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Holzwürmer in Holz

Metamorphose

Danach ist es immer zu spät. Das Davor kann niemals rückgängig gemacht, nicht entschuldigt, nicht vergessen werden. Weil wir Menschen sind. Vielleicht geben wir vor, zu verzeihen, doch ganz vergessen können wir nie. Irgendwo in uns weckt der Gedanke noch Jahre später ein schales Gefühl, kaum merkbar und doch sich unwohl anfühlend.

Danach ist man immer klüger. Hätte man doch dies und jenes unterlassen, wäre es wohl nie so weit gekommen. Oder doch? Auf andere Art und Weise? Unausweichlich dem Schicksal Folge leistend? Oder doch selbst bestimmt, selbst schuld? Selbst, selbst… Am schlimmsten sind die Vorwürfe, die sich in die Seele bohren wie Würmer ins Holz, die sie durchlöchern, zum angreifbaren Sieb machen. Vorwürfe, die wie Wasser am Felsen nagen, ihn schleifen, glatt machen und doch nie die ideale Beschaffenheit erreichen, sondern weiter nagen, nagen, und schleifen. Morsch ist es geworden, das Holz, platt der Felsen. Doch die Würmer nagen weiter, wann sind sie endlich satt? Wann lassen sie ab vom ächzenden Material?

Danach folgt Erkenntnis. Über Fehler, andere, sich selbst. Über die Vergangenheit, die doch nur in unseren Köpfen existiert, die wir selbst gemacht haben. Die wir machen werden. Musste es also so kommen? Hätten wir es nicht verhindern können? Uns all den Schmerz, den das Danach mit sich bringt, erspart?

Oder ist es nicht klar und unausweichlich, dass die Würmer vom Holz angezogen werden, um es zu formen, zu einem neuen Holz zu machen? Und ist das neue Holz am Ende nicht doch ein Kunstwerk, sorgfältig über die Jahre geschliffen und gestaltet? Und der Felsen zu einer Skulptur geworden?

Danach kommt die Sintflut. Nach den hunderten begangenen Fehlern, nach den tausenden durchlittenen Stunden, nach der Welt ohne Licht. Dann kommt das Wasser, mächtig, tosend, alles mit sich reißend. Die ganzen Schmerzen, weggespült. Aber wir müssen uns halten, um nicht mitgerissen zu werden. Müssen uns ein letztes Mal der großen Herausforderung unserer Fehler stellen.

Jeder Tag folgt einem anderen, jede Stunde, jeder Gedanke, jegliches Tun. Es ist die Zeit, die uns das Davor empfinden lässt, die uns das Danach lehrt. Und unsere Gedanken, die uns nie im Jetzt leben lassen. Jedes Heute wird zu einem Gestern werden. Jeder Tag wie auf einer Liste abgestempelt. Erledigt. Und weiter gehastet zum nächsten Tag.

Und danach? Ein neuer Morgen, ein neues Leben, eine neue Chance.
Wenn wir es wollen.


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Straße in der Nacht

Der Flow

Und wenn der Flow einsetzt, werden die ins nächtliche Dunkel getauchten Straßen und Gassen plötzlich wieder hell, und die Reifen meines Fahrrads scheinen den Boden in ihrer Fortbewegung unberührt zu hinterlassen. Vorbei führt mich mein Weg in einer menschenleeren Stadt, obwohl es warm ist, ein lauer Sommerabend sich ausnahmsweise gegenüber dem in dieser Stadt eigentlich üblichen Regen behauptet hat. Vorbei an der Apotheke, in der ich einst eine von Hand gemischte Salbe gegen Gelenkschmerzen erstanden habe, vorbei an dem kleinen Hügel, der einzigen städtischen Erhebung außer den immer höher hinaufragenden Dächern, die der Gier immer übermütigerer Menschen zu verdanken sind. Besonders mag ich die großen Fenster im Erdgeschoss, bei denen im Vorüberfahren das Rad wie von selbst an Geschwindigkeit verliert und einen etwas längeren Blick als sonst in die dahinterliegenden hell beleuchteten Zimmer zulässt. Eine Frau sitzt am Tisch und liest, stützt ihren Kopf mit ihrer Hand um vor Müdigkeit nicht die Kraft zu verlieren. Hinter einem anderen Fenster wird gerade das Licht gelöscht, hinter dem darüberliegenden Fenster knistert etwas, ein Fernseher vielleicht, ein rauschendes Radio möglicherweise.

Wenn der Flow einsetzt, biege ich ab, wenn ich abbiegen will; wenn ich eine Gasse sehe, wo ich noch nicht war, oder schon, oder wenn mich einfach die Dunkelheit des Ungewissen aber doch Sicheren anzieht. Wenn ich an nichts anderes denke, als die erleuchteten Fenster, die leider viel zu oft mit Vorhängen bedeckt undurchschaubar sind, die die Menschen dahinter nur erahnen lassen. Aber ich mag auch sie, die Schatten, die sich durch bunte Stoffschichten abzeichnen und mir wie Geister erscheinen.

Neblig ist es geworden und an den Rädern meines Fahrrades wird das kühle Nass der feuchten Luft zuerst sichtbar. Doch der Flow ist beständig, unbezwingbar, unaufhaltsam nimmt er mich gefangen und zieht mich mit, lässt meine Gedanken nicht los, vereinnahmt meine Entscheidungen. Er bestimmt, wohin der Lenker sich dreht, in welche noch so dunkle Straße das Rad mit mir verschwindet. Und ich lasse es geschehen, fühle mich wohl und geborgen in den starken Armen dieser übermenschlichen Macht, die mich gleichzeitig gefangen hält und beflügelt. Gerne lasse ich mich in die finsteren Viertel der Stadt chauffieren, doch kein Geräusch kann mich erschrecken, obwohl meine Sinne wach und scharf sind wie noch nie zuvor, ich alles höre und weit und genau die Ferne erblicken kann.

Dann verschwindet der Flow und ich finde mich irgendwo irgendwann irgendwohin fahrend zurückgelassen; und leer und glücklich mache ich mich dann auf dem Heimweg.


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Schwarze Katze

Skrupellose Katzen

Schwarze skrupellose Katzen schleichen scheinheilig gekünstelt
Unnatürlich welken falsche grüne Blumen am weißen Beton
Regen schleimt selten aus zerbrochenen Wolkenschlössern
niemanden täuscht die Verpackung
böse Freundschaft, graue Knochen, unschuldige Schritte, zerstörte Gegend
hinterlassen die bedrohlichen Augen der Schlange
vor allem am Tag knirschen Regentropfen traurig am Schotter
Alles offen, nicht nur Schein

doch
dahinter ist Leben mehr!


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Blätter mit Frost

Winter

Im herbstlich feuchten Außerhalb beginnen die welken Blätter sich zu Haufen zu türmen, den Igeln, die sich ihre Höhlen bereits mühsam durchs Laub gegraben haben, Schutz vor dem Schnee zu bieten. Schon sehr bald wird dort, wo am frühen Morgen der Nebel in weißen Schlingen durchzieht oder wie ein seidig transparentes Tuch sich darüber legt über die noch schlafende Natur, eine weiße warme Decke liegen, die das Darunterliegende nur noch vermuten lässt. Jedes Jahr aufs Neue legen sich Bäume und Sträucher der endzeitlichen Vorsicht bedacht in weiches Weiß und die Tiere treten ihren Winterschlaf an, gönnen sich Zeit für Erholung und ganz mit der vorfreudigen Vorbereitung der Brunftzeit tanken sie Kraft und neues Leben. Und die sich bereits gelb und rot gefärbten Blätter leuchten mit letzter vergänglicher Lebenskraft, aber voller Liebe und der Gewissheit, ihre ganze Schönheit im letzten Moment noch einmal zeigen zu dürfen. Aber einmal ist auch der hartnäckigste Zweig zu schwach, um die sich mit Regenwasser vollgesogenen Blätter zu halten und wie jeder und alle einmal loslassen müssen, muss auch jetzt und jedes Jahr aufs Neue, das Leben dem Tod seinen Platz überlassen.


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