?

Zwischen Dorm, Hollberg und Natalie entwickelt sich eine Dreiecksbeziehung, die langsam aber sicher in ein perfides Psychospiel übergeht. Ein total krankes Sado-Maso-Ding auf verbaler Ebene. Stundenlang. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ich meine, das ist doch. Und sowas geht. Und das seit vier Jahren. Jede Woche. Das macht er. Ist schon beeindruckend, dass man da durchhält.

“Wie ein Sack voller Hirschgeweihe”

Natalie gab ihr Bestes. Sie war freundlich, wenn sie freundlich sein musste. Guten Tag, Herr Dorm. Machen wir heute wieder das Make-up, Herr Dorm. Ich helfe Ihnen gerne, Herr Dorm. Parallel dazu stellte sie sich vor, wie ein Ninjaschwert Alexander Dorms Kopf zerteilte. Aber nicht so, dass er gleich zerfiel, sondern noch tagelang so herumfuhr, bis er einen kleinen Stoß bekam und plopp, auseinander fiel. Ein feingoldenes Gefühl von Geborgenheit stellte sich ein.

Natalie drückte auf den Aufnahmeknopf ihres iPhones. Nonseq, eigentlich Non sequitur – das Aneinanderreihen von völlig zusammenhangslosen Dingen. Neben Livesendungen und Blowjob-Streunen eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Nonseq konnte man nicht wirklich erklären, aber es geht in etwa so:

Gnr, gnr, gnr, machte der Kater, wenn man ihn von hinten berührte. Wie Super Mario, wenn er von einem Feind gestreift wurde. Vielleicht war der Molch ein Grund dafür, aber nicht, wenn das Telefon in der Nachbarwohnung läutet. Dann dachte sie, um wieder ruhiger zu werden, an eine weiße Fellkugel, die ins kühle Wasser eines Schwimmbeckens sprang. Elefant, Graubereiche. Sie schaltete das iPhone aus, nahm das Kondom aus der Jackentasche, spielte ein wenig damit herum und drückte die gelbliche gallertartige Flüssigkeit in ihren Mund. Comment?


Fazit: Was man mit Sprache anrichten kann

Bevor ihr jetzt wegklickt, hier die Erklärung für die letzen Absätze: Ich versuche bei allen meinen Rezensionen, in einem Teil den Originalton des Autors nachzuempfinden. Zu Clemens Setz gehört unweigerlich ein Gefühl von Ekel, das einen unerwartet erwischt, dazu. (Ich hoffe mal, ich habe euch erwischt ;))

Drei Dinge, die Clemens J. Setz’ Romane ausmachen

  1. Das Aufbauen von Spannung durch Andeutungen, die er jedoch unvollständig stehen lässt. Beim Leser bzw. bei der Leserin entsteht dabei ein ganz leichtes, schales, oft nicht eindeutig benennbares Gefühl der Enttäuschung. Man fühlt sich ein wenig im Regen stehen gelassen, sodass als einzige Lösung erscheint, im nächsten Kapitel den ersehnten Regenschirm – also die Erklärung für die entstandene Unsicherheit – suchen zu gehen. Wer schon einen Setz gelesen hat, weiß sofort, was ich meine, stimmts?!
  2. Die Wortneuschöpfungen, die einem nach kürzester Zeit so normal vorkommen, als würden sie seit Jahren im Duden stehen. Jedes “(Un)Wort des Jahres”, oft gehört und gelesen und vielleicht sogar selbst verwendet, kommt einem dagegen fremd vor. Karleske Sätze und aurige Stimmungen sind so glasklar, dass man sie beim Lesen des Wortes selbst empfindet.
  3. Das Ausreizen von (eh schon abartigen) Szenen bis hin zur Ekelgrenze bzw. sogar darüber hinaus, was in körperlichem Unwohlsein endet. Kennt ihr die Übelkeit, die aufkommt, wenn man im Auto länger liest? Ja, genau so.
    Kann also schon sein, dass man den Roman weglegen muss, obwohl man vor Spannung fast platzt. Dementsprechend dauert das Lesen dann länger, zusätzlich zu den etwa 1100 Seiten, die man zu bewältigen hat. Andererseits zeigen die ersten 100 bis 200 Seiten einige Längen, über die man als Leserin oder Leser nur hinweg kommt, weil man eben weiß, dass man einen Setz-Roman vor sich liegen hat.

 
Für die ersten beiden Eigenheiten mag ich Clemens J. Setz und seine Romane. Für den dritten Punkt bewundere ich ihn: Für diese perfekt ausbalancierte Gratwanderung zwischen Spannung, Abartigkeit und hohem literarischen Anspruch. Nicht umsonst war der Grazer Autor schon das dritte Mal für den deutschen Buchpreis nominiert (Ja, das heißt was!).

Eine uneingeschränkte Empfehlung?

Sicher nicht. Setz ist garantiert nicht für jede und jeden. Außerdem gibt es stark geteilte Meinungen, was – wie ich denke – nach genau das ist, was Clemens Setz mit seinen Romanen provozieren will: Empörung, Aufregung, Überraschung – und Unterhaltung, wenn man mag.


Noch nicht genug?

Kann ich gut verstehen. Bei Setz habe ich persönlich immer das Gefühl, dass ich unbedingt mehr lesen muss. Fast aus einem inneren Zwang heraus, den der Autor durch seine ständigen Andeutungen provoziert, die er nicht oder erst viel später im Text zu Ende führt.

Hier noch ein Gespräch von 3Sat mit Clemens J. Setz auf der Buchmesse in Frankfurt über die Protagonistin Natalie, synästhetische Wahrnehmungen und Wortneuschöpfungen in seinem Roman:

Und noch ein aufschlussreiches Interview, erschienen in der Zeit, das einen ein bisschen hinter das Phänomen Clemens J. Setz blicken lässt und auch hilft, seine Literatur aus einen anderen Blickwinkel zu betrachten.


Pressestimmen

Der neue Roman von Clemens Setz ist eine Zumutung. In einer vertrackten Stalking-Geschichte werden die Grundfragen zivilisierten Zusammenlebens neu verhandelt – in Form einer tausendseitigen synästhetischen Gehirnmassage.
Jan Wiele, FAZ, 2015

[Es] stellt sich das typische Setz-Gefühl ein: dass man es hier mit einem klugen, literarisch und popkulturell versierten Autor zu tun hat. Einem Autor, der souverän und mit Schwung durch seinen Text gleitet und gerne die semantischen Unterströmungen seiner vielfachen Bezüge aufnimmt. Dabei kalkuliert er mit ein, dass er spätestens am Ende seiner Fahrt eine Bugwelle von Bedeutungen vor sich hertreibt, die an manchen Punkten ins Leere läuft. Fluch und Segen der Postmoderne: Ein jedes kann alles und nichts bedeuten.
Thomas Andre, Spiegel Online, 2015

Die Spannweite des Hantierens mit Sprache umfasst hier alles von subtilem Einfluss bis zu brutaler Gewalt, von Experimentierlust bis zu Selbstverteidigung, von unerwarteter Leichtigkeit bis zu körperlichem Unwohlsein; streckenweise könnte das eine Handreichung aus einem NLP-Seminar für Soziopathen sein.
Bernhard Oberreither, Der Standard, 2015

Clemens J. Setz’ Roman “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre” ist im Suhrkamp Verlag 2015 erschienen und stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Hast du “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre” schon gelesen? Welche Wirkung hatte das Unheimliche und Abartige im Roman auf dich? Sag es mir in den Kommentaren!

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Buchcover Ausschnitt Valerie Fritsch: Winters Garten

Todesvernarrte Häuser und herzbeklemmende Landschaften

Valerie Fritsch wird oft als Literaturwunderkind der Stunde bezeichnet. Zu Recht. Die Grazerin hat bereits zahlreiche Preise und Stipendien gewonnen und ist trotzdem am Boden geblieben. Ihre klugen Antworten auf der Bühne sind ebenso einprägsam wie wortgewandt – sodass es manchmal sogar dem versiertesten Moderator die Sprache verschlägt. Wer Valerie Fritsch bei den diesjährigen O-Tönen erlebt hat, weiß, was ich meine.

Wenn du mich bereits kennst bzw. auch das Konzept von leseloop, dann weißt du: Beeindruckende Stilistik, durchdachte Wortwahl und melodisch klingende Sprache begeistert mich grundsätzlich. Hier meine Hommage an eine der coolsten jungen Schriftstellerinnen aus Österreich.


„Der Himmel war so weit entfernt wie der Mond“

Anton Winter wuchs in einem riesigen Garten auf zu einer jener Zeiten, in denen die Welt noch in Ordnung war. Es war eine Gartenkolonie, entstanden vor Generationen, in der viele Menschen, alt und jung, zusammenlebten in einem ebenso riesigen Haus. Nie musste man sich Sorgen machen, dass die Kinder des Abends ihren Weg nach Hause nicht mehr fanden, dass die Alten in ihren Betten einsam starben, dass die Mütter und Väter nicht aus der Stadt zurückkehrten.

Im Garten hatten man das Vertrauen, dass die Gesellschaft längst verloren hatte. Er war das Gegenteil von jener Einsamkeit, die Anton Winter in der Stadt erlebte. Jene Stadt ohne Namen, von der wir nur wissen, dass sie am Meer lag, die aber als Sinnbild für die große Einsamkeit steht, die außerhalb des Gartens herrschte. Tod und Leben, Miteinander und Einsiedelei, Idylle und Untergang, alles hat Platz in diesem Buch.

„Wer traurig war, ging stets ans Meer“

In der Stadt floh die Idylle, wurde zu präapokalytischen Endzeitstimmung, die Anton Winter hoch oben beobachtete von seiner Wohnung aus. Er sah, wie die Menschen ans Meer gingen, magere Gestalten, die sich eine Linderung durch die kühle das Leben verschluckende Brandung erhofften. Sie stürzten sich ins Meer mit ihren schweren Herzen, sanken zum Meeresgrund mit ihren gallertartigen Körpern und schwebten leblos neben lebendigen Fischen, die es noch gab im flachen Wasser. Er beobachtete die Massenselbstmorde und Massenhochzeiten, die zeitgleich stattfanden, und wusste nicht, was die bessere Lösung war, der Wirklichkeit zu entfliehen.

Die melancholische Stimmung: allgegenwärtig. Wie Anton Winter durch den Feldstecher starrte. Wie er seine Vögel alleine ließ mit ihren traurigen Rufen. Wie er Stadt und Garten betrachtete, schwer und traumwandlerisch. Wie er schwelgte in Erinnerungen an seine Kindheit, an den Vater, an die Großmutter. Wie ihn die Verzweiflung einholte als wäre es sein letzter Tag. Wie er liebte im einen Moment. Wie er gewaltsam um sich schlug im nächsten. Er, der nicht mehr lachte und nichts mehr zu lachen hatte im Leben.

„Mit der Liebe bekommt man sein Schicksal zurück“

In Valerie Fritschs Roman gibt es den Garten, die Stadt, und dann: lange nichts. Alles umfassend die Liebe, die sich als feines Geflecht zarter tänzelnder Spinnen zwischen Anton Winter und Frederike entfaltet und ebenso filigran ist wie die Welt kurz vor der Apokalypse, so scheint es. Beide waren sie dünn, wie knochige Tänzer in den Schatten der Nacht. Ihr Zusammensein änderte ihre Welt, und doch auch nicht. Anton Winter, dünn wie ein Strich, beobachtete weiter die Stadt mit seinem Feldstecher. Frederike arbeitete weiter in einem Krankenhaus und trotzte dem Tod, indem sie kleine schreiende Bündel voller Leben auf die Welt brachte, die bald nichts mehr Lebenswertes zu bieten haben würde.

Es war leise geworden in jener Stadt, und die Menschen so traurig. Es war, als irrten sie umher, gemeinsam und einsam. Diese Melancholie, diese unbezwingbare Traurigkeit, als hätte Valerie Fritsch in diesem Roman abgeschlossen mit der Welt, zieht sich immerfort und verstärkt sich mit der Erkenntnis, dass nichts mehr helfen kann. Außer der Garten, der Ausgangspunkt und Endpunkt darstellt, Sehnsuchtsort und Gefängnis gleichzeitig. Der Anton Winter immer Heimat geblieben ist in seinen Träumen.

„Immer noch war das Leben ein Warten“

Man wartet in Valerie Fritschs Roman. Man sehnt sich nach Handlung. Man wünscht sich mehr. Doch nichts davon tritt ein. Es ist ihre Sprache, die vollkommen genügen muss, die für sie formbar ist wie Plastilin. Niemals kitschig, immer eigenartig melodisch, immer staunend, niemals stumm. Eine Sprache, die keines ausschweifenden Inhalts bedarf. Außer Leben und Tod als gegensätzliche Zustände, verkörpert im Garten und der Stadt, in Selbstmorden und Hochzeiten, in Leichen und Neugeborenen. Alles geht nebeneinander her, nichts trennt diese Gegensätze. Liebe und Tod, Eros und Thanatos, bedingen einander mit einer Selbstverständlichkeit, die es selten gibt heutzutage.


Fazit: Nichts ist unmöglich für Valerie Fritsch

Taumelnd unter der Virtuosität ihrer Sprache liest man Valerie Fritschs Roman. Fasziniert vom Lieben und vom Grauen, von Schönheit, Idylle, Glück ebenso wie von Verfall, Endzeit und Todessehnsucht. Man liest von „herzbeklemmenden Landschaften“, von„todesvernarrten Häusern“, von der „Wiener-Walzer-Sentimentalität“ der Apokalypse. Hier „rollen“ die Donner über die Felder, hier „kreischen“ die Krallen der Vögel auf den Karosserien, hier blühen “liederliche und tropische Pflanzen […] kadettenblau, bassorange, zwetschgengelb.“ Hier gilt für den Roman dasselbe wie für die Menschen in Anton Winters Garten: „Was man nicht über die Lippen bringt, bringt man auch nicht übers Herz.“ Und das scheint es für Valerie Fritsch nicht zu geben.

Kurz gesagt, Valerie Fritschs Sprache haut einen um. So sehr, dass man währenddessen kaum merkt, dass die Geschichte rund um das vielstrapazierte Eros-Thanatos Motiv, eingepflanzt in eine Weltuntergangsstimmung á la Lars von Triers „Melancholia“, nicht viel mehr zu bieten hat. Fritsch ist inhaltlich wie formal das genaue Gegenteil von Vea Kaiser, um es mit einem Vergleich zu sagen. Während Kaiser mit einem einfachen Stil und dafür umso ausschweifenderer Geschichte beeindruckt, ist es bei Fritsch genau umgekehrt: Ihr Roman “Winters Garten” ist gerade mal 154 Seiten lang und liest sich wie ein sehr langes und sehr sinnliches Gedicht, das Inhalt nur andeutet und viel Spielraum für Interpretationen lässt.

Eine Frage stellt sich noch zum Schluss:

Ist Valerie Fritsch ein One-Hit-Wonder?

„Winters Garten“ ist ein so originelles Buch, wie ich schon lange keines mehr gelesen habe. Valerie Fritsch hat derart viel an virtuoser Sprachkunst reingepackt und deckt mit ihrem Roman ein riesiges Themenspektrum ab, dass man sich fragt, was sie in zukünftigen Romanen denn noch zu sagen haben könnte?

Wird sie scheitern wie Robert Schneider nach „Schlafes Bruder“? Oder wird sie uns ein zweites (oder ein drittes und viertes und fünftes) Mal beeindrucken wie etwa Friederike Mayröcker? Ich bin gespannt.


Noch nicht genug?

Valerie Fritsch hat auch mich zu allererst auf einer Lesung begeistert. Man braucht der jungen Steirerin mit der angenehmen Stimme nur zuhören, schon zieht sie einen in ihren Bann. Ich finde sogar, dass “Winters Garten” ob seiner melodischen klingenden Sprache vorgelesen am schönsten ist.

Sie war übrigens mit ein Grund, warum ich unbedingt auf das diesjährige Literatur im Nebel Festival in Heidenreichstein fahren wollte. Schade, dass sie krank war, sie hätte dort sicher sehr gut hineingepasst.


Pressestimmen

“Winters Garten” macht ganz schön besoffen, so viel als Warnung, und hinterlässt noch nach dem Zuschlagen einen leichten Kater. Jeden zweiten Satz möchte man auf der Zunge herumrollen wie guten Wein – nur fehlt leider das Wasser für Zwischendurch. […] Es ist, als hätte die gerade mal 25-Jährige in dieses dünne Buch alles gelegt, was sie jemals hatte sagen wollen. Als stünde das Weltende tatsächlich kurz bevor.
Anja Kümmel, Zeit Online, 2015

Die Sprache, mit der Valerie Fritsch von jenem Riss, der durch die Welt und jeden Einzelnen geht, erzählt, ist von einer betörenden Schönheit, wie man sie in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur lange schon nicht mehr vorgefunden hat. Sie zeichnet sich durch eine schonungslose Zärtlichkeit aus und nicht zuletzt durch jene Genauigkeit, deren es so dringend bedarf, wenn man nicht Gefahr laufen will, mit ein, zwei falschen Bildern, ein paar misslungenen Sätzen einen ganzen Text zu Fall zu bringen.
Josef Bichler, Der Standard, 2015

Wer den ganz hohen Ton wählt, muss eine sichere Stimme haben. Die 1989 in Graz geborene Valerie Fritsch stellt in ihrem Erstling zwar eine beeindruckende Imaginationsgabe und Fabulierlust unter Beweis, verdirbt ihre opulent-düstere Vision vom Weltuntergang aber durch zu viele Patzer.
Georg Renöckl, Neue Zürcher Zeitung, 2015

 
Valerie Fritschs Roman “Winters Garten” ist im Suhrkamp Verlag 2015 erschienen und war auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015. Mehr Infos findest du auch auf ihrer eigenen Webseite.

Was beeindruckt dich mehr beim Lesen, Stil oder Inhalt? Kann man die beiden überhaupt trennen? Sag es mir in den Kommentaren!

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Literatur im Nebel – Bühne mit Schauspielern bei einer Lesung

Der ultimative leseloop Guide zu: Literatur im Nebel

Es gibt viele coole Literaturfestivals in Österreich, zum Beispiel die O-Töne im MQ in Wien, die Literaturtage in Rauris und das Bachmannpreis-Wettlesen in Klagenfurt. Alle drei haben ihr jeweils eigenes Konzept und sind auf ihre Art und Weise sehenswert. Im kleinen niederösterreichischen Heidenreichstein – mitten im schönen und oft nebligen Waldviertel – hat man sich was ganz Besonderes einfallen lassen.


Unheimlich, spannend, melancholisch.

Das waren meine ersten Assoziationen mit dem Namen “Literatur im Nebel” – zugegeben, ein klingender Name für ein Literaturfestival. Unheimlich, spannend und melancholisch kann auch eine gute Kombination für ein Buch sein. Oder für Lesungen aus solchen Büchern. Soweit meine Gedanken.

Ich muss zugeben, ich habe mich auch nicht weiter vorbereitet, sondern einfach die Tickets besorgt und ein Zimmer gebucht. Bei einer kurzen Recherche über das Festival gibt auch Google kaum Informationen her, außer die Webseite des Festivals selbst, die nur wenige Infos über Ablauf oder Örtlichkeiten bereitstellt. Also einfach mal hin und selbst schauen, hören, lesen.

Du musst natürlich nicht auf Geratewohl lostrampen oder auf gut Glück einen Bus in dieses entlegene Dorf erwischen, denn tadaa, hier gibts die Infos (mit Bildern), die ich bei meiner Vorabsuche vermisst habe.

Hin und weg

Ja, das war ich nach diesen zwei Tagen tatsächlich. Vom Festival selbst zumindest. Von Heidenreichstein wieder weg zu kommen, war schon schwieriger. Für die An- und Abreise hat man hier am besten ein Auto, denn Heidenreichstein liegt im nördlichen Waldviertel, hat keinen Bahnhof und nur schlechte Busverbindungen. Ich, Wiener-Großstadt-Nacht-Ubahn-und-sowieso-alle-2-Minuten-eine-Öffiverbindung geeicht, habe mir natürlich darüber keine Gedanken gemacht – und musste dann sonntags zurücktrampen. War auch lustig, doch wenn einem das nicht liegt, dann sollte man berücksichtigen, dass an Sonn- und Feiertagen der erste öffentliche Bus zwischen 16 und 17 Uhr fährt. Der nächste Bahnhof ist in Göpfritz, etwa 30 Kilometer von Heidenreichstein entfernt. Kein Spaziergang also.

Wenn du jetzt aber kein Auto zur Verfügung hast – und auch keinen netten Freund deiner Freundin, der dich in der Pampa am Sonntag abholen kommt–, dann gibt es Shuttlebusse von Wien, die direkt zum Festivalgelände (wow, was für ein Wort für eine umgebaute Scheune) fahren und dich dort auch nach der letzten Lesung pünktlich wieder abholen. 10 Euro kostet der Spaß. Wucher, dachte ich, die Öbb wird günstiger sein, dachte ich, der Bus ist sicher nur für Schnösel, die sich überall hinbringen und abholen lassen.

Tja, im Nachhinein würde ich auch den Bus buchen. Allein schon, weil die Öbb (mit Vorteilscard) fast das Doppelte kostet und das Eineinhalbfache deiner Zeit in Anspruch nimmt. Next time Shuttlebus.

Mit den Shuttelbussen kannst du direkt nach dem Tagesprogramm, das von 17:00 bis etwa 22:30 dauert (und manchmal ein klein bisschen überzogen wird), wieder zurück nach Wien fahren. Sehr praktisch und die günstigste Variante. Schöner ist es auf alle Fälle, in Heidenreichstein (bzw. mit eigenem Auto auch in einem der umliegenden Dörfer) zu bleiben und tagsüber im nahegelegenen Moor spazieren zu gehen. So kann man ganz gemütlich dem Alltag für ein Wochenende entfliehen und sich ganz der Literatur widmen.

Unterkünfte früh buchen

Ins abgelegene Heidenreichstein scheint es nicht viele Menschen zu verschlagen: Es gibt nur vier Unterkünfte, die in Gehreichweite der Margithalle (aka. Festivalgelände aka. umgebaute Scheune) liegen und für nicht-automobile Menschen wie mich in Frage kommen.

Am Literatur-im-Nebel-Wochenende sind aber alle vier ausgebucht. Daher früh entscheiden. Nicht wie ich aufs Glück vertrauen. Obwohl das natürlich bei mir funktioniert hat. Ist dann halt etwas teurer und nicht in der Altstadt, aber: Die Couchen im Zimmer waren bequem, und dank SAT TV musste ich mich nach den ganzen Lesungen nicht auch noch in den Schlaf lesen. Aber hey, man ist dort sowieso den ganzen Tag unterwegs.

Alle Unterkünfte in Heidenreichstein und Umgebung findest du auf der Webseite der Stadtgemeinde.

Beschäftigungstherapie für Literatouristen

Das reguläre Tagesprogramm startet um 17:00. Also braucht der Mensch eine Beschäftigungstherapie. Der Beitrag der Veranstalter dazu war eine Literaturverfilmung. Als kleine Wiedergutmachung quasi für all jene, die den Tourismus im Waldviertel (zumindest für ein Wochenende) unterstützen. Der Beitrag der Stadt war ein Bauernmarkt. Es gab Vollkorn-“Nervenkekse” zum Kosten, das sagt doch alles, oder?

Nein. Einen Tag kann man sich sehr gut in Heidenreichstein beschäftigen. Man schläft am besten erst mal lang und ausgiebig. Ist ja schließlich Wochenende und am Land ists so schön ruhig. Dann ein paar Nervenkekse am Bauernmarkt, eine Besichtigung der Burg oder ein Spaziergang im Moor. Damit kann man sich auch den ganzen Tag beschäftigen, man muss aber nicht wie ich 12 Kilometer durch die Pampa hatschen und dann kaum noch stehen können. Aber man kann.

Bitte nicht allzu ernst nehmen. In Wahrheit bin ich sehr gern am Land und sogar am Land aufgewachsen und möchte auch irgendwann wieder aufs Land zurück. Ach ja, die Betonung liegt auf irgendwann. Als Vorgeschmack dazu tut mir hin und wieder ein Wochenende fernab jeglicher Zivilisation ganz gut. Vielleicht überlege ich mir das dann ja nochmal.

Festival itself

So, Schluss mit lustig. Literatur im Nebel ist nämlich tatsächlich eines der coolsten Literaturfestivals in Österreich. Mit einem ganz eigenen Konzept, von dem ich natürlich keine Ahnung hatte, weil im Internet ja nirgends ein gescheiter Bericht zu finden war. Das Besondere an Literatur im Nebel ist, dass das Programm sich zwei Tage nur (und ja, damit meine ich ausschließlich und exklusiv) mit dem (Lebens)Werk eines Autors oder einer Autorin beschäftigt. Dieses Jahr war das Christoph Hein.

Gelesen wird quer durch das Werk – manchmal in Themenkomplexen zusammengefasst, manchmal abwechselnd mit Reden und Diskussionen. Christoph Hein liest natürlich nicht aus seinem eigenen Werk, sonst würden ihm wahrscheinlich schon nach dem ersten Tag – also nach über vier Stunden Lesung – die Stimmbänder reißen. Genau da aber liegt eine der Besonderheiten von Literatur im Nebel: Gelesen wird von professionellen Schauspielerinnen und Schauspielern. Dadurch bekommt jedes Werk seinen individuellen Klang. Durch professionelles Betonen, bewusst langsames oder schnelles Lesen und kräftige starke Stimmen kommt die Atmosphäre im Buch viel besser zur Geltung als bei den meisten Autorenlesungen.

Was ich auch noch nie – ja, wirklich noch nie, weder auf einem anderen Literaturfestival noch sonst irgendeiner Veranstaltung – erlebt habe: Sogar die Ansprachen der Moderatorin und des Veranstalters, ja sogar die des Bürgermeisters von Heidenreichstein – waren witzig. Ja, witzig. Ja, Ansprachen. Kaum zu glauben, oder?

Pay as you wish?

Normalerweise zahlt man auf Literaturfestivals (zb. auf den drei oben genannten) oder Lesungen (außer die im Burgtheater, klar) nur die Bücher, die man danach unbedingt haben möchte. In Heidenreichstein nicht. Für Literatur im Nebel kostet ein Tagesticket 15 Euro. Wer schneller ist, der bekommt noch einen 2-Tages-Pass für 25 Euro. Ist jetzt kein weltbewegender Unterschied, sollte aber erwähnt sein. Ach ja, im Vorverkauf.

Bis auf die ersten beiden Reihen (vielleicht waren es auch die ersten drei, die gehören den Ehrengästen) ist freie Platzwahl. Deshalb ein kleiner Tipp: Früh dort sein. Denn wie überall gibts auch in Heidenreichstein so rücksichtsvolle Menschen, die für ihre zu spät kommenden Artgenossen gleich mal sechs Plätze mit Schals, Pullover, Jacken, Mützen und Ähnlichem belegen. Bei manchen habe ich mich gewundert, warum derjenige, der dann dort saß, überhaupt noch etwas anhatte. Achja, solltest du vorhaben, dich dort zu entblößen, um für deine Eltern, deine Freundinnen und Freunde, Tanten und Onkels, oder Studienkolleginnen und Mitarbeiter Plätze zu reservieren: Der ORF ist mit zwei Kameras dabei, die das ganze Festival von Anfang bis Ende komplett aufzeichnen. Ja, auch mit Schwenks auf das Publikum.

Die Location ist eine umgebaute Scheune namens Margithalle. Klingt schräg? Ist es aber gar nicht, weil schön ausgebaut, modern aber trotzdem gemütlich. Nur leider eher warm und ein bisschen stickig, wenn viele Leute sich drinnen aufhalten. Hinein geht man über einen etwa 10 Meter langen, mit Zeltplanen überdachten Gang, der gleichzeitig als Raucherbereich dient. Als Nichtraucherin für mich natürlich nicht so fein. Vor allem wenn sich zu Beginn des Abends die Leute anstellen und man nicht mit angehaltener Luft schnell durchkommt. Was solls. Gleicht hoffentlich die gute Landluft wieder aus.

Nur Luft, Liebe und Literatur?

Nein. Zwischendurch sollte auch mal was zu essen her. Dazu sage ich nur eins: Mohn. Mohnhonig: urgut. Mohnzelten: superlecker. Unbedingt essen, wenn du dort jemals hinfahren solltest (was ich dir schwer empfehle). Ich hätte einen Jahresvorrat mitnehmen können. Mohnzelten sind übrigens kleine mit Mohn gefüllte Teigtaschen. Ach ja: Zähneputzen danach nicht vergessen.

Ein kleiner Tipp am Rande: Am Land sperren die Restaurants am Nachmittag zwar nicht (immer) zu, sie kochen aber nicht. Weiß man normalerweise eh, denkt man aber (vielleicht) nicht dran, als Wiener-Großstadt-und-immer-warme-Küche-an-den-Würstelständen-sogar-in-der-Nacht verwöhnter Mensch. Also rechtzeitig essen (oder einkaufen) gehen. Jedenfalls nicht in der Margithalle die ganze dreiviertelstündige Pause an der Theke stehen und auf einen Plastikteller Gulasch warten müssen, und dann schnell runterschlingen, um wieder rechtzeitig im Saal zu sein. Oder hungern. Beides ist nicht lustig.


Fazit und Facts:

Ich bin durch die Loops schon so sehr ans Fazit-Schreiben gewöhnt. Daher auch hier (aber nur kurz, versprochen): Literatur im Nebel ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Für welche Option bezüglich Anreise, Essen, Unterkunft oder Platzwahl du dich auch entscheidest, das Programm wird dich begeistern. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass dir der Autor oder die Autorin, um dessen oder deren Werk es geht, gefällt. Das Programm kannst du dir – sobald es feststeht – auf der Festivalwebseite anschauen.

  • Dauer: 2 Tage (jeweils von 17:00 bis ca. 22:30 mit Pause)
  • Kosten: 15 Euro (Tagesticket), 25 Euro (2-Tages-Pass)
  • Anreise: Mit den Shuttlebus (Ticket 10 Euro pro Fahrt) oder mit der Öbb über Göpfritz oder Gmünd (nächste Bahnhöfe), danach mit dem Bus weiter nach Heidenreichstein. Oder natürlich privat mit dem Auto.
  • Besonderheiten: (Lebens)werk eines einzelnen Schriftstellers oder einer einzelnen Schriftstellerin; Lesungen von professionellen Schauspielerinnen und Schauspielern.
  • Dos: Früh dran sein (bei den Tickets, den Unterkünften und der Veranstaltung selbst), Mohnspezialitäten kosten, im Moor spazieren gehen.
  • Don’ts: In der Margithalle beim Buffet anstellen und eine halbe Stunde auf die Bedienung warten, mit der Öbb hinfahren.

P.S.: Der Nervenkekse werde ich demnächst daheim nachbacken.

Haben dir meine Infos weitergeholfen oder hast du noch Ergänzungen? Rein damit in die Kommentare!

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Doris Knecht: Wald, Buchcover Ausschnitt

Doris Knechts bitterböse Abrechnung mit dem Landleben

Tieftraurig und voller Hass auf ihre Vergangenheit blickend – besonders auf die darin vorkommenden Männer – erzählt die Protagonistin Marian, warum sie im Wald gelandet ist. Als letzten Ausweg. Als einzig möglichen Rückzugsort vor einem Leben, das ihr den letzten Funken Würde genommen hat. Aber wird sich das im Wald ändern?

Wer glaubt, hier einen Roman mit einer starken selbstbewussten Frauenfigur vor sich zu haben, legt das Buch besser gleich weg. So flüssig und stringent Knechts Stil auch ist und so gern ich monologische Texte lese: Inhaltlich ist der Roman leider nicht gelungen. Vor allem, wenn man Marlen Haushofers „Die Wand“ kennt, kann man fast nur enttäuscht sein. Daher diesmal ein ausführlicheres Fazit und ein etwas kürzerer Loop.


„Und letztendlich eh für’n Hugo, wie man so schön sagte“

“Sie gibt sich keine Mühe, zurück in den Traum zu finden.” Hat ohnedies keine Sinn. Er ist dahin. Ebenso wie Marians früheres Leben als Luxusvorstadtweib mit Luxusgefühlen und First World Problems. Trotzdem denkt sie viel darüber nach. Was alles schief gelaufen ist, was sie hätte vermeiden können, was aus ihr geworden ist. Über Oliver, der warme Oliver, der ihr immer zur Seite stand, der aber letztendlich die nüchterne pragmatische Frau in ihr nicht mehr ertragen konnte. Ja, das war sie immer gewesen. Seit sie ihren Namen vom, wie sie fand, biederen provinziellen und altmodischen Marianne in ein androgynes modernes stilvolles Marian geändert hatte, und spätestens dann, als sie ihre eigene Modelinie gründete.

„Dennoch: Der Saat des Untergangs war mit Bruno gelegt worden“

Bruno, der Philosophieprofessor, „der brillante, schmähführende, blitzgescheite Hallodri“, hatte sie immer häppchenweise mit Zärtlichkeit gefüttert, bis die Häppchen immer kleiner wurden. Das hatte er immer gut gekonnt, „mit ganz kleinen Bocken vom großen Wir und ein paar Bröseln Zukunft.“ Gerade aber soviel, dass sie bei ihm blieb, ja bleiben musste, um mehr zu bekommen. Ihre Freundinnen hatten versucht, sie auf Brunos Fremdgehen aufmerksam zu machen, doch “die waren ja bloß neidig, die blöden Weiber”. Aber sie, Marian, die Rastlose, die gut Ausgebildete, die Weitsichtige, hatte sich von Bruno blind machen lassen. Und taub. Und blöd.

Vielleicht hat sie das Landleben zäher gemacht, anders jedoch keineswegs. Dazugelernt hat sie nichts, sondern verlässt sich nach wie vor auf alte Muster: Eine Frau, die versucht, sich als starke Figur auszugeben, in Wahrheit aber nur ihre Schwächen demonstriert. Nach dem Motto: „Wenn ja, dann ja, wenn nein, dann tja. Schmecks.“

„Gott, es ist viel zu früh für so ein Gehirne“

Jetzt steht sie früh auf, brockt Ribisel und fischt ihre Fische selbst, seit Franz es ihr gezeigt hat, seit sie im Wald im Haus der Tante lebt, in einem kleinen Dorf im Hinterfurz, in der Hinterfurzstraße 9. Franz hat ihr zuerst ins Gesicht geschlagen, dann Geschenke gemacht, dann mit ihr gevögelt. Von Franz gibt es nichts umsonst. Am Land gibt es nichts umsonst. Da muss man wissen, was man wert ist: Ein paar Scheit Holz für den Winter, ein bissl Haarshampoo, eine Anleitung zum richtigen Fischen. Und sie ist stolz darauf. Stolz, ihr Essen selbst zu verdienen, ob durch vögeln oder durch fischen, was ist schon der Unterschied? Aber so ist es am Land, friss oder stirb. Spätestens jetzt ist sie dahin, die Bauernhof-Bilderbuchphantasie.

„Das war für eine Biografie wie die ihre nicht vorgesehen.“

Sie hatte immer alles richtig gemacht. Sie war ein fleißiges Mädchen gewesen, hatte nicht zu oft Kokain genommen, hatte sich nicht gleich nach der Matura in einen Griechen verliebt, und hatte sich aus ihrer Schwangerschaft gut rausgerettet. Liam, der Vater, und Shirley, seine neue Frau, waren ihrer Tochter bessere Eltern gewesen, als sie es je hätte sein können. Sie blieb lieber allein mit ihrer Arbeit, „wo A nach B führte und man von B aus vorsichtig C anvisieren konnte.“ Sprich: Wo sie alles kontrollieren konnte. „Das dachte sie zumindest, die dumme Kuh, die sie damals war.“

Dann kam die Wirtschaftskrise und Marian hatte zuerst Bruno, dann ihr Atelier, dann ihre Wohnung verloren. Sie denkt nicht gerne darüber nach, wie alles hätte vermieden werden können. „Hättiwari. Wäre. Wuascht. Es war eh egal, spielte keine Rolle mehr.“ Jetzt hat sie Franz, und sie ist froh, dass sie Franz hat und nicht mehr Bruno oder Oliver, denn Franz ist solide, ein Bauer vom Land, ein Mann, der sie versorgte. Nur ein bissl vögeln, dann bleibt Franz ihr erhalten. Alles in Ordnung, alles okay.


Fazit: Statt Emanzipation nur noch mehr Abhängigkeit

„Sie war hier, weiter von ihrem früheren Dasein weg als die Erde vom Mars“, beschreibt Doris Knecht den Ist-Zustand ihrer Protagonistin. Doch ist das tatsächlich so? Hat es Marian geschafft, sich zu emanzipieren, oder ist sie nur noch tiefer in Abhängigkeiten gefangen?

Äußerlich hat sie sicherlich vieles gelernt. Etwa, wie man Marmelade kocht, Zucchini einlegt, Kürbisse pflanzt oder Hühnern den Hals umdreht. Schließlich lebt Marian am Land, eine ganz andere Voraussetzung als eine Luxus-Penthouse-Wohnung in der Stadt. Im Laufe des Buchs beginnt sie sich immer weiter von der Vorstellung zu entfernen, dass ihre Flucht aufs Land – aus Not, nicht aus freiem Willen – nur eine Phase sei. Sie möchte bleiben. Trotz oder gerade wegen Franz, dem „geborenen Bestimmer, Alphatier by nature“, den sie mit Sex für Kartoffeln, Milch und Ofenholz bezahlt. Emanzipiert vom früheren Leben, rein in die Abhängigkeit des Überlebens am Land.

Für die Entscheidung, das Landleben als Zukunft zu akzeptieren, fehlt dem Buch allerdings die Grundlage: Einerseits hängt Marian ihrem früheren Selbst zu sehr nach. Rückblenden auf ihr Leben in der „sorglosen gehobenen Mittelklasse. Keine Yacht, aber auch nicht Ruderboot“, nehmen fast Dreiviertel des ganzen Romans ein. Sie verarbeitet ihre Männergeschichten, reflektiert aber kaum ihre Persönlichkeit. Schuld an ihrer Misere ist nicht sie selbst, die ein Umdenken gut gebrauchen könnte, sondern entweder Oliver, der sie betrogen hat, die B-Promis, die ihre Mode nicht mehr kaufen oder die teuren roten Schuhe, die sie erst in Brunos Arme geführt hatten: „Das war wohl, konnte sie jetzt sagen, der Moment. Als sie die Schnallen schloss und sich im Spiegel betrachtete: Da begann ihr Schicksal. Da war es eigentlich besiegelt.“

Andererseits packt Doris Knecht eine große Kiste Klischees aus und persifliert das Landleben, wo es nur geht. Die wenigen dort zurückgelassenen Leute sind bessere Feinde als Freunde, es wird wahllos herumgeschlossen („In der Stadt Mord, am Land Jagd, denkt man.“), Besitzansprüche werden mit körperlicher Gewalt abgegolten. Und die Alten, denen bleibt auch nichts anderes übrig, als sich einer nach dem anderen aufzuhängen, „weil sie alt und überflüssig und für ihre Familien eine Belastung geworden waren. (…) Weil sie nur noch Platz versaßen, am Esstisch und auf der Ofenbank.“ Ach ja, und „alle Bauern heißen Franz, alle, außer denen, die Sepp heißen.“

Traurige Aussichten für Knecht, die selbst, wie sie in Interviews mit dem Standard und dem Bayrischen Rundfunk sagt, wieder mehr Zeit in ihrem Ferienhaus am Land verbringen möchte. Allerdings mögen sie die Leute dort, sagt sie, im Gegensatz zu Marian.


Noch nicht genug?

Leider ist die Tonqualität nicht perfekt, aber man kann Doris Knecht im Literaturhaus Salzburg beim Lesen und Reden zuhören.


Pressestimmen

Die Autorin und Zeitungskolumnistin, die mit ihrem Roman „Gruber geht“ für den Deutschen Buchpreis nominiert war und dessen Verfilmung erfolgreich in den Kinos läuft, lässt das vermissen, was eigentlich ihr großer Trumpf ist: mit einer gewissen Nonchalance über wesentliche Dinge des Lebens zu berichten.
Alexandra Plank, Tiroler Tageszeitung, 2015

“Wald” ist eine intensive Lektüre, weil es um existenzielle Fragen geht. Und weil es Knecht wunderbar gelingt, das Landleben zu beschreiben, in einem unangestrengten Tonfall und ohne Verklärung der Enge der Provinz.
Sebastian Fasthuber, Falter, 2015

Knecht wiederholt Namen und Schlüsselworte, bis zu zwölf Mal auf einer Seite, so dass ein beschwörender Ton entsteht, ein unheimlicher Sound, der noch verstärkt wird durch die Verwendung herber Austriazismen. “Wald” liest sich wie eine 270 Seiten lange Gedankenschleife, ganz eigen, ganz eindringlich.
Tobias Becker, Spiegel Online, 2015

Doris Knechts Roman “Wald” ist im Rowohlt Verlag 2015 erschienen.

Das erste Buch seit der Gründung von leseloop, das ich fast ein wenig verrissen habe. Gerechtfertigt? Sag es mir in den Kommentaren!

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Vea Kaiser: Makarionissi oder die Insel der Seligen (Buchcover Ausschnitt)

Heldinnen weinen nicht. Heldinnen rauchen höchstens

Vea Kaiser mag ich seit Blasmusikpop – obwohl sie in den Medien manchmal etwas dick aufträgt und Sätze von sich gibt, die man schnell mal gegen sie verwenden könnte. Egal. Schreiben kann sie – und das nicht nur gut, sondern sogar sehr gut und zwar so gut, dass man ihre beiden Romane kaum weglegen kann.

In meinen Rezensionen bzw. Loops versuche ich, den Originalstil beizubehalten. So kannst du dir gleich ein Bild von der Schreibweise der Autorin machen und besser entscheiden, ob dir das Buch gefallen könnte. Viel Spaß beim Lesen!


Für meine Bücherwürmer und Leseratten
– ein Loop in vier Gesängen

1. Gesang

Der von einem fast 500 Seiten umfassenden, sprachlich einheitlichen und inhaltlich mitreißenden Roman handelt, den eine junge Autorin aus Österreich geschrieben hat, die bereits mit ihrem ersten Werk „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ große Erfolge feiern konnte.

Vea Kaiser wurde im Jahre neunzehnhundertachtundachzig in der kleinen niederösterreichischen Stadt St. Pölten geboren. St. Pölten war damals nicht klein, es war sogar sehr klein und roch, “als ob der Teufel furzt”. Vea Kaiser ging daher in die nächste große Stadt, um Altgriechisch zu studieren. Die griechische Geschichte faszinierte sie, besonders die Sagen und Helden hatten es ihr angetan und sie beschloss, einen Roman zu schreiben, in den sie die griechische Geschichte einfließen lassen konnte. So entstanden Eleni und Lefti, die Heldin und der Held von „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“, die Vea Kaiser von der Geburt bis in den Ruhestand verfolgt und deren Kinder sie ebenfalls zu ihren Helden macht.

Der Roman ist letztendlich ein Epos geworden. Eingeteilt in neun Gesänge erzählt er von einem halben Jahrhundert griechischer Geschichte, die etwas zu kurz kommt, um den Roman als gesellschaftspolitisch bezeichnen zu können. Die Protagonisten durchleben die Diktatur der Militärjunta, die anschließende Revolution und letzten Endes die Krise des beginnenden dritten Jahrtausends. Im Vordergrund stehen aber immer die persönlichen Probleme der Heldin und des Helden, meistens die Liebe, Sehnsucht und Enttäuschung. Die Lesezeit vergeht bei einem solchen Roman nicht, sie verfliegt.

2. Gesang

Der davon berichtet, wie der Roman beginnt, wie Heldin und Held zusammenfinden und welche Pläne ihre Großmutter mit ihnen hat, die Held und Heldin jedoch eher früher als später durchkreuzen.

Yiayia Maria Kouza war eine angesehene Frau, und nachdem ihr Mann gestorben war, auch das Oberhaupt ihrer Familie. Der Kaffeesatz verriet ihr die Zukunft, die ihren beiden Töchtern und deren Kinder bestimmt war. Eines Nachts, als sie ihre Gedanken schweifen lies und sich den Kopf darüber zermarterte, wie sie ihre Familie, das Haus und alle anderen Besitztümer erhalten könnte, kam ihr die alles rettende Idee: Ein Kind sollte zur Welt gebracht werden, nur, damit ein anderes Kind das Familienerbe würde erhalten können.

So sollte die kleine Eleni geboren werden, so war der junge Lefti gerettet, glaubte die alte Frau. Dabei würde sie bereits wenige Jahre später erleben, dass sich Liebe niemals erzwingen ließ. Doch davon ahnte Yiayia Maria nichts, als sie selig und zufrieden einschlief und nicht im Entferntesten das Gefühl hatte, einen folgenschweren Fehler zu begehen.

3. Gesang

Der die Geschichte der Helden in aller Kürze nacherzählt, ohne jedoch zu viel zu verraten, sondern gerade so viel, um Lust zu machen, diesen Roman zu lesen.

Eleni und Lefti waren eigentlich Cousin und Cousine, doch von Geburt an füreinander bestimmt, und wie es in Varitsi um neunzehnhundertsiebzig üblich war, war eine Heirat der beiden unumgänglich, um Familie und Erbe zu erhalten. Und so, könnte man sagen, begann eine Geschichte voller Enttäuschung, Leid, aber auch Liebe. Weder Lefti noch Eleni ahnten zu diesem Zeitpunkt, dass sie noch oft in ihrem Leben leiden würden wie Hunde. Ausgepeitschte, verhungerte und bespuckte Hunde.

Während Eleni rebellisch und widerspenstig war wie die Locken ihrer Haare, die in alle Richtungen standen, war Lefti ruhig und sehnte sich nach Familie und Sicherheit. Während Lefti die Politik als Kern allen Übels betrachtete und sich tunlichst fernhielt, stürzte sich Eleni mitten in die Revolution. Während Eleni Yoga lernte und Deutschland hasste, schlenderte Lefti am liebsten durch die Fußgängerzone in Hildesheim.

Die beiden lebten sich auseinander. Lefti verliebte sich in Trudi, als Eleni Otto kennenlernte. Als Eleni zurück nach Griechenland ging, zogen Lefti und Trudi nach St. Pölten. Als Lefti Arbeit fand und sich niederließ, reiste Eleni nach Amerika. Als Eleni wieder zurückkehrte, war Lefti immer noch in Österreich. Viele weitere Jahre sahen sie einander gar nicht oder lediglich, wenn sie sich aneinander erinnerten.

4. Gesang

In dem es um eine kleine und bettelarme aber wunderschöne Insel geht, die einer ganzen Familie von Helden Unterschlupf bietet, viele Schicksalsschläge schweigend mitansieht und schließlich einen Traum wahr werden lässt.

Makarionissi lag unweit des Festlands und hatte die Form eines riesigen Hirschkäfers. Hier gab es wenige, aber dafür umso festere Grundüberzeugungen: Die Erde war keine Scheibe, Makarionissi war der schönste Ort der Welt und Vea Kaiser ist eine unumstößliche Romantikerin, bei der Liebe über Jahrzehnte der Abwesenheit des anderen nicht erhalten bleibt, sondern sogar wächst, … „so künstlich, dass es schon wieder echt wirkte.“

Eleni und Lefti waren alt geworden. Aber sie fühlten sich zu Hause, jeder auf seine Art. „Angekommen. Akzeptiert. Vor allem: geliebt.“ Und am Ende geht schließlich ein lang ersehnter Traum in Erfüllung. Wie in allen griechischen Sagen “lebten sie gut, und wir leben noch besser!“


Fazit: Generationenroman zum Mitfiebern

Vea Kaiser lässt ihre Protagonisten leiden. Und zwar immer genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Denn kaum ein Gesang (wie Kaiser die Kapitel bezeichnet) ist lang genug, um langweilig zu werden. Veränderungen treten oft abrupter ein, als man sich wünschen würde. Doch genau das macht Vea Kaisers Romane aus: Unverhoffte Wendungen, die ganz schön verstören können, sich dann jedoch meist wieder zum Guten wenden. Man braucht aber Geduld.

Auch sprachlich hat es die Niederösterreicherin geschafft, einen runden und stimmigen Roman zu schreiben, der einen kaum das Buch aus der Hand legen lässt. Nur noch soviel: Vea Kaiser ist, auch wenn sie nicht so wirkt, eine Romantikerin. Und genauso laden ihre Figuren zum Mitfiebern, Mitleiden und Mitfreuen ein. Gelegentlich auch zum Mitweinen, aber: “Heldinnen weinen nicht”!

„Makarionissi oder Die Insel der Seligen“ ist manchmal eine Gradwanderung zwischen Kitsch, Kommerz und moderner griechischer Tragödie. Vea Kaiser schafft es aber – wie schon im Vorgänger „Blasmusikpop“ – scheinbar mühelos die Balance zu halten. Und das ganz ohne Ungereimtheiten.


Noch nicht genug?

Im folgenden Video aus der Reihe “zehnSeiten” kommt Vea Kaiser ein wenig unsympathisch rüber, wie ich finde. Aber bitte von der übertriebenen Gestik und ihrem überheblichen Ton nicht auf die Qualität ihrer Literatur schließen – die ist nämlich wirklich gut!


Pressestimmen

Es ist bekanntlich Mode, das Alter von Schriftstellern zu erwähnen, solange die noch irgendwie als jung gelten. Bei Vea Kaiser aber scheint das unumgänglich. Denn man staunt über die große Fabulierlust und -kunst der erst 26-jährigen österreichischen Schriftstellerin.
Sabrina Wagner, Die Zeit, 2015

Vea Kaiser ist eine Fabuliererin der alten Schule im modernen Gewand. Sie steht für sprachliche Opulenz sowie Handlungsreichtum, gerät beim Erzählen gern vom Hundertsten ins Tausendste. Im Grunde würde sie am liebsten Romane wie im 19. Jahrhundert verfassen.
Sebastian Fasthuber, Falter, 2015

Sie bleibt ihrem Stil treu, braucht zur Erledigung ihrer Aufgaben wieder rund 500, in neun „Gesänge“ unterteilte Seiten, führt ihre Leser mit räsonierenden Kapitelüberschriften durch fast sechs Jahrzehnte, scheint bei kaum einem Thema (selbst wenn es Andreas Gabalier heißt) Berührungsängste zu haben.
Rainer Moritz, Die Presse, 2015

Vea Kaisers Roman “Makarionissi oder Die Insel der Seligen” ist 2015 bei Kiepenheuer&Witsch erschienen.

Makarionissi oder Blasmusikpop? Am liebsten beides! Oder nicht? Schreib mir deine Meinung in den Kommentaren!

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Ausschnitt Buchcover

Porträt eines Durchschnitts­menschen – aber mit Flusspferd

Arno Geiger ist mir zum ersten Mal auf der Uni untergekommen – in einem Seminar zu Literaturkritik und mit seinem damals aktuellen Buch “Der alte König in seinem Exil”. Mit dieser Geschichte über seinen eigenen Vater hat er sich in meiner Erinnerung festgesetzt.

Dementsprechend waren meine Erwartungen höher als bei vielen anderen Autoren oder Autorinnen. “Selbstporträt mit Flusspferd” hat diese Erwartungen einerseits übertroffen, andererseits enttäuscht. Warum erkläre ich dir im folgenden Loop – einer Rezension im Stil des Originalbuchs.

Julians große Liebe heißt Judith, und um der Perspektive des Ich-Erzählens treu zu bleiben, dachte ich mir: Was liegt eigentlich näher, als mich selbst (auch weil wir den selben Namen haben) in Judith hineinzuversetzen und die Geschichte aus ihrer Perspektive zu betrachten?!


„Jetzt sind wir einander fremd bis zum Rätsel“

Vor einigen Tagen fand ich einen Uhu in meinem Garten. Das arme Tier hatte sich anscheinend einen Flügel gebrochen, jedenfalls aber lag es vor meiner Haustür. Der nächste Tierarzt war nicht weit und welche Überraschung – es war Julian. Jener Julian, der mich vor etwa zehn Jahren, einiges an Nerven kostete.

Als ich in der Praxis stand, erkannte er mich zuerst nicht wieder. Ich hatte mir die Haare geschnitten und war wohl auch nicht mehr der „Prototyp einer unkomplizierten Frau“, als die mich Julian immer gesehen hatte.

„Wir begegneten einander auf Teilgebieten unseres Lebens“

Den Uhu konnte Julian leider nicht mehr retten, dafür aber mich an eine schöne Zeit meines Lebens erinnern. Mein Gott, wir waren damals Anfang 20, verbrachten viel Zeit miteinander, aber immer unspektakulär. Denn Julian zählte zu jenem Schlag von Mensch, der vieles einfach so hin nimmt und im Stillen leidet. Und gelitten hat er, denke ich, obwohl er es war, der die Trennung heraufbeschworen hat.

Ich hoffe, du hast gefunden, wonach du gesucht hast, fragte ich zum Abschied. Gefunden, was er gesucht hat? Was rede ich denn da, ich wusste ja nicht mal, was er gesucht hat und ob er überhaupt gesucht hat.
Im Großen und Ganzen…, war seine nichts sagende Antwort auf eine ebenso nichts fragende Frage. Aber seine Hände zitterten vor Aufregung.
Ja, dann…, sagte ich.
Das war’s. Wir werden uns nicht wieder sehen.

„Man verliebt sich, so wie man sich kratzt“

Damals, wir waren 22, es war zum Ende des Sommersemesters gewesen und ich merkte genau, dass Julian sich nach etwas Neuem sehnte. Oder glaubte, etwas zu verpassen, was er nicht benennen konnte. Dabei spielte sein seltsamer Freund Tibor, den Julian um seine Leichtigkeit beneidete, eine nicht unwesentliche Rolle Sein Motto: „Hauptsache lässig“.

Soweit ich es erzählt bekommen habe, hat Julian Tibors Job übernommen. Er schuldete meinem Vater noch Geld und ich glaube, die Arbeit mit dem Zwergflusspferd hat ihm gut getan. Ein sehr gemächliches, langsames Tier. Passte gut zu ihm, würde ich sagen.

„Weite, unfassbare Welt!“

Müsste ich Julian beschreiben, würde ich mir schwer tun. Er ist ebenso unspektakulär wie unauffällig, was nichts Neues ist bei Arno Geigers Figuren. Er zeigt sie gern unsicher, vereinsamt, ängstlich; aber immer nur im Rahmen dessen, was uns allen passieren könnte. Was wir alle denken könnten. Die Durchschnittsmenschen.

Das Kontrastprogramm gibt’s zwischenzeitlich im Fernsehen: Geiselnahme in Beslan mit hunderten toten Kindern, Hurrikans in den USA. Ja sogar das “Gewurl und Gewimmel” auf der Mariahilfer Straße ist für Julian zeitweise belastend. Trop fatal.

„Dort wo die Menschen ganz sie selbst sind, dort sind ihre schwachen Stellen“

Aber dann lernte Julian diese Aiko kennen, und, was weiß ich, hat es ihm zumindest geholfen, sich von seinem quälenden Liebeskummer zu lösen. Das Flusspferd und Aiko – die beiden haben ihm gut getan inmitten seiner Zukunftsängste und Vergangenheitsleiden. Und ganz so schlecht scheint die Sache auch nicht ausgegangen zu sein, denn immerhin hat er danach zwei Jahre in Paris verbracht.

Undsoweiter.


Fazit: Ein uninteressanter Protagonist?

Julian ist ein Durchschnittsmensch, wie ihn niemand besser beschreiben kann als Arno Geiger. Jeder von uns war einmal 22 oder in einem ähnlichen Alter, jede hat ähnliche Sorgen gehabt und ist zwischen Liebeskummer und Zukunftsängsten in der Luft gehangen. Aber ist Julian deshalb ein uninteressanter Mensch? Oder ein uninteressanter Protagonist eines Romans? Ich denke nicht. Schließlich sind wir alle – und das nach wie vor, egal in welchem Alter – ein bisschen Julian in unserem Alltag, oder? Planlos, ängstlich, launisch, auf uns selbst bezogen. Unspektakulär, einfach.

Und vielleicht brauchen wir alle beizeiten ein Zwergflusspferd, für das die Welt aus Schlafen, Essen und Gähnen besteht und das uns auf den Boden der Realität zurückholt.

“Selbstporträt mit Flusspferd” kommt eindeutig nicht an seinen Vorgängerroman “Der alte König in seinem Exil” heran. Die Geschichte ist dafür einfach zu banal. Julian ist keine Figur, die einem lang in Erinnerung bleiben wird. Trotzdem ist Arno Geigers neuester Roman eine angenehme und lockere Lektüre für den Sommer.


Noch nicht genug?

Hier ein Video voller Informationen und Interpretationen vom Autor selbst – im Interview mit Julia Benkert vom Bayrischen Rundfunk in der Sendereihe “Lesezeichen”:

Arno Geiger hat auch eine eigene Homepage, wo du zahlreiche Informationen über Bücher, Interviews und Lesungen findest.


Pressestimmen

Arno Geigers Roman zielt mitten in die erotische Verwirrung der Gegenwart. […] Sprachlich virtuos und mit heiterem Ernst spielt der österreichische Autor auf der Klaviatur von Utopie und Melancholie, Sehnsucht und Ernüchterung, Hoffnung und Resignation.
Andreas Breitenstein, NZZ, 2015

“Selbstporträt mit Flusspferd” ist also die Coming-of-Age-Geschichte eines jungen Mannes, der sich als etwas Besonderes dünkt, aber auf eine (den Leser) quälende Weise banal und mittelmäßig ist.
Sigrid Löffler, Deutschlandradio, 2015

„Selbstporträt mit Flusspferd“ liest sich leicht und ist doch ein anstrengendes Buch, gerade weil es eine schwierige Lebensphase ins Zentrum rückt. Für erwachsene Leser, die sie hinter sich haben, ist es amüsant, oft jedoch ermüdend, Julian über 280 Seiten beim Erwachsenwerden zuzuschauen.
dpa, Focus, 2015

Arno Geigers Roman “Selbstporträt mit Flusspferd” ist im Hanser Verlag 2015 erschienen.

Hast du “Selbstporträt mit Flusspferd” schon gelesen oder hast du jetzt Lust darauf? – Ich freue mich über deine Meinung!

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Holzwürmer in Holz

Metamorphose

Danach ist es immer zu spät. Das Davor kann niemals rückgängig gemacht, nicht entschuldigt, nicht vergessen werden. Weil wir Menschen sind. Vielleicht geben wir vor, zu verzeihen, doch ganz vergessen können wir nie. Irgendwo in uns weckt der Gedanke noch Jahre später ein schales Gefühl, kaum merkbar und doch sich unwohl anfühlend.

Danach ist man immer klüger. Hätte man doch dies und jenes unterlassen, wäre es wohl nie so weit gekommen. Oder doch? Auf andere Art und Weise? Unausweichlich dem Schicksal Folge leistend? Oder doch selbst bestimmt, selbst schuld? Selbst, selbst… Am schlimmsten sind die Vorwürfe, die sich in die Seele bohren wie Würmer ins Holz, die sie durchlöchern, zum angreifbaren Sieb machen. Vorwürfe, die wie Wasser am Felsen nagen, ihn schleifen, glatt machen und doch nie die ideale Beschaffenheit erreichen, sondern weiter nagen, nagen, und schleifen. Morsch ist es geworden, das Holz, platt der Felsen. Doch die Würmer nagen weiter, wann sind sie endlich satt? Wann lassen sie ab vom ächzenden Material?

Danach folgt Erkenntnis. Über Fehler, andere, sich selbst. Über die Vergangenheit, die doch nur in unseren Köpfen existiert, die wir selbst gemacht haben. Die wir machen werden. Musste es also so kommen? Hätten wir es nicht verhindern können? Uns all den Schmerz, den das Danach mit sich bringt, erspart?

Oder ist es nicht klar und unausweichlich, dass die Würmer vom Holz angezogen werden, um es zu formen, zu einem neuen Holz zu machen? Und ist das neue Holz am Ende nicht doch ein Kunstwerk, sorgfältig über die Jahre geschliffen und gestaltet? Und der Felsen zu einer Skulptur geworden?

Danach kommt die Sintflut. Nach den hunderten begangenen Fehlern, nach den tausenden durchlittenen Stunden, nach der Welt ohne Licht. Dann kommt das Wasser, mächtig, tosend, alles mit sich reißend. Die ganzen Schmerzen, weggespült. Aber wir müssen uns halten, um nicht mitgerissen zu werden. Müssen uns ein letztes Mal der großen Herausforderung unserer Fehler stellen.

Jeder Tag folgt einem anderen, jede Stunde, jeder Gedanke, jegliches Tun. Es ist die Zeit, die uns das Davor empfinden lässt, die uns das Danach lehrt. Und unsere Gedanken, die uns nie im Jetzt leben lassen. Jedes Heute wird zu einem Gestern werden. Jeder Tag wie auf einer Liste abgestempelt. Erledigt. Und weiter gehastet zum nächsten Tag.

Und danach? Ein neuer Morgen, ein neues Leben, eine neue Chance.
Wenn wir es wollen.


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