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Best of neuere österreichische Literatur

5 neuere österreichische Romane, die du gelesen haben solltest

Listen boomen gerade im Netz. 5 Tipps für die Haare, 10 Schritte bis zum Topmanager, 15 Dinge, die man als Ärztin nicht tun sollte… Also kommt hier auch meine (erste) Liste. Allerdings eine Sisyphusaufgabe mit Tantalusqualen, die österreichische Gegenwartsliteratur auf fünf Bücher runterzubrechen, aber egal. Listen sollen ja schließlich übersichtlich sein.

Nun gut. Die folgenden fünf Bücher spiegeln meine persönlichen Vorlieben wider und sind nach meinen Ansichten gerankt. Ich traue mich aber mit gutem Gewissen zu behaupten, dass es Werke sind, die Leserinnen und Leser bis heute gerne lesen und die noch lange im kollektiven literarischen Gedächtnis bleiben werden.

Ach ja, falls du mich noch nicht kennst: Bei mir zählt ganz besonders der Stil eines Buchs. Klar ist auch der Inhalt wichtig, aber ohne Stil geht gar nicht. Meine Rezensionen schreibe ich schließlich auch im Stil des Originals, damit du schon auf leseloop einen Eindruck davon bekommst, wie das Buch sich so liest. Wohl bemerkt, einen Eindruck! Denn ans Original reicht es natürlich nicht heran. But I try, and I try, and I try, and I try… (and sometimes get satisfaction.)

Ach ja, es ist ein Ranking! Also nicht gleich runter zu Platz 1 scrollen, es soll schließlich spannend bleiben!

P.S.: Nachdem ich mir vorgenommen hatte, fünf auserwählte, erlesene, höchst gustiöse Romane für dich in diese winzige Liste zu quetschen, habe ich die Kriterien ein wenig verschärft. Keines der Bücher ist älter als aus dem Jahre 2006, und ich hab drauf geachtet, dass Autorinnen und Autoren vorkommen. Das hat meine Tantalusqualen etwas gemildert und die Sisyphusarbeit zu einem halbwegs passablen Artikel gemacht. Aber lies selbst:


5. Quasikristalle von Eva Menasse

Eva Menasse: Quasikristalle

Eva Menasse beleuchtet in “Quasikristalle” das Leben einer Frau – als Jugendliche, als Mutter, als Ehefrau, als Freundin und schließlich als Großmutter. Ein ganzes Leben in einem Buch, erzählt aus den unterschiedlichen Perspektiven ihrer Mitmenschen, Partner, Freundinnen, Enkelkinder etc. Mal wirkt sie sympathisch, mal nicht. Je nachdem, in welchem Verhältnis die Person zu ihr steht, die gerade das Wort hat. Eine geniale Idee und von Eva Menasse auch sehr gut umgesetzt.

Empfehlung von mir: als Hörbuch anhören! Denn die Geschichte ist nicht nur abwechslungsreich, sondern auch narrativ gut durchdacht. Bleibt also auch beim Zuhören spannend.

Einen Bonuspunkt bekommt Eva Menasse von mir für den originellsten Figurennamen: Die Protagonistin heißt Roxane. Ich meine: Roxane! Das ist doch mal was anderes.

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Eva Menasse: Quasikristalle. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2013. 426 Seiten.
Spannung:     Tiefsinn:     Originalität:     Humor:     Stil:

4. Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt Dieses Buch durfte hier nicht fehlen. Mit den vielen Konjunktiven in indirekter Rede in “Die Vermessung der Welt” ist Daniel Kehlmann bekannt geworden. Leider bringt das oft mit sich, dass man weitere Bücher desselben Autors mit einer dementsprechend hohen Erwartungshaltung angeht. Und die kann dann meist nicht erfüllt werden. Obwohl… eigentlich ist sein 2013 erschienener Roman “F” auch ganz gut.

Jedenfalls treffen sich der Mathematiker Carl Friedrich Gauß und der Naturforscher Alexander von Humboldt, deren beider Geschichten Daniel Kehlmann miteinander verknüpft.

Der Roman gehört übrigens zu den weltweit meistverkauften Büchern des Jahres 2006. Das ist doch beeindruckend für einen österreichisch-deutschen Autor!

2013 wurde die Geschichte verfilmt, ist aber weit weniger spektakulär als das Buch.

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Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. Rowohlt Verlag, Berlin 2008, 304 Seiten.
Spannung:    Tiefsinn:    Originalität:    Humor:    Stil:

3. Gut gegen Nordwind von Daniel Glattauer

Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind Okay, vielleicht wirds jetzt ein wenig kitschig. Nichtsdestotrotz ist “Gut gegen Nordwind” eines von Daniel Glattauers Vorzeigewerken – sein Stil kommt nirgends so gut zur Geltung, wie in diesem E-Mail-Roman.

Emmi und Leo lernen sich durch einen Zufall kennen und beginnen sich Mails zu schreiben, die immer intimer werden. Eigentlich wollen beide nichts anderes, als sich endlich im richtigen Leben kennenzulernen. Aber irgendwie kommt immer was dazwischen.

Feinste Ironie trifft unwiderstehlichen Wortwitz. Glattauer liest sich so, dass man jeden zweiten Satz als Zitat nehmen könnte. Die Geschichte ist zudem mit etwa 220 Seiten recht kurz und wird wahrscheinlich auch deshalb nicht langweilig. Die Fortsetzung mit dem Titel “Alle sieben Wellen” geht dann im selben Tonfall weiter. Und spätestens hier wird der Stil mühsam. Beide Teile hintereinander zu lesen ist also wirklich nur hartgesottenen Glattauer-Fans zu empfehlen.

Daniel Glattauer hat übrigens auch noch ein großes Repertoire an anderen Werken, die mindestens ebenso lesenswert sind wie “Gut gegen Nordwind”. “Darum” oder “Geschenkt” zum Beispiel.

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Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind. Deuticke Verlag, Wien 2006, 224 Seiten.
Spannung:     Tiefsinn:     Originalität:     Humor:     Stil:

2. Winters Garten von Valerie Fritsch

Valerie Fritsch: Winters Garten“Winters Garten” ist der jüngste Roman in dieser Liste, der mir nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Das Setting ist recht simpel: Eine präapokalyptische Welt und zwei Menschen, die im Angesicht von Tod und Elend zueinander finden.

Inhalt gibts nicht viel, dafür ist die Sprache so beeindruckend, dass sie einen komplett verschlingt. Wie Glattauer jeder zweite Satz ein Zitat, nur statt ironisch witzig ist Valerie Fritsch eher nachdenklich, wortgewaltig und machmal etwas zu blumig. Aber hey, wer mit Sprache was anfangen kann, dem sei dieser Roman absolut ans Herz gelegt.

P.S.: Zu “Winters Garten” von Valerie Fritsch gibt es auch einen Loop. Also nur, falls du gern tiefer in diesen unglaublich opulenten Roman hinein kippen möchtest. ;)

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Valerie Fritsch: Winters Garten. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2015, 154 Seiten.
Spannung:    Tiefsinn:    Originalität:    Humor:    Stil:

1. Die Verteidigung der Missionarsstellung von Wolf Haas

Wolf Haas: Die Verteidigung der Missionarsstellung Ja, gut, muss man mögen, diesen doch recht ungewohnten Stil. Kabarett nichts dagegen. Versteh ich, dass das nicht jedermanns Fall ist. Die Sprachkunst muss dem Haas jedoch selbst sein größter Kritiker oder seine ärgste Feindin zugestehen. Nicht umsonst ist der gebürtige Salzburger, der mit seinen Brenner Romanen bekannt wurde, so erfolgreich.

Wer von Wolf Haas nur die Brenner Romane kennt, sollte unbedingt seine zwei Ausreißer lesen, die die Brenner eigene Sprache nicht allzu sehr überstrapazieren. Haas light und ohne Zucker quasi. Der bessere der beiden Romane ist eindeutig die “Verteidigung der Missionarsstellung”.

Der Protagonist, ein Autor, erzählt die (Lebens-)Geschichte eines Freundes. Dieser verliebt sich genau dreimal im Leben, jeweils “zufällig” zum Zeitpunkt der drei großen Epidemien der letzten Jahre. Spannungsbogen: 100 von 100 Punkten.

Allein für die Idee, einen Roman an BSE, Vogel- und Schweinegrippe aufzuhängen, verdient Wolf Haas einen Preis für originelles Storytelling. Der Salzburger war übrigens früher Werbetexter. Der Ö1 Slogan “Gehört gehört” geht zum Beispiel auf seine Kappe. Merkt man auch bei den Romanen, oder?

Falls du noch nichts von Wolf Haas gelesen hast, dann schnuppere doch mal in meinen Loop zu seinem aktuellen Roman “Brennerova” hinein.

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Wolf Haas: Verteidigung der Missionarsstellung. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2012. 238 Seiten.
Spannung:    Tiefsinn:    Originalität:    Humor:    Stil:

 
 
So, ich hoffe dir hat meine Auswahl gefallen?! War ein guter Tipp für dich dabei oder stehst du mit einem der Romane auf Kriegsfuß? Sag es mir in den Kommentaren!

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Buchcover Ausschnitt Clemens Setz: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

Ideenreiche Provokation in Setz’scher Manier

Clemens J. Setz ist einer jener Autorinnen und Autoren, von denen mich sowohl die Literatur als auch die Person selbst faszinieren. Beim Lesen seiner Werke fragt man sich doch permanent: Wie muss jemand drauf sein, der so etwas schreiben kann? Dem so etwas überhaupt einfällt? Und dabei geht es nicht nur um den Inhalt der Erzählung oder des Romans, sondern vielmehr um einzelne Fragmente bzw. Gedanken wie:

Der halbe Kopf schien entzweizugehen, wenn der Kater gähnte. Es sah aus wie diese Venusfliegenfallen.

Eine leicht vorstellbare Metapher, oder? Und sehr treffend ausgedrückt, karlesk würde die Protagonistin Natalie sagen. So wie auch dieser Satz hier:

Das Souterrain [eine Art Open-Space für Jugendliche, Anm.] war wie ein geöffnetes Worddokument, in das alle möglichen Leute irgendetwas tippten, während andere es vorzogen, das Getippte zu markieren und zu verschieben oder zu löschen.

– Genial, nicht?

Außerdem müsste man seinen Roman zwei- oder dreimal lesen, um überhaupt nur annähernd alle versteckten Hinweise auf spätere Handlungsstränge zu finden, so gut durchdacht ist die Geschichte von “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre”.

Um es kurz zu machen: Clemens J. Setz ist ein Meister der Täuschung und setzt dies sprachlich wie inhaltlich gekonnt um. Ihn zu loopen ist kaum möglich, da er besonders auf Stimmung baut und die braucht einfach ihre Zeit, um sich zu entwickeln. Ich habe es trotzdem versucht und hoffe, ihr bekommt einen vagen Eindruck, wie sich der Roman liest.


“Zufallsmusik und weinrauchige Unterhaltungen…

… zirkulär, unentrinnbar und perfekt in sich ruhend wie das ewige Selbstgespräch überfließender und einander speisender Brunnenbecken.” So könnte eine Ein-Satz-Beschreibung für Clemens J. Setz’ neues Buch “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre” lauten. Als wäre man kurz in eine Parallelwelt gefallen. Wie ein Glitch, ein Sprungfehler in der Zeit. Zuerst ist man hier, dann gleich dort. Ohne dass man wüsste, wie man vom einen Ort zum anderen gekommen ist. Ein silbriges Gefühl von Zeitlosigkeit, sehr dunkel und sehr zwirn.

Gefühle als Sinneseindrucke wahrnehmen war eine besondere Eigenschaft, das wusste Natalie. Auch in den Phasen vor und nach den epileptischen Anfällen, an denen Natalie als Kind gelitten hatte, kam diese syästhetische Wahrnehmung öfters vor. Und obwohl die Anfälle schon lange nicht mehr auftraten, wurde sie hin und wieder vom Tod gestreift und bekam dieses aurige Gefühl, das man eben hat vor einem Grand Mal. Obwohl es ja kein Grand Mal gab, zumindest vorerst.

“Draußen flog die Landschaft in parallelen Comicwindstrichen vorbei”

Natalie hatte eben erst in der Villa Koselbruch, einer Anstalt für psychisch beeinträchtigte Menschen, angefangen, als Bezugsbetreuerin zu arbeiten. Alle waren sich einig, dass sie, die Neulingin, einen der schwierigsten Fälle zugeteilt bekommen sollte: Herr Dorm, Alexander Dorm, ein Mann im Rollstuhl mit bleichblondem Millimeterhaar. Ein Stalker, wie man ihn gerade nicht aus dem Bilderbuch kennt. Trotzdem hatte er es geschafft, die Frau von Christopher Hollberg in den Selbstmord zu treiben. Voll retro, dachte Natalie, obwohl sie genau wusste, was das heißt. Wahrscheinlich würden die meisten Leute sowieso sagen, dass sie noch verrückter war als die Insassen der Anstalt. Aber was war schon normal?

Zwischen Dorm, Hollberg und Natalie entwickelt sich eine Dreiecksbeziehung, die langsam aber sicher in ein perfides Psychospiel übergeht. Ein total krankes Sado-Maso-Ding auf verbaler Ebene. Stundenlang. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ich meine, das ist doch. Und sowas geht. Und das seit vier Jahren. Jede Woche. Das macht er. Ist schon beeindruckend, dass man da durchhält.

“Wie ein Sack voller Hirschgeweihe”

Natalie gab ihr Bestes. Sie war freundlich, wenn sie freundlich sein musste. Guten Tag, Herr Dorm. Machen wir heute wieder das Make-up, Herr Dorm. Ich helfe Ihnen gerne, Herr Dorm. Parallel dazu stellte sie sich vor, wie ein Ninjaschwert Alexander Dorms Kopf zerteilte. Aber nicht so, dass er gleich zerfiel, sondern noch tagelang so herumfuhr, bis er einen kleinen Stoß bekam und plopp, auseinander fiel. Ein feingoldenes Gefühl von Geborgenheit stellte sich ein.

Natalie drückte auf den Aufnahmeknopf ihres iPhones. Nonseq, eigentlich Non sequitur – das Aneinanderreihen von völlig zusammenhangslosen Dingen. Neben Livesendungen und Blowjob-Streunen eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Nonseq konnte man nicht wirklich erklären, aber es geht in etwa so:

Gnr, gnr, gnr, machte der Kater, wenn man ihn von hinten berührte. Wie Super Mario, wenn er von einem Feind gestreift wurde. Vielleicht war der Molch ein Grund dafür, aber nicht, wenn das Telefon in der Nachbarwohnung läutet. Dann dachte sie, um wieder ruhiger zu werden, an eine weiße Fellkugel, die ins kühle Wasser eines Schwimmbeckens sprang. Elefant, Graubereiche. Sie schaltete das iPhone aus, nahm das Kondom aus der Jackentasche, spielte ein wenig damit herum und drückte die gelbliche gallertartige Flüssigkeit in ihren Mund. Comment?


Fazit: Was man mit Sprache anrichten kann

Bevor ihr jetzt wegklickt, hier die Erklärung für die letzen Absätze: Ich versuche bei allen meinen Rezensionen, in einem Teil den Originalton des Autors nachzuempfinden. Zu Clemens Setz gehört unweigerlich ein Gefühl von Ekel, das einen unerwartet erwischt, dazu. (Ich hoffe mal, ich habe euch erwischt ;))

Drei Dinge, die Clemens J. Setz’ Romane ausmachen

  1. Das Aufbauen von Spannung durch Andeutungen, die er jedoch unvollständig stehen lässt. Beim Leser bzw. bei der Leserin entsteht dabei ein ganz leichtes, schales, oft nicht eindeutig benennbares Gefühl der Enttäuschung. Man fühlt sich ein wenig im Regen stehen gelassen, sodass als einzige Lösung erscheint, im nächsten Kapitel den ersehnten Regenschirm – also die Erklärung für die entstandene Unsicherheit – suchen zu gehen. Wer schon einen Setz gelesen hat, weiß sofort, was ich meine, stimmts?!
  2. Die Wortneuschöpfungen, die einem nach kürzester Zeit so normal vorkommen, als würden sie seit Jahren im Duden stehen. Jedes “(Un)Wort des Jahres”, oft gehört und gelesen und vielleicht sogar selbst verwendet, kommt einem dagegen fremd vor. Karleske Sätze und aurige Stimmungen sind so glasklar, dass man sie beim Lesen des Wortes selbst empfindet.
  3. Das Ausreizen von (eh schon abartigen) Szenen bis hin zur Ekelgrenze bzw. sogar darüber hinaus, was in körperlichem Unwohlsein endet. Kennt ihr die Übelkeit, die aufkommt, wenn man im Auto länger liest? Ja, genau so.
    Kann also schon sein, dass man den Roman weglegen muss, obwohl man vor Spannung fast platzt. Dementsprechend dauert das Lesen dann länger, zusätzlich zu den etwa 1100 Seiten, die man zu bewältigen hat. Andererseits zeigen die ersten 100 bis 200 Seiten einige Längen, über die man als Leserin oder Leser nur hinweg kommt, weil man eben weiß, dass man einen Setz-Roman vor sich liegen hat.

 
Für die ersten beiden Eigenheiten mag ich Clemens J. Setz und seine Romane. Für den dritten Punkt bewundere ich ihn: Für diese perfekt ausbalancierte Gratwanderung zwischen Spannung, Abartigkeit und hohem literarischen Anspruch. Nicht umsonst war der Grazer Autor schon das dritte Mal für den deutschen Buchpreis nominiert (Ja, das heißt was!).

Eine uneingeschränkte Empfehlung?

Sicher nicht. Setz ist garantiert nicht für jede und jeden. Außerdem gibt es stark geteilte Meinungen, was – wie ich denke – nach genau das ist, was Clemens Setz mit seinen Romanen provozieren will: Empörung, Aufregung, Überraschung – und Unterhaltung, wenn man mag.


Noch nicht genug?

Kann ich gut verstehen. Bei Setz habe ich persönlich immer das Gefühl, dass ich unbedingt mehr lesen muss. Fast aus einem inneren Zwang heraus, den der Autor durch seine ständigen Andeutungen provoziert, die er nicht oder erst viel später im Text zu Ende führt.

Hier noch ein Gespräch von 3Sat mit Clemens J. Setz auf der Buchmesse in Frankfurt über die Protagonistin Natalie, synästhetische Wahrnehmungen und Wortneuschöpfungen in seinem Roman:

Und noch ein aufschlussreiches Interview, erschienen in der Zeit, das einen ein bisschen hinter das Phänomen Clemens J. Setz blicken lässt und auch hilft, seine Literatur aus einen anderen Blickwinkel zu betrachten.


Pressestimmen

Der neue Roman von Clemens Setz ist eine Zumutung. In einer vertrackten Stalking-Geschichte werden die Grundfragen zivilisierten Zusammenlebens neu verhandelt – in Form einer tausendseitigen synästhetischen Gehirnmassage.
Jan Wiele, FAZ, 2015

[Es] stellt sich das typische Setz-Gefühl ein: dass man es hier mit einem klugen, literarisch und popkulturell versierten Autor zu tun hat. Einem Autor, der souverän und mit Schwung durch seinen Text gleitet und gerne die semantischen Unterströmungen seiner vielfachen Bezüge aufnimmt. Dabei kalkuliert er mit ein, dass er spätestens am Ende seiner Fahrt eine Bugwelle von Bedeutungen vor sich hertreibt, die an manchen Punkten ins Leere läuft. Fluch und Segen der Postmoderne: Ein jedes kann alles und nichts bedeuten.
Thomas Andre, Spiegel Online, 2015

Die Spannweite des Hantierens mit Sprache umfasst hier alles von subtilem Einfluss bis zu brutaler Gewalt, von Experimentierlust bis zu Selbstverteidigung, von unerwarteter Leichtigkeit bis zu körperlichem Unwohlsein; streckenweise könnte das eine Handreichung aus einem NLP-Seminar für Soziopathen sein.
Bernhard Oberreither, Der Standard, 2015

Clemens J. Setz’ Roman “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre” ist im Suhrkamp Verlag 2015 erschienen und stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Hast du “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre” schon gelesen? Welche Wirkung hatte das Unheimliche und Abartige im Roman auf dich? Sag es mir in den Kommentaren!

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Buchcover Ausschnitt Valerie Fritsch: Winters Garten

Todesvernarrte Häuser und herzbeklemmende Landschaften

Valerie Fritsch wird oft als Literaturwunderkind der Stunde bezeichnet. Zu Recht. Die Grazerin hat bereits zahlreiche Preise und Stipendien gewonnen und ist trotzdem am Boden geblieben. Ihre klugen Antworten auf der Bühne sind ebenso einprägsam wie wortgewandt – sodass es manchmal sogar dem versiertesten Moderator die Sprache verschlägt. Wer Valerie Fritsch bei den diesjährigen O-Tönen erlebt hat, weiß, was ich meine.

Wenn du mich bereits kennst bzw. auch das Konzept von leseloop, dann weißt du: Beeindruckende Stilistik, durchdachte Wortwahl und melodisch klingende Sprache begeistert mich grundsätzlich. Hier meine Hommage an eine der coolsten jungen Schriftstellerinnen aus Österreich.


„Der Himmel war so weit entfernt wie der Mond“

Anton Winter wuchs in einem riesigen Garten auf zu einer jener Zeiten, in denen die Welt noch in Ordnung war. Es war eine Gartenkolonie, entstanden vor Generationen, in der viele Menschen, alt und jung, zusammenlebten in einem ebenso riesigen Haus. Nie musste man sich Sorgen machen, dass die Kinder des Abends ihren Weg nach Hause nicht mehr fanden, dass die Alten in ihren Betten einsam starben, dass die Mütter und Väter nicht aus der Stadt zurückkehrten.

Im Garten hatten man das Vertrauen, dass die Gesellschaft längst verloren hatte. Er war das Gegenteil von jener Einsamkeit, die Anton Winter in der Stadt erlebte. Jene Stadt ohne Namen, von der wir nur wissen, dass sie am Meer lag, die aber als Sinnbild für die große Einsamkeit steht, die außerhalb des Gartens herrschte. Tod und Leben, Miteinander und Einsiedelei, Idylle und Untergang, alles hat Platz in diesem Buch.

„Wer traurig war, ging stets ans Meer“

In der Stadt floh die Idylle, wurde zu präapokalytischen Endzeitstimmung, die Anton Winter hoch oben beobachtete von seiner Wohnung aus. Er sah, wie die Menschen ans Meer gingen, magere Gestalten, die sich eine Linderung durch die kühle das Leben verschluckende Brandung erhofften. Sie stürzten sich ins Meer mit ihren schweren Herzen, sanken zum Meeresgrund mit ihren gallertartigen Körpern und schwebten leblos neben lebendigen Fischen, die es noch gab im flachen Wasser. Er beobachtete die Massenselbstmorde und Massenhochzeiten, die zeitgleich stattfanden, und wusste nicht, was die bessere Lösung war, der Wirklichkeit zu entfliehen.

Die melancholische Stimmung: allgegenwärtig. Wie Anton Winter durch den Feldstecher starrte. Wie er seine Vögel alleine ließ mit ihren traurigen Rufen. Wie er Stadt und Garten betrachtete, schwer und traumwandlerisch. Wie er schwelgte in Erinnerungen an seine Kindheit, an den Vater, an die Großmutter. Wie ihn die Verzweiflung einholte als wäre es sein letzter Tag. Wie er liebte im einen Moment. Wie er gewaltsam um sich schlug im nächsten. Er, der nicht mehr lachte und nichts mehr zu lachen hatte im Leben.

„Mit der Liebe bekommt man sein Schicksal zurück“

In Valerie Fritschs Roman gibt es den Garten, die Stadt, und dann: lange nichts. Alles umfassend die Liebe, die sich als feines Geflecht zarter tänzelnder Spinnen zwischen Anton Winter und Frederike entfaltet und ebenso filigran ist wie die Welt kurz vor der Apokalypse, so scheint es. Beide waren sie dünn, wie knochige Tänzer in den Schatten der Nacht. Ihr Zusammensein änderte ihre Welt, und doch auch nicht. Anton Winter, dünn wie ein Strich, beobachtete weiter die Stadt mit seinem Feldstecher. Frederike arbeitete weiter in einem Krankenhaus und trotzte dem Tod, indem sie kleine schreiende Bündel voller Leben auf die Welt brachte, die bald nichts mehr Lebenswertes zu bieten haben würde.

Es war leise geworden in jener Stadt, und die Menschen so traurig. Es war, als irrten sie umher, gemeinsam und einsam. Diese Melancholie, diese unbezwingbare Traurigkeit, als hätte Valerie Fritsch in diesem Roman abgeschlossen mit der Welt, zieht sich immerfort und verstärkt sich mit der Erkenntnis, dass nichts mehr helfen kann. Außer der Garten, der Ausgangspunkt und Endpunkt darstellt, Sehnsuchtsort und Gefängnis gleichzeitig. Der Anton Winter immer Heimat geblieben ist in seinen Träumen.

„Immer noch war das Leben ein Warten“

Man wartet in Valerie Fritschs Roman. Man sehnt sich nach Handlung. Man wünscht sich mehr. Doch nichts davon tritt ein. Es ist ihre Sprache, die vollkommen genügen muss, die für sie formbar ist wie Plastilin. Niemals kitschig, immer eigenartig melodisch, immer staunend, niemals stumm. Eine Sprache, die keines ausschweifenden Inhalts bedarf. Außer Leben und Tod als gegensätzliche Zustände, verkörpert im Garten und der Stadt, in Selbstmorden und Hochzeiten, in Leichen und Neugeborenen. Alles geht nebeneinander her, nichts trennt diese Gegensätze. Liebe und Tod, Eros und Thanatos, bedingen einander mit einer Selbstverständlichkeit, die es selten gibt heutzutage.


Fazit: Nichts ist unmöglich für Valerie Fritsch

Taumelnd unter der Virtuosität ihrer Sprache liest man Valerie Fritschs Roman. Fasziniert vom Lieben und vom Grauen, von Schönheit, Idylle, Glück ebenso wie von Verfall, Endzeit und Todessehnsucht. Man liest von „herzbeklemmenden Landschaften“, von„todesvernarrten Häusern“, von der „Wiener-Walzer-Sentimentalität“ der Apokalypse. Hier „rollen“ die Donner über die Felder, hier „kreischen“ die Krallen der Vögel auf den Karosserien, hier blühen “liederliche und tropische Pflanzen […] kadettenblau, bassorange, zwetschgengelb.“ Hier gilt für den Roman dasselbe wie für die Menschen in Anton Winters Garten: „Was man nicht über die Lippen bringt, bringt man auch nicht übers Herz.“ Und das scheint es für Valerie Fritsch nicht zu geben.

Kurz gesagt, Valerie Fritschs Sprache haut einen um. So sehr, dass man währenddessen kaum merkt, dass die Geschichte rund um das vielstrapazierte Eros-Thanatos Motiv, eingepflanzt in eine Weltuntergangsstimmung á la Lars von Triers „Melancholia“, nicht viel mehr zu bieten hat. Fritsch ist inhaltlich wie formal das genaue Gegenteil von Vea Kaiser, um es mit einem Vergleich zu sagen. Während Kaiser mit einem einfachen Stil und dafür umso ausschweifenderer Geschichte beeindruckt, ist es bei Fritsch genau umgekehrt: Ihr Roman “Winters Garten” ist gerade mal 154 Seiten lang und liest sich wie ein sehr langes und sehr sinnliches Gedicht, das Inhalt nur andeutet und viel Spielraum für Interpretationen lässt.

Eine Frage stellt sich noch zum Schluss:

Ist Valerie Fritsch ein One-Hit-Wonder?

„Winters Garten“ ist ein so originelles Buch, wie ich schon lange keines mehr gelesen habe. Valerie Fritsch hat derart viel an virtuoser Sprachkunst reingepackt und deckt mit ihrem Roman ein riesiges Themenspektrum ab, dass man sich fragt, was sie in zukünftigen Romanen denn noch zu sagen haben könnte?

Wird sie scheitern wie Robert Schneider nach „Schlafes Bruder“? Oder wird sie uns ein zweites (oder ein drittes und viertes und fünftes) Mal beeindrucken wie etwa Friederike Mayröcker? Ich bin gespannt.


Noch nicht genug?

Valerie Fritsch hat auch mich zu allererst auf einer Lesung begeistert. Man braucht der jungen Steirerin mit der angenehmen Stimme nur zuhören, schon zieht sie einen in ihren Bann. Ich finde sogar, dass “Winters Garten” ob seiner melodischen klingenden Sprache vorgelesen am schönsten ist.

Sie war übrigens mit ein Grund, warum ich unbedingt auf das diesjährige Literatur im Nebel Festival in Heidenreichstein fahren wollte. Schade, dass sie krank war, sie hätte dort sicher sehr gut hineingepasst.


Pressestimmen

“Winters Garten” macht ganz schön besoffen, so viel als Warnung, und hinterlässt noch nach dem Zuschlagen einen leichten Kater. Jeden zweiten Satz möchte man auf der Zunge herumrollen wie guten Wein – nur fehlt leider das Wasser für Zwischendurch. […] Es ist, als hätte die gerade mal 25-Jährige in dieses dünne Buch alles gelegt, was sie jemals hatte sagen wollen. Als stünde das Weltende tatsächlich kurz bevor.
Anja Kümmel, Zeit Online, 2015

Die Sprache, mit der Valerie Fritsch von jenem Riss, der durch die Welt und jeden Einzelnen geht, erzählt, ist von einer betörenden Schönheit, wie man sie in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur lange schon nicht mehr vorgefunden hat. Sie zeichnet sich durch eine schonungslose Zärtlichkeit aus und nicht zuletzt durch jene Genauigkeit, deren es so dringend bedarf, wenn man nicht Gefahr laufen will, mit ein, zwei falschen Bildern, ein paar misslungenen Sätzen einen ganzen Text zu Fall zu bringen.
Josef Bichler, Der Standard, 2015

Wer den ganz hohen Ton wählt, muss eine sichere Stimme haben. Die 1989 in Graz geborene Valerie Fritsch stellt in ihrem Erstling zwar eine beeindruckende Imaginationsgabe und Fabulierlust unter Beweis, verdirbt ihre opulent-düstere Vision vom Weltuntergang aber durch zu viele Patzer.
Georg Renöckl, Neue Zürcher Zeitung, 2015

 
Valerie Fritschs Roman “Winters Garten” ist im Suhrkamp Verlag 2015 erschienen und war auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015. Mehr Infos findest du auch auf ihrer eigenen Webseite.

Was beeindruckt dich mehr beim Lesen, Stil oder Inhalt? Kann man die beiden überhaupt trennen? Sag es mir in den Kommentaren!

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Doris Knecht: Wald, Buchcover Ausschnitt

Doris Knechts bitterböse Abrechnung mit dem Landleben

Tieftraurig und voller Hass auf ihre Vergangenheit blickend – besonders auf die darin vorkommenden Männer – erzählt die Protagonistin Marian, warum sie im Wald gelandet ist. Als letzten Ausweg. Als einzig möglichen Rückzugsort vor einem Leben, das ihr den letzten Funken Würde genommen hat. Aber wird sich das im Wald ändern?

Wer glaubt, hier einen Roman mit einer starken selbstbewussten Frauenfigur vor sich zu haben, legt das Buch besser gleich weg. So flüssig und stringent Knechts Stil auch ist und so gern ich monologische Texte lese: Inhaltlich ist der Roman leider nicht gelungen. Vor allem, wenn man Marlen Haushofers „Die Wand“ kennt, kann man fast nur enttäuscht sein. Daher diesmal ein ausführlicheres Fazit und ein etwas kürzerer Loop.


„Und letztendlich eh für’n Hugo, wie man so schön sagte“

“Sie gibt sich keine Mühe, zurück in den Traum zu finden.” Hat ohnedies keine Sinn. Er ist dahin. Ebenso wie Marians früheres Leben als Luxusvorstadtweib mit Luxusgefühlen und First World Problems. Trotzdem denkt sie viel darüber nach. Was alles schief gelaufen ist, was sie hätte vermeiden können, was aus ihr geworden ist. Über Oliver, der warme Oliver, der ihr immer zur Seite stand, der aber letztendlich die nüchterne pragmatische Frau in ihr nicht mehr ertragen konnte. Ja, das war sie immer gewesen. Seit sie ihren Namen vom, wie sie fand, biederen provinziellen und altmodischen Marianne in ein androgynes modernes stilvolles Marian geändert hatte, und spätestens dann, als sie ihre eigene Modelinie gründete.

„Dennoch: Der Saat des Untergangs war mit Bruno gelegt worden“

Bruno, der Philosophieprofessor, „der brillante, schmähführende, blitzgescheite Hallodri“, hatte sie immer häppchenweise mit Zärtlichkeit gefüttert, bis die Häppchen immer kleiner wurden. Das hatte er immer gut gekonnt, „mit ganz kleinen Bocken vom großen Wir und ein paar Bröseln Zukunft.“ Gerade aber soviel, dass sie bei ihm blieb, ja bleiben musste, um mehr zu bekommen. Ihre Freundinnen hatten versucht, sie auf Brunos Fremdgehen aufmerksam zu machen, doch “die waren ja bloß neidig, die blöden Weiber”. Aber sie, Marian, die Rastlose, die gut Ausgebildete, die Weitsichtige, hatte sich von Bruno blind machen lassen. Und taub. Und blöd.

Vielleicht hat sie das Landleben zäher gemacht, anders jedoch keineswegs. Dazugelernt hat sie nichts, sondern verlässt sich nach wie vor auf alte Muster: Eine Frau, die versucht, sich als starke Figur auszugeben, in Wahrheit aber nur ihre Schwächen demonstriert. Nach dem Motto: „Wenn ja, dann ja, wenn nein, dann tja. Schmecks.“

„Gott, es ist viel zu früh für so ein Gehirne“

Jetzt steht sie früh auf, brockt Ribisel und fischt ihre Fische selbst, seit Franz es ihr gezeigt hat, seit sie im Wald im Haus der Tante lebt, in einem kleinen Dorf im Hinterfurz, in der Hinterfurzstraße 9. Franz hat ihr zuerst ins Gesicht geschlagen, dann Geschenke gemacht, dann mit ihr gevögelt. Von Franz gibt es nichts umsonst. Am Land gibt es nichts umsonst. Da muss man wissen, was man wert ist: Ein paar Scheit Holz für den Winter, ein bissl Haarshampoo, eine Anleitung zum richtigen Fischen. Und sie ist stolz darauf. Stolz, ihr Essen selbst zu verdienen, ob durch vögeln oder durch fischen, was ist schon der Unterschied? Aber so ist es am Land, friss oder stirb. Spätestens jetzt ist sie dahin, die Bauernhof-Bilderbuchphantasie.

„Das war für eine Biografie wie die ihre nicht vorgesehen.“

Sie hatte immer alles richtig gemacht. Sie war ein fleißiges Mädchen gewesen, hatte nicht zu oft Kokain genommen, hatte sich nicht gleich nach der Matura in einen Griechen verliebt, und hatte sich aus ihrer Schwangerschaft gut rausgerettet. Liam, der Vater, und Shirley, seine neue Frau, waren ihrer Tochter bessere Eltern gewesen, als sie es je hätte sein können. Sie blieb lieber allein mit ihrer Arbeit, „wo A nach B führte und man von B aus vorsichtig C anvisieren konnte.“ Sprich: Wo sie alles kontrollieren konnte. „Das dachte sie zumindest, die dumme Kuh, die sie damals war.“

Dann kam die Wirtschaftskrise und Marian hatte zuerst Bruno, dann ihr Atelier, dann ihre Wohnung verloren. Sie denkt nicht gerne darüber nach, wie alles hätte vermieden werden können. „Hättiwari. Wäre. Wuascht. Es war eh egal, spielte keine Rolle mehr.“ Jetzt hat sie Franz, und sie ist froh, dass sie Franz hat und nicht mehr Bruno oder Oliver, denn Franz ist solide, ein Bauer vom Land, ein Mann, der sie versorgte. Nur ein bissl vögeln, dann bleibt Franz ihr erhalten. Alles in Ordnung, alles okay.


Fazit: Statt Emanzipation nur noch mehr Abhängigkeit

„Sie war hier, weiter von ihrem früheren Dasein weg als die Erde vom Mars“, beschreibt Doris Knecht den Ist-Zustand ihrer Protagonistin. Doch ist das tatsächlich so? Hat es Marian geschafft, sich zu emanzipieren, oder ist sie nur noch tiefer in Abhängigkeiten gefangen?

Äußerlich hat sie sicherlich vieles gelernt. Etwa, wie man Marmelade kocht, Zucchini einlegt, Kürbisse pflanzt oder Hühnern den Hals umdreht. Schließlich lebt Marian am Land, eine ganz andere Voraussetzung als eine Luxus-Penthouse-Wohnung in der Stadt. Im Laufe des Buchs beginnt sie sich immer weiter von der Vorstellung zu entfernen, dass ihre Flucht aufs Land – aus Not, nicht aus freiem Willen – nur eine Phase sei. Sie möchte bleiben. Trotz oder gerade wegen Franz, dem „geborenen Bestimmer, Alphatier by nature“, den sie mit Sex für Kartoffeln, Milch und Ofenholz bezahlt. Emanzipiert vom früheren Leben, rein in die Abhängigkeit des Überlebens am Land.

Für die Entscheidung, das Landleben als Zukunft zu akzeptieren, fehlt dem Buch allerdings die Grundlage: Einerseits hängt Marian ihrem früheren Selbst zu sehr nach. Rückblenden auf ihr Leben in der „sorglosen gehobenen Mittelklasse. Keine Yacht, aber auch nicht Ruderboot“, nehmen fast Dreiviertel des ganzen Romans ein. Sie verarbeitet ihre Männergeschichten, reflektiert aber kaum ihre Persönlichkeit. Schuld an ihrer Misere ist nicht sie selbst, die ein Umdenken gut gebrauchen könnte, sondern entweder Oliver, der sie betrogen hat, die B-Promis, die ihre Mode nicht mehr kaufen oder die teuren roten Schuhe, die sie erst in Brunos Arme geführt hatten: „Das war wohl, konnte sie jetzt sagen, der Moment. Als sie die Schnallen schloss und sich im Spiegel betrachtete: Da begann ihr Schicksal. Da war es eigentlich besiegelt.“

Andererseits packt Doris Knecht eine große Kiste Klischees aus und persifliert das Landleben, wo es nur geht. Die wenigen dort zurückgelassenen Leute sind bessere Feinde als Freunde, es wird wahllos herumgeschlossen („In der Stadt Mord, am Land Jagd, denkt man.“), Besitzansprüche werden mit körperlicher Gewalt abgegolten. Und die Alten, denen bleibt auch nichts anderes übrig, als sich einer nach dem anderen aufzuhängen, „weil sie alt und überflüssig und für ihre Familien eine Belastung geworden waren. (…) Weil sie nur noch Platz versaßen, am Esstisch und auf der Ofenbank.“ Ach ja, und „alle Bauern heißen Franz, alle, außer denen, die Sepp heißen.“

Traurige Aussichten für Knecht, die selbst, wie sie in Interviews mit dem Standard und dem Bayrischen Rundfunk sagt, wieder mehr Zeit in ihrem Ferienhaus am Land verbringen möchte. Allerdings mögen sie die Leute dort, sagt sie, im Gegensatz zu Marian.


Noch nicht genug?

Leider ist die Tonqualität nicht perfekt, aber man kann Doris Knecht im Literaturhaus Salzburg beim Lesen und Reden zuhören.


Pressestimmen

Die Autorin und Zeitungskolumnistin, die mit ihrem Roman „Gruber geht“ für den Deutschen Buchpreis nominiert war und dessen Verfilmung erfolgreich in den Kinos läuft, lässt das vermissen, was eigentlich ihr großer Trumpf ist: mit einer gewissen Nonchalance über wesentliche Dinge des Lebens zu berichten.
Alexandra Plank, Tiroler Tageszeitung, 2015

“Wald” ist eine intensive Lektüre, weil es um existenzielle Fragen geht. Und weil es Knecht wunderbar gelingt, das Landleben zu beschreiben, in einem unangestrengten Tonfall und ohne Verklärung der Enge der Provinz.
Sebastian Fasthuber, Falter, 2015

Knecht wiederholt Namen und Schlüsselworte, bis zu zwölf Mal auf einer Seite, so dass ein beschwörender Ton entsteht, ein unheimlicher Sound, der noch verstärkt wird durch die Verwendung herber Austriazismen. “Wald” liest sich wie eine 270 Seiten lange Gedankenschleife, ganz eigen, ganz eindringlich.
Tobias Becker, Spiegel Online, 2015

Doris Knechts Roman “Wald” ist im Rowohlt Verlag 2015 erschienen.

Das erste Buch seit der Gründung von leseloop, das ich fast ein wenig verrissen habe. Gerechtfertigt? Sag es mir in den Kommentaren!

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Vea Kaiser: Makarionissi oder die Insel der Seligen (Buchcover Ausschnitt)

Heldinnen weinen nicht. Heldinnen rauchen höchstens

Vea Kaiser mag ich seit Blasmusikpop – obwohl sie in den Medien manchmal etwas dick aufträgt und Sätze von sich gibt, die man schnell mal gegen sie verwenden könnte. Egal. Schreiben kann sie – und das nicht nur gut, sondern sogar sehr gut und zwar so gut, dass man ihre beiden Romane kaum weglegen kann.

In meinen Rezensionen bzw. Loops versuche ich, den Originalstil beizubehalten. So kannst du dir gleich ein Bild von der Schreibweise der Autorin machen und besser entscheiden, ob dir das Buch gefallen könnte. Viel Spaß beim Lesen!


Für meine Bücherwürmer und Leseratten
– ein Loop in vier Gesängen

1. Gesang

Der von einem fast 500 Seiten umfassenden, sprachlich einheitlichen und inhaltlich mitreißenden Roman handelt, den eine junge Autorin aus Österreich geschrieben hat, die bereits mit ihrem ersten Werk „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ große Erfolge feiern konnte.

Vea Kaiser wurde im Jahre neunzehnhundertachtundachzig in der kleinen niederösterreichischen Stadt St. Pölten geboren. St. Pölten war damals nicht klein, es war sogar sehr klein und roch, “als ob der Teufel furzt”. Vea Kaiser ging daher in die nächste große Stadt, um Altgriechisch zu studieren. Die griechische Geschichte faszinierte sie, besonders die Sagen und Helden hatten es ihr angetan und sie beschloss, einen Roman zu schreiben, in den sie die griechische Geschichte einfließen lassen konnte. So entstanden Eleni und Lefti, die Heldin und der Held von „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“, die Vea Kaiser von der Geburt bis in den Ruhestand verfolgt und deren Kinder sie ebenfalls zu ihren Helden macht.

Der Roman ist letztendlich ein Epos geworden. Eingeteilt in neun Gesänge erzählt er von einem halben Jahrhundert griechischer Geschichte, die etwas zu kurz kommt, um den Roman als gesellschaftspolitisch bezeichnen zu können. Die Protagonisten durchleben die Diktatur der Militärjunta, die anschließende Revolution und letzten Endes die Krise des beginnenden dritten Jahrtausends. Im Vordergrund stehen aber immer die persönlichen Probleme der Heldin und des Helden, meistens die Liebe, Sehnsucht und Enttäuschung. Die Lesezeit vergeht bei einem solchen Roman nicht, sie verfliegt.

2. Gesang

Der davon berichtet, wie der Roman beginnt, wie Heldin und Held zusammenfinden und welche Pläne ihre Großmutter mit ihnen hat, die Held und Heldin jedoch eher früher als später durchkreuzen.

Yiayia Maria Kouza war eine angesehene Frau, und nachdem ihr Mann gestorben war, auch das Oberhaupt ihrer Familie. Der Kaffeesatz verriet ihr die Zukunft, die ihren beiden Töchtern und deren Kinder bestimmt war. Eines Nachts, als sie ihre Gedanken schweifen lies und sich den Kopf darüber zermarterte, wie sie ihre Familie, das Haus und alle anderen Besitztümer erhalten könnte, kam ihr die alles rettende Idee: Ein Kind sollte zur Welt gebracht werden, nur, damit ein anderes Kind das Familienerbe würde erhalten können.

So sollte die kleine Eleni geboren werden, so war der junge Lefti gerettet, glaubte die alte Frau. Dabei würde sie bereits wenige Jahre später erleben, dass sich Liebe niemals erzwingen ließ. Doch davon ahnte Yiayia Maria nichts, als sie selig und zufrieden einschlief und nicht im Entferntesten das Gefühl hatte, einen folgenschweren Fehler zu begehen.

3. Gesang

Der die Geschichte der Helden in aller Kürze nacherzählt, ohne jedoch zu viel zu verraten, sondern gerade so viel, um Lust zu machen, diesen Roman zu lesen.

Eleni und Lefti waren eigentlich Cousin und Cousine, doch von Geburt an füreinander bestimmt, und wie es in Varitsi um neunzehnhundertsiebzig üblich war, war eine Heirat der beiden unumgänglich, um Familie und Erbe zu erhalten. Und so, könnte man sagen, begann eine Geschichte voller Enttäuschung, Leid, aber auch Liebe. Weder Lefti noch Eleni ahnten zu diesem Zeitpunkt, dass sie noch oft in ihrem Leben leiden würden wie Hunde. Ausgepeitschte, verhungerte und bespuckte Hunde.

Während Eleni rebellisch und widerspenstig war wie die Locken ihrer Haare, die in alle Richtungen standen, war Lefti ruhig und sehnte sich nach Familie und Sicherheit. Während Lefti die Politik als Kern allen Übels betrachtete und sich tunlichst fernhielt, stürzte sich Eleni mitten in die Revolution. Während Eleni Yoga lernte und Deutschland hasste, schlenderte Lefti am liebsten durch die Fußgängerzone in Hildesheim.

Die beiden lebten sich auseinander. Lefti verliebte sich in Trudi, als Eleni Otto kennenlernte. Als Eleni zurück nach Griechenland ging, zogen Lefti und Trudi nach St. Pölten. Als Lefti Arbeit fand und sich niederließ, reiste Eleni nach Amerika. Als Eleni wieder zurückkehrte, war Lefti immer noch in Österreich. Viele weitere Jahre sahen sie einander gar nicht oder lediglich, wenn sie sich aneinander erinnerten.

4. Gesang

In dem es um eine kleine und bettelarme aber wunderschöne Insel geht, die einer ganzen Familie von Helden Unterschlupf bietet, viele Schicksalsschläge schweigend mitansieht und schließlich einen Traum wahr werden lässt.

Makarionissi lag unweit des Festlands und hatte die Form eines riesigen Hirschkäfers. Hier gab es wenige, aber dafür umso festere Grundüberzeugungen: Die Erde war keine Scheibe, Makarionissi war der schönste Ort der Welt und Vea Kaiser ist eine unumstößliche Romantikerin, bei der Liebe über Jahrzehnte der Abwesenheit des anderen nicht erhalten bleibt, sondern sogar wächst, … „so künstlich, dass es schon wieder echt wirkte.“

Eleni und Lefti waren alt geworden. Aber sie fühlten sich zu Hause, jeder auf seine Art. „Angekommen. Akzeptiert. Vor allem: geliebt.“ Und am Ende geht schließlich ein lang ersehnter Traum in Erfüllung. Wie in allen griechischen Sagen “lebten sie gut, und wir leben noch besser!“


Fazit: Generationenroman zum Mitfiebern

Vea Kaiser lässt ihre Protagonisten leiden. Und zwar immer genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Denn kaum ein Gesang (wie Kaiser die Kapitel bezeichnet) ist lang genug, um langweilig zu werden. Veränderungen treten oft abrupter ein, als man sich wünschen würde. Doch genau das macht Vea Kaisers Romane aus: Unverhoffte Wendungen, die ganz schön verstören können, sich dann jedoch meist wieder zum Guten wenden. Man braucht aber Geduld.

Auch sprachlich hat es die Niederösterreicherin geschafft, einen runden und stimmigen Roman zu schreiben, der einen kaum das Buch aus der Hand legen lässt. Nur noch soviel: Vea Kaiser ist, auch wenn sie nicht so wirkt, eine Romantikerin. Und genauso laden ihre Figuren zum Mitfiebern, Mitleiden und Mitfreuen ein. Gelegentlich auch zum Mitweinen, aber: “Heldinnen weinen nicht”!

„Makarionissi oder Die Insel der Seligen“ ist manchmal eine Gradwanderung zwischen Kitsch, Kommerz und moderner griechischer Tragödie. Vea Kaiser schafft es aber – wie schon im Vorgänger „Blasmusikpop“ – scheinbar mühelos die Balance zu halten. Und das ganz ohne Ungereimtheiten.


Noch nicht genug?

Im folgenden Video aus der Reihe “zehnSeiten” kommt Vea Kaiser ein wenig unsympathisch rüber, wie ich finde. Aber bitte von der übertriebenen Gestik und ihrem überheblichen Ton nicht auf die Qualität ihrer Literatur schließen – die ist nämlich wirklich gut!


Pressestimmen

Es ist bekanntlich Mode, das Alter von Schriftstellern zu erwähnen, solange die noch irgendwie als jung gelten. Bei Vea Kaiser aber scheint das unumgänglich. Denn man staunt über die große Fabulierlust und -kunst der erst 26-jährigen österreichischen Schriftstellerin.
Sabrina Wagner, Die Zeit, 2015

Vea Kaiser ist eine Fabuliererin der alten Schule im modernen Gewand. Sie steht für sprachliche Opulenz sowie Handlungsreichtum, gerät beim Erzählen gern vom Hundertsten ins Tausendste. Im Grunde würde sie am liebsten Romane wie im 19. Jahrhundert verfassen.
Sebastian Fasthuber, Falter, 2015

Sie bleibt ihrem Stil treu, braucht zur Erledigung ihrer Aufgaben wieder rund 500, in neun „Gesänge“ unterteilte Seiten, führt ihre Leser mit räsonierenden Kapitelüberschriften durch fast sechs Jahrzehnte, scheint bei kaum einem Thema (selbst wenn es Andreas Gabalier heißt) Berührungsängste zu haben.
Rainer Moritz, Die Presse, 2015

Vea Kaisers Roman “Makarionissi oder Die Insel der Seligen” ist 2015 bei Kiepenheuer&Witsch erschienen.

Makarionissi oder Blasmusikpop? Am liebsten beides! Oder nicht? Schreib mir deine Meinung in den Kommentaren!

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Ausschnitt Buchcover

Porträt eines Durchschnitts­menschen – aber mit Flusspferd

Arno Geiger ist mir zum ersten Mal auf der Uni untergekommen – in einem Seminar zu Literaturkritik und mit seinem damals aktuellen Buch “Der alte König in seinem Exil”. Mit dieser Geschichte über seinen eigenen Vater hat er sich in meiner Erinnerung festgesetzt.

Dementsprechend waren meine Erwartungen höher als bei vielen anderen Autoren oder Autorinnen. “Selbstporträt mit Flusspferd” hat diese Erwartungen einerseits übertroffen, andererseits enttäuscht. Warum erkläre ich dir im folgenden Loop – einer Rezension im Stil des Originalbuchs.

Julians große Liebe heißt Judith, und um der Perspektive des Ich-Erzählens treu zu bleiben, dachte ich mir: Was liegt eigentlich näher, als mich selbst (auch weil wir den selben Namen haben) in Judith hineinzuversetzen und die Geschichte aus ihrer Perspektive zu betrachten?!


„Jetzt sind wir einander fremd bis zum Rätsel“

Vor einigen Tagen fand ich einen Uhu in meinem Garten. Das arme Tier hatte sich anscheinend einen Flügel gebrochen, jedenfalls aber lag es vor meiner Haustür. Der nächste Tierarzt war nicht weit und welche Überraschung – es war Julian. Jener Julian, der mich vor etwa zehn Jahren, einiges an Nerven kostete.

Als ich in der Praxis stand, erkannte er mich zuerst nicht wieder. Ich hatte mir die Haare geschnitten und war wohl auch nicht mehr der „Prototyp einer unkomplizierten Frau“, als die mich Julian immer gesehen hatte.

„Wir begegneten einander auf Teilgebieten unseres Lebens“

Den Uhu konnte Julian leider nicht mehr retten, dafür aber mich an eine schöne Zeit meines Lebens erinnern. Mein Gott, wir waren damals Anfang 20, verbrachten viel Zeit miteinander, aber immer unspektakulär. Denn Julian zählte zu jenem Schlag von Mensch, der vieles einfach so hin nimmt und im Stillen leidet. Und gelitten hat er, denke ich, obwohl er es war, der die Trennung heraufbeschworen hat.

Ich hoffe, du hast gefunden, wonach du gesucht hast, fragte ich zum Abschied. Gefunden, was er gesucht hat? Was rede ich denn da, ich wusste ja nicht mal, was er gesucht hat und ob er überhaupt gesucht hat.
Im Großen und Ganzen…, war seine nichts sagende Antwort auf eine ebenso nichts fragende Frage. Aber seine Hände zitterten vor Aufregung.
Ja, dann…, sagte ich.
Das war’s. Wir werden uns nicht wieder sehen.

„Man verliebt sich, so wie man sich kratzt“

Damals, wir waren 22, es war zum Ende des Sommersemesters gewesen und ich merkte genau, dass Julian sich nach etwas Neuem sehnte. Oder glaubte, etwas zu verpassen, was er nicht benennen konnte. Dabei spielte sein seltsamer Freund Tibor, den Julian um seine Leichtigkeit beneidete, eine nicht unwesentliche Rolle Sein Motto: „Hauptsache lässig“.

Soweit ich es erzählt bekommen habe, hat Julian Tibors Job übernommen. Er schuldete meinem Vater noch Geld und ich glaube, die Arbeit mit dem Zwergflusspferd hat ihm gut getan. Ein sehr gemächliches, langsames Tier. Passte gut zu ihm, würde ich sagen.

„Weite, unfassbare Welt!“

Müsste ich Julian beschreiben, würde ich mir schwer tun. Er ist ebenso unspektakulär wie unauffällig, was nichts Neues ist bei Arno Geigers Figuren. Er zeigt sie gern unsicher, vereinsamt, ängstlich; aber immer nur im Rahmen dessen, was uns allen passieren könnte. Was wir alle denken könnten. Die Durchschnittsmenschen.

Das Kontrastprogramm gibt’s zwischenzeitlich im Fernsehen: Geiselnahme in Beslan mit hunderten toten Kindern, Hurrikans in den USA. Ja sogar das “Gewurl und Gewimmel” auf der Mariahilfer Straße ist für Julian zeitweise belastend. Trop fatal.

„Dort wo die Menschen ganz sie selbst sind, dort sind ihre schwachen Stellen“

Aber dann lernte Julian diese Aiko kennen, und, was weiß ich, hat es ihm zumindest geholfen, sich von seinem quälenden Liebeskummer zu lösen. Das Flusspferd und Aiko – die beiden haben ihm gut getan inmitten seiner Zukunftsängste und Vergangenheitsleiden. Und ganz so schlecht scheint die Sache auch nicht ausgegangen zu sein, denn immerhin hat er danach zwei Jahre in Paris verbracht.

Undsoweiter.


Fazit: Ein uninteressanter Protagonist?

Julian ist ein Durchschnittsmensch, wie ihn niemand besser beschreiben kann als Arno Geiger. Jeder von uns war einmal 22 oder in einem ähnlichen Alter, jede hat ähnliche Sorgen gehabt und ist zwischen Liebeskummer und Zukunftsängsten in der Luft gehangen. Aber ist Julian deshalb ein uninteressanter Mensch? Oder ein uninteressanter Protagonist eines Romans? Ich denke nicht. Schließlich sind wir alle – und das nach wie vor, egal in welchem Alter – ein bisschen Julian in unserem Alltag, oder? Planlos, ängstlich, launisch, auf uns selbst bezogen. Unspektakulär, einfach.

Und vielleicht brauchen wir alle beizeiten ein Zwergflusspferd, für das die Welt aus Schlafen, Essen und Gähnen besteht und das uns auf den Boden der Realität zurückholt.

“Selbstporträt mit Flusspferd” kommt eindeutig nicht an seinen Vorgängerroman “Der alte König in seinem Exil” heran. Die Geschichte ist dafür einfach zu banal. Julian ist keine Figur, die einem lang in Erinnerung bleiben wird. Trotzdem ist Arno Geigers neuester Roman eine angenehme und lockere Lektüre für den Sommer.


Noch nicht genug?

Hier ein Video voller Informationen und Interpretationen vom Autor selbst – im Interview mit Julia Benkert vom Bayrischen Rundfunk in der Sendereihe “Lesezeichen”:

Arno Geiger hat auch eine eigene Homepage, wo du zahlreiche Informationen über Bücher, Interviews und Lesungen findest.


Pressestimmen

Arno Geigers Roman zielt mitten in die erotische Verwirrung der Gegenwart. […] Sprachlich virtuos und mit heiterem Ernst spielt der österreichische Autor auf der Klaviatur von Utopie und Melancholie, Sehnsucht und Ernüchterung, Hoffnung und Resignation.
Andreas Breitenstein, NZZ, 2015

“Selbstporträt mit Flusspferd” ist also die Coming-of-Age-Geschichte eines jungen Mannes, der sich als etwas Besonderes dünkt, aber auf eine (den Leser) quälende Weise banal und mittelmäßig ist.
Sigrid Löffler, Deutschlandradio, 2015

„Selbstporträt mit Flusspferd“ liest sich leicht und ist doch ein anstrengendes Buch, gerade weil es eine schwierige Lebensphase ins Zentrum rückt. Für erwachsene Leser, die sie hinter sich haben, ist es amüsant, oft jedoch ermüdend, Julian über 280 Seiten beim Erwachsenwerden zuzuschauen.
dpa, Focus, 2015

Arno Geigers Roman “Selbstporträt mit Flusspferd” ist im Hanser Verlag 2015 erschienen.

Hast du “Selbstporträt mit Flusspferd” schon gelesen oder hast du jetzt Lust darauf? – Ich freue mich über deine Meinung!

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Kleinsche Flasche

Innen ist Außen, oder: Nichts ist wie es scheint

Gerhard Roth ist eines der Urgesteine der österreichischen Literatur und das mit Recht. Sein Gesamtwerk umfasst zahlreiche Romane, Bildbände, Drehbücher und Erzählungen.

“Grundriss eines Rätsels” ist ein 500-Seiten-Schinken mit einem protokollartig beschreibenden Stil, der mir persönlich nicht so zugesagt hat. Zeitweise war die Lektüre eher anstrengend, da sich die Geschichte in Details verliert, die für das Gesamtbild oft nebensächlich sind.

In meinem Loop – einer Rezension im Stil des Originaltexts – kannst du dir aber gleich selbst ein Bild machen.


“Die Sprache krabbelte wieder an der Wand”

Es war an einem regnerischen Tag – im Mai durchaus nicht außergewöhnlich –, als mir plötzlich Gerhard Roths Buch „Grundriss eines Rätsels“ in die Hände fiel. Ich war gerade nach einem ausgedehnten Spaziergang durch den achten und siebenten Wiener Gemeindebezirk am Urban-Loritz-Platz angekommen und hatte kurzerhand beschlossen, meiner Lieblingsbücherei, der Hauptbücherei Wien, einen Besuch abzustatten.

Ohne dass ich sagen konnte, warum, fühlte ich mich von dem Buch angezogen. Vielleicht war es das Coverbild, dass Roths Buch besonders auffallend machte: Ein blau rotes Irgendwas, das sich über die gesamte Oberfläche zog und außerdem seltsam verschwommen war – seltsam für ein Buchcover, aber doch wieder passend zum Namen des Buches „Grundriss eines Rätsels“.

“Neugierig fing ich an zu lesen”

Ich konnte also nicht umhin, das Buch auszuborgen, und machte mich auf den Heimweg. Da ich am selben Tag nichts mehr vorhatte, begann ich sogleich mit der Lektüre, und bereits nach einigen Seiten merkte ich, dass Gerhard Roth ein sehr ausschweifender Erzähler ist. Noch eher würde ich seinen Stil als detailgetreu, ja fast protokollartig deskriptiv beschreiben, was durch die Verwendung der Vergangenheitsform und die zahlreichen verschachtelten Nebensätze verstärkt wird.

Wie es auch sonst meiner Gewohnheit entspricht, blätterte ich das Buch kurz durch, um einen Überblick zu erhalten, und machte dabei die Entdeckung, dass es eigentlich aus sechs „Büchern“ bestand. Fast alle dieser Kapitel – was sie eigentlich sind – wurden in der auktorialen Erzählperspektive abgefasst, außer das längste und – wie ich fand – spannendste Kapitel über den Germanisten Vertlieb Swinden, der zu Forschungszwecken in ein kleines Dorf in der südlichen Steiermark fährt, um sich um den Nachlass des Schriftstellers Philipp Artner zu kümmern. Swinden erzählt aus der Ich-Perspektive.

“Zuerst wusste ich nicht, wo ich mich befand”

Bereits am ersten Lesetag hatte ich herausgefunden, dass sich jedes Kapitel, obwohl es um eine jeweils andere Person geht, um den Schriftsteller Philipp Artner dreht. Zunächst wird er distanziert von Vertlieb Swinden betrachtet, der aber nach und nach – wie in seinem Namen angedeutet – selbst verschwindet. Danach las ich die Kapitel über Artners Verhältnis zu Pia, seiner Geliebten, zu Gabriel, seinem unehelichen Sohn und zu Doris, seiner zurückgelassenen Ehefrau. Mit der Zeit konnte ich durch die zusätzlichen Informationen einen „Grundriss“ dieses rätselhaften Schriftstellers Philipp Artner erkennen. Es blieb aber ein Grundriss, der am Ende mehr Fragen offen lässt, als er beantwortet.

Die scheinbar zufällig eingestreuten Hinweise auf bekannte Werke aus Kunst und Musik, das besondere Interesse Artners für die Nervenheilanstalt Gugging und die Baumgartner Höhe, und sein Wohnsitz Am Heumarkt in der Nähe des Stadtparks entpuppten sich als Hinweise auf Gerhard Roth als Person. Da ich – wie ich zugeben muss – den Schriftsteller davor noch nicht kannte, wusste ich auch nicht, dass er öfters ein Alter Ego zum Protagonisten seiner Romane macht.

“Ein zufälliges Gemisch aus Sichtbarem und Unsichtbarem”

Das Eindrucksvollste war das Leitthema des Romans, das ich aber erst später herausfand. Noch bevor ich begriff, dass es sich um den roten Faden der Erzählung handelte, fesselte mich das Motiv des Spiels mit Wirklichkeit und Einbildung, symbolisiert in der Klein’schen Flasche. Dieses nach dem deutschen Mathematiker Felix Klein benannte geometrische Objekt zeigt eine durchgehende Oberfläche. Innen und Außen – Wirklichkeit und Wahn – gehen ineinander über und man könnte nicht sagen, wo man sich gerade befindet.

Swindens Kapitel ist die zentrale Geschichte, in der drei Tschetschenen ermordet aufgefunden werden. Als Swinden im Dorf ankommt, beginnt bereits die Suche nach dem Mörder. Am Ende des Kapitels steht die bahnbrechende Entdeckung eines Manuskripts, dessen Inhalt Motiv und weiteren Verlauf des Romans prägt. Fest steht, dass alle der Figuren in ein Gefüge auf unterschiedlichen Zeitebenen verwickelt sind, was im Rahmen einer Kriminalgeschichte aufgedeckt wird.

Menschen hieß die erste Eintragung”

Ich beschloss im Zuge meiner Recherchen, in meiner Rezension nicht viel über den Inhalt des Buches zu verraten, dafür aber in der Manier Artners Autor und Figuren zu charakterisieren.

1. Gerhard Roth

Autor des Buchs „Grundriss eines Rätsels“. Urgestein der österreichischen Literatur. Lebt in Wien. 22 veröffentlichte Romane, einige Drehbücher und Bildbände. Mag das Motiv der Wirklichkeitsverzerrung. Setzt sich gegen Fremdenfeindlichkeit ein und macht diese zum Thema in seinen Romanen.

2. Philipp Artner

Bekannter Schriftsteller. Alter Ego von Roth. Lebt in Wien und in der Steiermark. Starkes Interesse für Kunst, Malerei und Musik, eventuell als Rückzugsmöglichkeit. Hat zahlreiche Bildbände zuhause, in die er sich gerne vertieft. Stottert in Stresssituationen. Neigung zu sozialer Phobie. Immer wieder Affären. Mag Tiere, besonders Krähen, und lange Spaziergänge durch Stadt und Land.

3. Vertlieb Swinden

Germanist und Hilfskraft am Heimito-von-Doderer-Institut in Wien. Macht sich nach Ableben von Artner auf dessen Spuren. Stark ausgeprägte Müdigkeit und Konzentrationsschwäche. Neigung zum Alkoholmissbrauch. Verliebt sich schnell und unüberlegt, nachdem er bei Flirts oft dämlich lächelt.

4. Pia Karner

Geliebte von Artner und Swinden. Alleinerziehende Mutter. Arbeitet in der örtlichen Apotheke. Ihre Mutter unterstellt ihr einen schlechten Geschmack bei Männern. Lügt gerne und viel, überträgt diese Neigung möglicherweise auf ihren Sohn.

5. Gabriel Artner

Artners unehelicher Sohn. Talent fürs Schauspiel. Spielt gerne mit Computern und iPhone. Besitzt einen sprechenden Papagei namens Aleph. Als Kind epileptische Anfälle und Bewusstlosigkeit. Zuneigung, auch erotische, zu älteren Frauen.

6. Doris Artner

Witwe von Philipp Artner. Interessiert sich für Kunst, insbesondere japanische Kupferstiche. Eher uninteressante farblose Figur. Mag Tiere, besonders Affen. Schräge sexuelle Vorlieben.


Fazit: Das Ende ist gleichzeitig der Anfang

Roman und Geschichte gehen ineinander über wie eine Klein’sche Flasche: Wo ist innen, wo ist außen? Was ist geschrieben, was ist geschehen, was ist gelogen oder fantasiert? Welche Figuren gibt es – innerhalb der Romanhandlung – wirklich, welche sind von Artner erfunden? Das Ende des Romans – und das ist jetzt kein inhaltlicher Spoiler – fühlt sich an wie der Anfang vieler großer Fragen.

In diesem Sinne ist Gerhard Roths Werk ein gelungener “Grundriss eines Rätsels”, aber auch nicht mehr: Eine zweidimensionale Abbildung der Wirklichkeit, die vom Leser bzw. der Leserin nicht erfasst werden kann. Am Ende stehen Fragen, die nicht beantwortet werden (können).

Wie bereits anfangs erwähnt, hat Roth meinen Geschmack nicht getroffen. Trotzdem bin ich – vor allem bei längeren Lesephasen – in die Geschichte hinein gekippt. Wie Verlieb Swinden, als er beginnt, Artners Manuskript zu lesen, konnte ich “trotz des [zeitweiligen] Widerwillens, den ich empfand, nicht aufhören zu lesen.” Die Geschichte selbst ist nämlich klug durchdacht, eines führt zum anderen, am Ende hat man ein rundes Gesamtbild – leider erst nachdem man sich stundenlang durch einen eher faden weil zu deskriptiven Stil wühlen muss.


Noch nicht genug?

Von Gerhard Roth gibts nicht viele Aufzeichnungen im Internet. Ein sehr aufschlussreiches Gespräch über ihn als Person und sein literarischen Schaffen wurde im Rahmen der “KulturWerk”-Reihe in ORF III ausgestrahlt. Das ganze Interview findest du hier als Video.

Hier findest du noch ein interessantes Interview aus der Tageszeitung Der Standard.


Pressestimmen

Gerhard Roth entwirft in seinem neuen Roman einmal mehr einen synästhetischen und zeichensatten Kosmos. Philipp Artner, ein Alter Ego, betreibt ein fesselndes Verwirrspiel der Selbstauflösung.
Ingeborg Waldinger, NZZ, 2015

Es ist nicht ganz neu, dass sich ein Autor in einem Text mitsamt seinen Manuskripten in Luft auflöst. Gerhard Roth treibt in seinem Roman „Grundriss eines Rätsels“ sein illustres Spiel mit der Frage, was Wirklichkeit und wie sie wahrnehmbar ist.
Brigitte Schwens-Harrant, Die Presse, 2014

Gerhard Roth lässt den Leser durch ein Kaleidoskop schauen, in dem die Prismen keine klaren symmetrischen Formen mehr annehmen, sondern auf irritierende Weise durcheinanderwirbeln und Möglichkeitsräume eröffnen.
Karsten Herrmann, CULTurMAG, 2014

Gerhard Roths Roman “Grundriss eines Rätsels” ist im Fischer-Verlag 2014 erschienen.

Hast du schon mehr von Gerhard Roth gelesen? Und was sagst du zur Wirklichkeitsverzerrung in “Grundriss eines Rätsels”? Deine Meinung ist gefragt!

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Buchcover-Ausschnitt Anatomie einer Nacht von Anna Kim

Nicht nur die Anatomie einer einzigen Nacht

Anna Kim war für mich völliges Neuland. Ich kannte sie nicht, noch hatte ich vorher von ihr gehört. Dass ich ihren Roman “Anatomie einer Nacht” dennoch gelesen habe, liegt an einem glücklichen Zufall. Nämlich daran, dass sie zur Eröffnung des neuen Literaturmuseums in Wien ebendort gelesen hat.

Ich ahme bei meinen Rezensionen den Stil des jeweiligen Autors bzw. der Autorin nach. So bekommst du schon in der Rezension ein Gefühl für die im Buch verwendete Sprache. Erfahre hier mehr über die Technik des Loopens.

Ich persönlich bereue keine einzige Seite von diesem poetischen Buch. Und ich werde mit Sicherheit wieder etwas von Anna Kim lesen. Aber mach dir selbst ein Bild:


„Im Nachhinein sprach man von einer Krankheit“

Amarâq ist anders. Wer in Amarâq lebt, ist meist in der Gegenwart verwurzelt, weswegen für seine Bewohner weder Zukunft noch Vergangenheit von Bedeutung sind. Wer in Amarâq lebt, lebt in ständigem Winter und im Einklang mit der Natur, als Jäger, Obdachloser, Lehrer, Verkäuferin, Betreuer, Schülerin, Polizist, Studentin und Traumdeuter. Vielleicht müssen Land und Leute so sein, damit eine solche Geschichte entstehen kann. Wo gibt es das sonst, 11 Selbstmorde in einer Nacht, innerhalb von fünf Stunden?

Amarâq, das ist das Ende der Welt, wo die Unterscheidung zwischen Himmel und Erde aufgehoben wird, wo es im Bereich des Möglichen liegt, Wolken wie Berge zu besteigen. „Vielleicht liegt das Besondere an Amarâq daran, dass es eines besonderen Blicks bedarf, um es zu sehen, um gegen das Nichts anzusehen und das Etwas zu entdecken.“

„Am Ende der Welt ist es selbstverständlich, dass alle Enden zusammenlaufen“

Das Nichts ist in Amarâq die immerwährende Dunkelheit, nicht als Ausläufer des Tages, nicht als Charakteristikum der Nacht, sondern als Persönlichkeit Amarâqs, durch die hindurchzusehen den Bewohnern verwehrt bleibt. Eine Schwärze, „so dickflüssig wie unvermischte Farbe“.

Nachts wird Amarâq zu einem Ort, an dem „die zweite Dimension verschmilzt mit der dritten“, so undurchsichtig ist die Kältewüste mit den ärmlichen Häusern und den wenigen übrig gebliebenen Menschen, die immer wieder hierher zurückkommen, magisch angezogen durch etwas, dass sie selbst nicht benennen könnten, noch könnte es irgendjemand anderer.

„Warum, fragte er, warum nicht, antwortete sie und schwieg“

Niemand weiß genau, wie es zu einer derart großen Anzahl an Suiziden in Amarâq kommen konnte, auch Anna Kim weiß es nicht. Und doch hat sie in Grönland recherchiert, das ist es nämlich, wo Amarâq liegt und wo seine Bewohner miteinander und gegeneinander und füreinander leben. Sei es aus Liebe, der Familie wegen, der Kränkung oder einfach Andersartigkeit, alle Figuren führen ein Leben in Melancholie, die oft so dicht wird, sodass sie sich durch Bilder in den Köpfen der Menschen festsaugt und sie erst loslässt, wenn sie selbst loslassen.

Ebenso undurchschaubar wie Amarâq erscheint die Geschichte der Dorfbewohner, die einer mit dem anderen ebenso verbunden sind, wie Amarâq mit der Dunkelheit, der Himmel mit der Erde, die Wolken und das Meer, sodass kein Horizont, keine Hoffnung mehr sichtbar bleibt.

Leicht erschließt sich die Handlung zunächst nicht, weil es sind Einzelschicksale, die die Dichte der Geschichte ausmachen, die immer und immer wieder versetzt voneinander und scheinbar unabhängig auftauchen, und wieder verschwinden. Und immer wieder kommt Anna Kim zurück zu Amarâq, beschreibt den Ort wieder und wieder. Den Ort, „der vorgibt, weniger ein Ort zu sein als vielmehr ein Eingang zu einem Ort, den man nicht wieder verlassen kann.“

„Amarâq besitzt auch eine Aufgabe, nämlich die, zu beenden“

Die einzelnen Figuren sind nicht wichtig, wichtiger ist die Stimmung, das Düstere, Ausweglose, Unergründbare der Selbsttötungen, womit dieses eigenartige Buch den Leser in seinen Bann zieht, sodass man sich fast dabei ertappt, die Toten in der Liste der auftretenden Figuren durchzustreichen.

Amarâq ist wie jener Zauber, der das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt, der anhält, bis zum Ende, und noch weiter, weil: mittels Rückblenden und Vorausblicken, durch Erinnerungen und Träume oder Gedankenwelten durchschweift man Innen- und Außenleben der Figuren, glaubt sie zu erschließen, glaubt, sie endlich verstanden zu haben, als sich wieder jemand wie aus dem Nichts erschießt.

„Was verbirgt sich hinter der Sehnsucht, die wir Liebe nennen?“

Doch auch in Amarâq gibt es die versteckten Schlupflöcher, die Türen nach außen, etwa als Julie Jens anschaute. Er reichte ihr nur bis ans Kinn, und doch sah sie, wenn sie ihn ansah, eine Tür, einen Ausgang, denn Jens ist Däne. Auch Mikileraq hat es geschafft, aber „sie hofft, sie weiß es, vergeblich.“ Ein Moment, denn mehr war es nicht im Anblick der Ewigkeit Amarâqs, war sie in Dänemark, bis sie die Dunkelheit ihrer Herkunft wieder einholte.

Ebenso ging es Sara, die ihren Vater sucht und Malin, die sich den Ort ihrer Vorfahren anschauen wollte. Schlimmer steht es jedoch um jene, die niemals aus Amarâq weg waren, nur immer wollten und niemals konnten. Ole, Magnus, Inger, Sivke – nur ein paar der vielen Protagonisten, die Anna Kim wie Zinnsoldaten auf den Tod warten lässt.

Dänemark ist Schimpfwort, nicht nur aber auch, und Erlösung zugleich. Jene, die es schaffen, sind auf ewig zu Außenseitern geworden, jene die hinzukommen, werden bewundert, aber nie als Grönländer akzeptiert. Dänemark als Land der Sehnsucht, der Zukunft und Vergangenheit, als politischer Zugang, die Geschehnisse jener Nacht zu erklären.

Grönland als Land der Zuflucht, Einsamkeit, wo Grenzen verschwimmen, wo die Natur bis in die Köpfe der Menschen dringt und selbst den tiefsten Instinkt des simplen Überlebens einfach ausschaltet. Und wo trotz alldem Heimat ist.


Fazit: Atmosphärische Einsamkeit

Was sofort ins Auge fällt, wenn man Anna Kims Roman liest: Sie springt scheinbar willkürlich zwischen Präsens und Vergangenheit hin und her – egal, ob sie jetzt den Ort Amarâq beschreibt oder ob sie die Geschichte einer ihrer zahlreichen Figuren erzählt. Erinnerungen und Erzählungen mischen sich durcheinander, man weiß nicht (oder zumindest nicht, wenn man den Roman das erste Mal liest), ob man sich gerade davor, danach oder dazwischen befindet. Wo dazwischen weiß man auch nicht.

Der Roman besteht aus einer Reihe an Einzelschicksalen ohne zusammenhängenden Handlungsstrang. Die Geschichten haben lediglich miteinander gemeinsam, dass sie sich in Amarâq (oder im Bezug auf Amarâq) abspielen und sich alle Figuren – wenn auch nur flüchtig – kennen. Zwischen den Zeilen geht es vor allem um die gespaltene Beziehung zwischen Dänemark und der Kolonie Grönland – eine Ambivalenz, die sich durch den gesamten Roman zieht und sich in den Figuren widerspiegelt. Erst gegen Ende lassen die Einzelschicksale ein Gesamtbild zu.

Der Roman ist eingeteilt in jene fünf Stunden, in denen sich manchmal parallel, manchmal nacheinander aber immer unabhängig voneinander 11 Menschen das Leben nehmen. Anna Kim hat dazu in Grönland nach einer wahren Begebenheit recherchiert.

Die Autorin versteht es, Landschaftsbilder zu zeichnen und den daraus gewonnenen Eindruck in Sprache zu übersetzen. “Anatomie einer Nacht” liest sich flüssig und trotzdem sehr atmosphärisch.


Noch nicht genug?

Hier bietet sich eine gute Gelegenheit, die Reihe “ZehnSeiten” vorzustellen. Wie Anna Kims Lesung sind auch die anderen Lesungen sehr minimalistisch und stilvoll gestaltet.


Pressestimmen

Ein Problem hat man als Leser von “Anatomie einer Nacht” allerdings schon: Es gilt, sich in dem dichten Gewirr an handelnden Figuren erst einmal zurechtzufinden.
Sebastian Fasthuber, FALTER, 2012

Frühe Szenen erschließen sich erst im Nachhinein ganz, nur eine sehr aufmerksame Lektüre lässt das Puzzle vollständig sichtbar werden.
Carola Ebeling, Zeit Online, 2012

“Anatomie einer Nacht” ist ein sanftes, manchmal poetisch entrücktes Buch über das Leben, das vor dem Sterben kommt.
Anna Katharina Laggner, FM4, 2012

 
Anna Kims Roman “Anatomie einer Nacht” ist im Suhrkamp Verlag 2012 erschienen. Falls du mehr über die Schriftstellerin erfahren möchtest, hier gehts zu ihrer eigenen Homepage.

Anna Kim ist für mich fast eine Reise nach Grönland wert. Gehts dir genauso? Sag es mir in den Kommentaren!

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Buchcover-Ausschnitt Engel des Vergessens

Der nüchterne Engel kann nicht vergessen

Maja Haderlap ist eigentlich bekannt für ihre slowenische Lyrik. Umso beeindruckender, dass es ihr mit “Engel des Vergessens” – ihrem Romandebüt in deutscher Sprache – gleich gelungen ist, den Bachmannpreis 2011 abzuräumen. Lesung, Videoporträt und die anschließende Diskussion kannst du hier nachhören.

Allerdings liegt dies nicht etwa an der besonderen Qualität ihrer Literatur. Vielmehr kommen drei Dinge in ihrem Roman zusammen, die für die Geschichte Kärntens von großer Bedeutung sind: Die Vergangenheit aus Perspektive der Kärntner Slowenen, die Erinnerung an den Krieg und die Traumata, die über mehrere Generationen weiter gegeben wurden.

Ich hoffe, ich kann dir mit dem folgenden Loop einen Eindruck von Stil und Sprache vermitteln. Unter einem Loop verstehe ich eine Rezension, die den Stil des Autors bzw. der Autorin imitiert. Mehr dazu findest du hier.


„Wenn man im Wald Angst hat, muss man Partisanenlieder singen“

Der Roman lechzt nach Anerkennung. Längst notwendige Anerkennung der Kärntner Slowenen und ihrer Kultur, ihrer Vergangenheit und ihrer Sprache. Das hätte auch früher passieren können. Am besten bevor Großmutter ins KZ und Vater zu den Partisanen gegangen sind, dann wäre die Kindheit der Erzählerin nicht von ständiger Angst geprägt. Und die Kindheit vieler anderer, die ähnliches durchmachen mussten.

Als Kind sei sie ihrer Großmutter ständig gefolgt, wie eine Drohne einer Bienenkönigin. Sie habe den Duft ihrer Kleidung in der Nase. Es riecht nach Milch, Rauch und einem Hauch von bitteren Kräutern. Die Idylle am Bauernhof im südlichen Kärnten sei schön gewesen. Im Lager habe man dagegen kaum was zu essen bekommen, sagt Großmutter.

“Je bilo čudno, es war befremdend, sagt sie und meint, es war schrecklich, aber grozno fällt ihr nicht ein.”

Die Gedichte ihrer Verwandten Katrca und Mici haben sie aber am Leben erhalten, erzählt Großmutter. Dachau, Mauthausen, Ravensbrück, Natzweiler, überall dort sei sie gewesen und habe um ihr Leben gekämpft. Andere seien zugrunde gegangen, ja, einfach zugrunde gegangen. Das Kind lauscht den Erzählungen mit gespitzten Ohren, die Gräueltaten sind jedoch fernab jeglicher Vorstellung.

Auf der anderen Seite steht der Vater als Schlüsselfigur und mit 12 Jahren jüngster Partisan. Ständig habe er flüchten müssen, quer über das Feld. Vor lauter Hunger sei er unvorsichtig gewesen, habe Bauernhöfe aufgesucht und um Essbares gebeten. Oft sei man dabei in Hinterhalte geraten. „Dann haben die Deutschen begonnen zu schießen, furchtbar, alle auf einmal, aber ihn und Lojz habe der Berg verschluckt.“ Wenn nicht am Erschießen, sind viele am Hunger gestorben. Daran erinnert er sich am intensivsten.

„Wie man vom Ufer ins tosende Wasser blickt, schauten wir aus dem Leben auf den eifrigen Tod“

Später begreift das Kind. Warum der Vater oft zornig wird, warum die Großmutter Rituale gegen Schmerzen und Unglück pflegt. Aus der kleinen kokica wird langsam eine erwachsene Frau. Doch die ständige Angst, dass der Vater wieder die Fassung verliert, verschwindet nicht. Er denke oft an Selbstmord, dann wäre alles vorbei.

Wie der Stefan, der sich in der Scheune aufhängt. Oder der Franz, der sich mit dem Gewehr erschießt. Oder die Filica, die bei einem Unfall ums Leben kommt. Der Tod ist ständig präsent. Wie die Geschichte, die durchgehend im Präsens verfasst ist. Dazu kommen die Passivkonstruktionen, so sei es ein ständiges Erzählen gegen den Engel des Vergessens. Auch das Kind wird nicht verschont, obwohl vieles verschwiegen wird, und viele Fragen offen bleiben.

„Vater atmet tief, um seine Stimme aus dem Bauch zu zerren”

Stattdessen geht der Vater ins Gasthaus, ertränkt seine Ängste und beschuldigt seine Frau, kein Leid erlitten zu haben. Dann gleich wieder sich selbst, warum denn er es sei, der überlebt habe und nicht die anderen. Er sei nichts wert, nicht einmal soviel wie ein Hündchen, to, to, to, to, lockt er es, aber es kommt nicht.

Es ist die immer währende Geschichte. Endlich ist sie erzählt. Noch ist es nicht zu spät. Noch kann sich erinnert werden.

Die Perspektive der Geschichte ist die des Kindes, eines Mädchens. Später aus Perspektive der nachdenklichen Frau, die aus dem ängstlichen Kind geworden ist. Ihr Leben ist nicht nur das ihre, sondern das einer ganzen Generation, deren Eltern im zweiten Weltkrieg involviert waren.

„Ich lerne im selbstvergessenen Kärnten nicht vergessen zu können”

Maja Haderlap selbst habe das Buch deshalb auf Deutsch geschrieben, um ihre Vergangenheit distanziert zu betrachten. Dennoch erzähle sie die Geschichten anderer, jedoch stark autobiographisch geprägt.

Der Roman selbst sei ebenfalls distanziert zu betrachten. Ausdruck und Stil wechselt die Autorin wie ihre Schauplätze, wechselt je nachdem, welche Person gerade im Fokus steht. Dass sie Lyrikerin ist, merkt man an den vielen Metaphern, die sie einstreut wie die Großmutter das Futter für die Schweine. Die Sprache sei aber nicht so wichtig, da die Thematik mit einer solchen Wucht daherkommt, wie dem Vater die Schüsse um die Ohren flogen. Aber gesagt habe er nichts. Weil er konnte nicht.

Maja Haderlap kann; und spricht und erzählt Unsagbares.


Fazit: Überladen, sprunghaft, nüchtern – und trotzdem lesenswert!

Trotz der vielen Kritik, die Maja Haderlap für ihre brüchigen Sätze und ihren sprunghaften Stil bekommen hat, ist das Buch ein sehr lesenswertes. Haderlap berichtet rührend und gleichzeitig nüchtern über das Grauen des zweiten Weltkriegs.

Ich gebe zu, manchmal liest es sich ein wenig wie ein Protokoll. Eine Aneinanderreihung von Zeugenaussagen – verstärkt durch die Verwendung von Passivkonstruktionen und indirekter Rede. Bruchstückhaft gibt es Passagen voll blumiger Metaphorik oder Exkurse in abstrakte Traumwelten. Vielleicht auch Absicht, den Leser bzw. die Leserin dabei verwirrt zu hinterlassen – wie auch die Ich-Erzählerin oft verwirrt ist und mit vielen Fragen allein gelassen wird.

Durchaus positiv empfinde ich die kurzen Passagen in slowenischer Sprache. Lieder, Gedichte und einzelne Begriffe vermitteln hier Authentizität. Auch die Metaphorik – mag sie meistens schwülstig und überladen wirken – hat ihre guten Seiten: Wo sonst findet man so viele schöne Sätze, um sie irgendwann irgendwo zitieren zu können. Ein Beispiel: „Wir sitzen stundenlang in den Sprachwiesen und reden im Rhythmus der Reime.“


Noch nicht genug?

Maja Haderlap ist faszinierend, als Mensch und im Bezug zur Kärntner Geschichte und Gesellschaft. Anlässlich des 10. Oktobers, dem Tag der Volksabstimmung in Kärnten, spricht sie mit Michael Kerbler über Erinnern und Vergessen, Nationalität und Identität. Hier ein Ausschnitt:


Pressestimmen

In diesem Buch hat sie ihre Sprache noch nicht gefunden. Es ist ja, selbst wenn man den Begriff sehr weit fasst, kein Roman, es schwankt zwischen einer Autobiografie und einem historischen Sachbuch.
Ulrich Greiner, Die Zeit, 2011

Überzeugend und tief berührend ist der Roman dort, wo die Autorin nah an den beschriebenen Personen und ihren Erlebnissen bleibt und schlicht erzählt – dabei zaubert die versierte Lyrikerin einen Klangteppich herbei, der wie im Flug durch das dichte Netz an Geschichten trägt.
Sabine Schuster, Literaturhaus Wien, 2011

Schonungslos wagt sich Maja Haderlap an das “Eingedenken” der Katastrophengeschichte des Nationalsozialismus und des Partisanenkrieges. Dass sie für einen Ausschnitt daraus zu Recht mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis 2011 in Klagenfurt ausgezeichnet wurde, sollte die Aufmerksamkeit für dieses notwendige Buch erhöhen.
Christa Gürtler, Der Standard, 2011

 
Maja Haderlaps Roman “Engel des Vergessens” ist im Wallstein Verlag 2011 erschienen.

Hast du “Engel des Vergessens” gelesen oder hast du jetzt Lust dazu? Dann hinterlasse mir einen Kommentar mit deiner Meinung!

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Buchcover Ausschnitt von Wolf Haas: Brennerova

Ein Frauentränenumfaller, wie er im Buche steht

“Brennerova” ist der mittlerweile achte Roman um Simon Brenner – mittlerweile Ex-Polizist und mehr Clochard als Kommissar. Wie der Autor selbst, ist auch der Detektiv gealtert, hat aber trotzdem nichts von seinem Charme verloren. Im Gegenteil: Wolf Haas zeigt seinen Antihelden sensibler und sympathischer denn je.

Die Brenner-Reihe zeichnet sich durch einen unverwechselbaren Stil aus, der sich gar nicht so einfach loopen ließ, wie gedacht. Erst während dem Schreiben wurde mir bewusst, wie viel Liebe zum Detail in jedem einzelnen Satz steckt.

Mit der Technik des Loopens möchte ich dir einen tieferen Eindruck zu vermitteln, indem ich Stil und Sprache des rezensierten Buchs imitiere. Du möchtest mehr darüber erfahren? Dann schau auch mal hier rein.


Brenner, hat die Herta gesagt, quasi Welterklärung mit einem Wort”

Alt ist er geworden, der Brenner. Obwohl in Pension, also quasi Ruhestand vor dem Sturm, ist er wieder so mir nichts dir nichts in Schwierigkeiten geraten. Aber ich sage immer, auch im Ruhestand keine Ruhe. Erst recht nicht für einen Brenner. Du musst wissen, die Ruhe, die lässt ihm der Haas nicht. Sonst braucht er ja keine Bücher mehr schreiben. Und das Leben vom Brenner abseits davon manifestierte Eintönigkeit, Sahara Hilfsausdruck.

Aber interessant. Diesmal hat der Brenner selbst damit angefangen, wegen der Einsamkeit. Der hat sich ja unbedingt eine Russin im Internet aufreißen müssen. Obwohl am Anfang sogar mit dem Passwort aussuchen Probleme, frage nicht. Über seine Berufsbezeichnung hat er auch ewig nachgedacht, soll ich jetzt Kriminalpolizist schreiben oder Bundesbeamter oder Frührentner, und: „Soll ich gleich falsche Versprechungen machen oder erst später, falls es ernst wird?“

“Jetzt ist schon wieder was passiert”

Damit hat die ganze Geschichte dann auch angefangen. Pass auf. Am nächsten Tag das Postfach voller Heiratsanträge. Aber ein Brenner natürlich wählerisch. Doch bei einer ist er hängen geblieben. Nadeshda. Der Name hat ihm auch gefallen und natürlich, dass die Nadeschda gleich ganz ehrlich. Im ersten Mail schon hat sie ihm gestanden, dass ihr Profilfoto eigentlich ein Foto von ihrer Schwester ist. Doch sie selbst auch keine Kugelstoßerin oder Hammerwerferin mit Achselhaaren, dass du dir einen Poster stopfen kannst. Nein, die Nadeschda Beine wie eine Giraffe und Augen wie die Biene Maja, da musst du als Mann fast „schon ein Hochhaus haben, damit sich so eine überhaupt von dir scheiden lässt.“

Du musst wissen, trotzdem hat die Nadeshda den Brenner enttäuscht. Weil jetzt natürlich die alte Geschichte: Ihre Schwester ist entführt worden und der Brenner ja Kriminalpolizist.

Aber nicht dass du glaubst. Ein Frauentränenumfaller ist er noch nie gewesen. Auch wenn die Frauenträne die Achillesferse des Mannes und „der Brenner mehr Achillesfersen wie Füße.“

Seitdem die Herta im Leben vom Brenner, kann man ja schon mal sentimental werden. Weil die Herta das Beste, was ihm seit langem passiert ist. Sogar das Rauchen hat er wegen ihr aufgegeben. Und auch das Suchen nach der Serafima, der schönen Schwester von der Nadeschda, lässt er sich von der Herta einreden. Das darf man der Herta aber nicht übel nehmen, denn die Herta zwar eigenwillig und zynisch aber sonst Hilfsbereitschaft in Person, da gibt es gar nichts.

“Dann natürlich Realitätsschock doppelt und dreifach”

Der Haas also ganz hartnäckig, schickt den Brenner von der russischen Kindermafia ins Wiener Rotlicht und wieder zurück in die Mongolei. Und einmal der Nadeschda und ein andermal der Herta hinterher. „Da siehst du schon, was der Brenner wirklich war. Ein Frauentränenumfaller, wie er im Buche steht.“

Die Nadeshda am Anfang aber auch eine Wohltat für einen Brenner, Nirwana nichts dagegen. Zumindest bis zur Geschichte mit den abgehackten Händen und dem tätowierten Penis, frage nicht.

Und die üblichen Sprachspiele. Pass auf. Irgendwas zwischen österreichischem Dialekt und künstlichen Verkürzungen, quasi persönlicher Idiolekt. Doch auch der Haas ist alt geworden, ja was glaubst du. Und so geht nicht mehr alles so leicht von der Zunge wie bei einem Silentium oder einem Knochenmann. Trotzdem, der Brenner natürlich immer noch lesenswert, von der ganzen ding her. Irrwege, Kausalketten, Mord, da siehst du schon, alles beim Alten.

“So ein Einserhase, da soll er lieber beim Berlusconi suchen”

Ob du es glaubst oder nicht, politisch völlig unkorrekt ist er auch geblieben. Allerdings mehr der Haas als der Brenner. Und die Faktenlage, frage nicht. Da wird die russische Metro schnell zur “U-Bahn”, Wien zur Rotlichthochburg und die Mongolei zum Terroristenland ohne Straßen. Die Klischees natürlich auch wieder ausgereizt: Tätowierte Chirurgen, esoterische Rentnerinnen, Russinnen als Überfrauen, Boulevardzeitung Hilfsausdruck.

Ja überhaupt das ganze Buch eine Charakterisierung vom Brenner als Einfalt in Person. Und traditionell löst sich der Fall von selbst. Aber ich sage immer, besser ein gelöster Fall als ein gescheiterter Detektiv. Und überhaupt der ganze Humor, und die Anekdoten, und die Wendungen am Kapitelende. Aber interessant. Da kannst du nicht aufhören zu lesen.

Vor allem wegen der Figuren, da merkst du sofort, sie sind sympathisch oder nicht. Neben der Herta und der Nadeshda natürlich noch der Infra, zuerst bei den Jesuiten im Kloster und danach zum Rotlichtkönig aufgestiegen, frage nicht. Eine Karriere, Bilderbuch Minimum. Der Lupescu und der Gruntner natürlich auf Anhieb unsympathisch, allein schon wegen der Hände. Und wegen dem Bentley. Und wegen dem Knacksen. Und wie die sitzen. Und wie die dreinschauen. „Aber bitte, ich will mich gar nicht aufregen, sonst werde ich auch noch ganz ding.“


Fazit: Wer den Brenner mag, wird auch “Brennerova” mögen

Für eingefleischte Brenner-Fans bringt der Roman zwar wenig Neues, der altbewährte und so wunderbar sarkastisch schwarze Humor wird jedoch beibehalten. Wer also die alten Brenner Romane mag, dem kann ich getrost auch “Brennerova” ans Herz legen.

Die Meinungen über die sprachliche Qualität von Wolf Haas’ Brenner Romanen gehen bekanntlich weit auseinander. Die vielen falschen Fährten und Doppeldeutigkeiten kommen ebenso vor wie die spezielle Kunstsprache, die Haas verwendet. Der anonyme auktoriale Erzähler ist auch wieder mit dabei und macht Sprache und Satzbau in “Brennerova” zum stilistischen und humoristischen Gesamtkunstwerk. Ein paar Stellen wirken allerdings ein wenig plump, vielleicht auch, weil eben in der Brenner-Reihe nach dem achten Roman überstrapaziert.

Wenn du noch keinen der Brenner-Romane kennst, dann empfehle ich dir einen der früheren, wie etwa “Komm, süßer Tod” oder den Klassiker “Silentium”. Du kannst aber problemlos mit “Brennerova” anfangen, wenn du jetzt Lust darauf hast. Falls du den Stil von Haas magst, aber den Brenner schon nicht mehr sehen kannst, dann sind “Das Wetter vor 15 Jahren” oder “Die Verteidigung der Missionarsstellung” eine gute Alternative.


Noch nicht genug?

Wolf Haas ist bei seinen Lesungen besonders lustig, weil authentisch. Für mich sind seine Performances besser als Kabarett. Hier im Konzerthaus Wien:


Pressestimmen

Im Innersten ist Wolf Haas ein unglaublich sorgfältiger Sprachpfleger, ihm unterläuft nicht der kleinste Lapsus Linguae, während er doch ständig diese Entgleisungen seinen Figuren in den Mund legt.
Rose-Maria Gropp, FAZ, Oktober 2014

Wolf Haas und sein Detektiv Brenner – beide sind Stars auf dem Krimi-Markt. Wolf Haas betört mit seiner kauzigen, österreichischen Wortakrobatik – Simon Brenner mit seinem miesepetrigen Charme.
Bayern Radio, Oktober 2014

Seit “Auferstehung der Toten“” (1996) zieht die Figur des Grazer Ex-Gesetzeshüters eine aberwitzige Spur durch ein weitestgehend humorbefreites und verkrampft witziges Krimigenre: Straftaten-Slapstick in Serie.
Wolfgang Paterno, Profil, September 2014

 
Wolf Haas’ Roman “Brennerova” ist im Hoffmann und Campe Verlag 2014 erschienen.

Jetzt bin ich natürlich gespannt, was du von meinem ersten Loop bzw. generell von der Kreativtechnik des Loopens haltest. Hinterlasse mir deine Meinung in den Kommentaren!

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