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Buchcover Ausschnitt Clemens Setz: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

Ideenreiche Provokation in Setz’scher Manier

Clemens J. Setz ist einer jener Autorinnen und Autoren, von denen mich sowohl die Literatur als auch die Person selbst faszinieren. Beim Lesen seiner Werke fragt man sich doch permanent: Wie muss jemand drauf sein, der so etwas schreiben kann? Dem so etwas überhaupt einfällt? Und dabei geht es nicht nur um den Inhalt der Erzählung oder des Romans, sondern vielmehr um einzelne Fragmente bzw. Gedanken wie:

Der halbe Kopf schien entzweizugehen, wenn der Kater gähnte. Es sah aus wie diese Venusfliegenfallen.

Eine leicht vorstellbare Metapher, oder? Und sehr treffend ausgedrückt, karlesk würde die Protagonistin Natalie sagen. So wie auch dieser Satz hier:

Das Souterrain [eine Art Open-Space für Jugendliche, Anm.] war wie ein geöffnetes Worddokument, in das alle möglichen Leute irgendetwas tippten, während andere es vorzogen, das Getippte zu markieren und zu verschieben oder zu löschen.

– Genial, nicht?

Außerdem müsste man seinen Roman zwei- oder dreimal lesen, um überhaupt nur annähernd alle versteckten Hinweise auf spätere Handlungsstränge zu finden, so gut durchdacht ist die Geschichte von “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre”.

Um es kurz zu machen: Clemens J. Setz ist ein Meister der Täuschung und setzt dies sprachlich wie inhaltlich gekonnt um. Ihn zu loopen ist kaum möglich, da er besonders auf Stimmung baut und die braucht einfach ihre Zeit, um sich zu entwickeln. Ich habe es trotzdem versucht und hoffe, ihr bekommt einen vagen Eindruck, wie sich der Roman liest.


“Zufallsmusik und weinrauchige Unterhaltungen…

… zirkulär, unentrinnbar und perfekt in sich ruhend wie das ewige Selbstgespräch überfließender und einander speisender Brunnenbecken.” So könnte eine Ein-Satz-Beschreibung für Clemens J. Setz’ neues Buch “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre” lauten. Als wäre man kurz in eine Parallelwelt gefallen. Wie ein Glitch, ein Sprungfehler in der Zeit. Zuerst ist man hier, dann gleich dort. Ohne dass man wüsste, wie man vom einen Ort zum anderen gekommen ist. Ein silbriges Gefühl von Zeitlosigkeit, sehr dunkel und sehr zwirn.

Gefühle als Sinneseindrucke wahrnehmen war eine besondere Eigenschaft, das wusste Natalie. Auch in den Phasen vor und nach den epileptischen Anfällen, an denen Natalie als Kind gelitten hatte, kam diese syästhetische Wahrnehmung öfters vor. Und obwohl die Anfälle schon lange nicht mehr auftraten, wurde sie hin und wieder vom Tod gestreift und bekam dieses aurige Gefühl, das man eben hat vor einem Grand Mal. Obwohl es ja kein Grand Mal gab, zumindest vorerst.

“Draußen flog die Landschaft in parallelen Comicwindstrichen vorbei”

Natalie hatte eben erst in der Villa Koselbruch, einer Anstalt für psychisch beeinträchtigte Menschen, angefangen, als Bezugsbetreuerin zu arbeiten. Alle waren sich einig, dass sie, die Neulingin, einen der schwierigsten Fälle zugeteilt bekommen sollte: Herr Dorm, Alexander Dorm, ein Mann im Rollstuhl mit bleichblondem Millimeterhaar. Ein Stalker, wie man ihn gerade nicht aus dem Bilderbuch kennt. Trotzdem hatte er es geschafft, die Frau von Christopher Hollberg in den Selbstmord zu treiben. Voll retro, dachte Natalie, obwohl sie genau wusste, was das heißt. Wahrscheinlich würden die meisten Leute sowieso sagen, dass sie noch verrückter war als die Insassen der Anstalt. Aber was war schon normal?

Zwischen Dorm, Hollberg und Natalie entwickelt sich eine Dreiecksbeziehung, die langsam aber sicher in ein perfides Psychospiel übergeht. Ein total krankes Sado-Maso-Ding auf verbaler Ebene. Stundenlang. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ich meine, das ist doch. Und sowas geht. Und das seit vier Jahren. Jede Woche. Das macht er. Ist schon beeindruckend, dass man da durchhält.

“Wie ein Sack voller Hirschgeweihe”

Natalie gab ihr Bestes. Sie war freundlich, wenn sie freundlich sein musste. Guten Tag, Herr Dorm. Machen wir heute wieder das Make-up, Herr Dorm. Ich helfe Ihnen gerne, Herr Dorm. Parallel dazu stellte sie sich vor, wie ein Ninjaschwert Alexander Dorms Kopf zerteilte. Aber nicht so, dass er gleich zerfiel, sondern noch tagelang so herumfuhr, bis er einen kleinen Stoß bekam und plopp, auseinander fiel. Ein feingoldenes Gefühl von Geborgenheit stellte sich ein.

Natalie drückte auf den Aufnahmeknopf ihres iPhones. Nonseq, eigentlich Non sequitur – das Aneinanderreihen von völlig zusammenhangslosen Dingen. Neben Livesendungen und Blowjob-Streunen eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Nonseq konnte man nicht wirklich erklären, aber es geht in etwa so:

Gnr, gnr, gnr, machte der Kater, wenn man ihn von hinten berührte. Wie Super Mario, wenn er von einem Feind gestreift wurde. Vielleicht war der Molch ein Grund dafür, aber nicht, wenn das Telefon in der Nachbarwohnung läutet. Dann dachte sie, um wieder ruhiger zu werden, an eine weiße Fellkugel, die ins kühle Wasser eines Schwimmbeckens sprang. Elefant, Graubereiche. Sie schaltete das iPhone aus, nahm das Kondom aus der Jackentasche, spielte ein wenig damit herum und drückte die gelbliche gallertartige Flüssigkeit in ihren Mund. Comment?


Fazit: Was man mit Sprache anrichten kann

Bevor ihr jetzt wegklickt, hier die Erklärung für die letzen Absätze: Ich versuche bei allen meinen Rezensionen, in einem Teil den Originalton des Autors nachzuempfinden. Zu Clemens Setz gehört unweigerlich ein Gefühl von Ekel, das einen unerwartet erwischt, dazu. (Ich hoffe mal, ich habe euch erwischt ;))

Drei Dinge, die Clemens J. Setz’ Romane ausmachen

  1. Das Aufbauen von Spannung durch Andeutungen, die er jedoch unvollständig stehen lässt. Beim Leser bzw. bei der Leserin entsteht dabei ein ganz leichtes, schales, oft nicht eindeutig benennbares Gefühl der Enttäuschung. Man fühlt sich ein wenig im Regen stehen gelassen, sodass als einzige Lösung erscheint, im nächsten Kapitel den ersehnten Regenschirm – also die Erklärung für die entstandene Unsicherheit – suchen zu gehen. Wer schon einen Setz gelesen hat, weiß sofort, was ich meine, stimmts?!
  2. Die Wortneuschöpfungen, die einem nach kürzester Zeit so normal vorkommen, als würden sie seit Jahren im Duden stehen. Jedes “(Un)Wort des Jahres”, oft gehört und gelesen und vielleicht sogar selbst verwendet, kommt einem dagegen fremd vor. Karleske Sätze und aurige Stimmungen sind so glasklar, dass man sie beim Lesen des Wortes selbst empfindet.
  3. Das Ausreizen von (eh schon abartigen) Szenen bis hin zur Ekelgrenze bzw. sogar darüber hinaus, was in körperlichem Unwohlsein endet. Kennt ihr die Übelkeit, die aufkommt, wenn man im Auto länger liest? Ja, genau so.
    Kann also schon sein, dass man den Roman weglegen muss, obwohl man vor Spannung fast platzt. Dementsprechend dauert das Lesen dann länger, zusätzlich zu den etwa 1100 Seiten, die man zu bewältigen hat. Andererseits zeigen die ersten 100 bis 200 Seiten einige Längen, über die man als Leserin oder Leser nur hinweg kommt, weil man eben weiß, dass man einen Setz-Roman vor sich liegen hat.

 
Für die ersten beiden Eigenheiten mag ich Clemens J. Setz und seine Romane. Für den dritten Punkt bewundere ich ihn: Für diese perfekt ausbalancierte Gratwanderung zwischen Spannung, Abartigkeit und hohem literarischen Anspruch. Nicht umsonst war der Grazer Autor schon das dritte Mal für den deutschen Buchpreis nominiert (Ja, das heißt was!).

Eine uneingeschränkte Empfehlung?

Sicher nicht. Setz ist garantiert nicht für jede und jeden. Außerdem gibt es stark geteilte Meinungen, was – wie ich denke – nach genau das ist, was Clemens Setz mit seinen Romanen provozieren will: Empörung, Aufregung, Überraschung – und Unterhaltung, wenn man mag.


Noch nicht genug?

Kann ich gut verstehen. Bei Setz habe ich persönlich immer das Gefühl, dass ich unbedingt mehr lesen muss. Fast aus einem inneren Zwang heraus, den der Autor durch seine ständigen Andeutungen provoziert, die er nicht oder erst viel später im Text zu Ende führt.

Hier noch ein Gespräch von 3Sat mit Clemens J. Setz auf der Buchmesse in Frankfurt über die Protagonistin Natalie, synästhetische Wahrnehmungen und Wortneuschöpfungen in seinem Roman:

Und noch ein aufschlussreiches Interview, erschienen in der Zeit, das einen ein bisschen hinter das Phänomen Clemens J. Setz blicken lässt und auch hilft, seine Literatur aus einen anderen Blickwinkel zu betrachten.


Pressestimmen

Der neue Roman von Clemens Setz ist eine Zumutung. In einer vertrackten Stalking-Geschichte werden die Grundfragen zivilisierten Zusammenlebens neu verhandelt – in Form einer tausendseitigen synästhetischen Gehirnmassage.
Jan Wiele, FAZ, 2015

[Es] stellt sich das typische Setz-Gefühl ein: dass man es hier mit einem klugen, literarisch und popkulturell versierten Autor zu tun hat. Einem Autor, der souverän und mit Schwung durch seinen Text gleitet und gerne die semantischen Unterströmungen seiner vielfachen Bezüge aufnimmt. Dabei kalkuliert er mit ein, dass er spätestens am Ende seiner Fahrt eine Bugwelle von Bedeutungen vor sich hertreibt, die an manchen Punkten ins Leere läuft. Fluch und Segen der Postmoderne: Ein jedes kann alles und nichts bedeuten.
Thomas Andre, Spiegel Online, 2015

Die Spannweite des Hantierens mit Sprache umfasst hier alles von subtilem Einfluss bis zu brutaler Gewalt, von Experimentierlust bis zu Selbstverteidigung, von unerwarteter Leichtigkeit bis zu körperlichem Unwohlsein; streckenweise könnte das eine Handreichung aus einem NLP-Seminar für Soziopathen sein.
Bernhard Oberreither, Der Standard, 2015

Clemens J. Setz’ Roman “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre” ist im Suhrkamp Verlag 2015 erschienen und stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Hast du “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre” schon gelesen? Welche Wirkung hatte das Unheimliche und Abartige im Roman auf dich? Sag es mir in den Kommentaren!

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Vea Kaiser: Makarionissi oder die Insel der Seligen (Buchcover Ausschnitt)

Heldinnen weinen nicht. Heldinnen rauchen höchstens

Vea Kaiser mag ich seit Blasmusikpop – obwohl sie in den Medien manchmal etwas dick aufträgt und Sätze von sich gibt, die man schnell mal gegen sie verwenden könnte. Egal. Schreiben kann sie – und das nicht nur gut, sondern sogar sehr gut und zwar so gut, dass man ihre beiden Romane kaum weglegen kann.

In meinen Rezensionen bzw. Loops versuche ich, den Originalstil beizubehalten. So kannst du dir gleich ein Bild von der Schreibweise der Autorin machen und besser entscheiden, ob dir das Buch gefallen könnte. Viel Spaß beim Lesen!


Für meine Bücherwürmer und Leseratten
– ein Loop in vier Gesängen

1. Gesang

Der von einem fast 500 Seiten umfassenden, sprachlich einheitlichen und inhaltlich mitreißenden Roman handelt, den eine junge Autorin aus Österreich geschrieben hat, die bereits mit ihrem ersten Werk „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ große Erfolge feiern konnte.

Vea Kaiser wurde im Jahre neunzehnhundertachtundachzig in der kleinen niederösterreichischen Stadt St. Pölten geboren. St. Pölten war damals nicht klein, es war sogar sehr klein und roch, “als ob der Teufel furzt”. Vea Kaiser ging daher in die nächste große Stadt, um Altgriechisch zu studieren. Die griechische Geschichte faszinierte sie, besonders die Sagen und Helden hatten es ihr angetan und sie beschloss, einen Roman zu schreiben, in den sie die griechische Geschichte einfließen lassen konnte. So entstanden Eleni und Lefti, die Heldin und der Held von „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“, die Vea Kaiser von der Geburt bis in den Ruhestand verfolgt und deren Kinder sie ebenfalls zu ihren Helden macht.

Der Roman ist letztendlich ein Epos geworden. Eingeteilt in neun Gesänge erzählt er von einem halben Jahrhundert griechischer Geschichte, die etwas zu kurz kommt, um den Roman als gesellschaftspolitisch bezeichnen zu können. Die Protagonisten durchleben die Diktatur der Militärjunta, die anschließende Revolution und letzten Endes die Krise des beginnenden dritten Jahrtausends. Im Vordergrund stehen aber immer die persönlichen Probleme der Heldin und des Helden, meistens die Liebe, Sehnsucht und Enttäuschung. Die Lesezeit vergeht bei einem solchen Roman nicht, sie verfliegt.

2. Gesang

Der davon berichtet, wie der Roman beginnt, wie Heldin und Held zusammenfinden und welche Pläne ihre Großmutter mit ihnen hat, die Held und Heldin jedoch eher früher als später durchkreuzen.

Yiayia Maria Kouza war eine angesehene Frau, und nachdem ihr Mann gestorben war, auch das Oberhaupt ihrer Familie. Der Kaffeesatz verriet ihr die Zukunft, die ihren beiden Töchtern und deren Kinder bestimmt war. Eines Nachts, als sie ihre Gedanken schweifen lies und sich den Kopf darüber zermarterte, wie sie ihre Familie, das Haus und alle anderen Besitztümer erhalten könnte, kam ihr die alles rettende Idee: Ein Kind sollte zur Welt gebracht werden, nur, damit ein anderes Kind das Familienerbe würde erhalten können.

So sollte die kleine Eleni geboren werden, so war der junge Lefti gerettet, glaubte die alte Frau. Dabei würde sie bereits wenige Jahre später erleben, dass sich Liebe niemals erzwingen ließ. Doch davon ahnte Yiayia Maria nichts, als sie selig und zufrieden einschlief und nicht im Entferntesten das Gefühl hatte, einen folgenschweren Fehler zu begehen.

3. Gesang

Der die Geschichte der Helden in aller Kürze nacherzählt, ohne jedoch zu viel zu verraten, sondern gerade so viel, um Lust zu machen, diesen Roman zu lesen.

Eleni und Lefti waren eigentlich Cousin und Cousine, doch von Geburt an füreinander bestimmt, und wie es in Varitsi um neunzehnhundertsiebzig üblich war, war eine Heirat der beiden unumgänglich, um Familie und Erbe zu erhalten. Und so, könnte man sagen, begann eine Geschichte voller Enttäuschung, Leid, aber auch Liebe. Weder Lefti noch Eleni ahnten zu diesem Zeitpunkt, dass sie noch oft in ihrem Leben leiden würden wie Hunde. Ausgepeitschte, verhungerte und bespuckte Hunde.

Während Eleni rebellisch und widerspenstig war wie die Locken ihrer Haare, die in alle Richtungen standen, war Lefti ruhig und sehnte sich nach Familie und Sicherheit. Während Lefti die Politik als Kern allen Übels betrachtete und sich tunlichst fernhielt, stürzte sich Eleni mitten in die Revolution. Während Eleni Yoga lernte und Deutschland hasste, schlenderte Lefti am liebsten durch die Fußgängerzone in Hildesheim.

Die beiden lebten sich auseinander. Lefti verliebte sich in Trudi, als Eleni Otto kennenlernte. Als Eleni zurück nach Griechenland ging, zogen Lefti und Trudi nach St. Pölten. Als Lefti Arbeit fand und sich niederließ, reiste Eleni nach Amerika. Als Eleni wieder zurückkehrte, war Lefti immer noch in Österreich. Viele weitere Jahre sahen sie einander gar nicht oder lediglich, wenn sie sich aneinander erinnerten.

4. Gesang

In dem es um eine kleine und bettelarme aber wunderschöne Insel geht, die einer ganzen Familie von Helden Unterschlupf bietet, viele Schicksalsschläge schweigend mitansieht und schließlich einen Traum wahr werden lässt.

Makarionissi lag unweit des Festlands und hatte die Form eines riesigen Hirschkäfers. Hier gab es wenige, aber dafür umso festere Grundüberzeugungen: Die Erde war keine Scheibe, Makarionissi war der schönste Ort der Welt und Vea Kaiser ist eine unumstößliche Romantikerin, bei der Liebe über Jahrzehnte der Abwesenheit des anderen nicht erhalten bleibt, sondern sogar wächst, … „so künstlich, dass es schon wieder echt wirkte.“

Eleni und Lefti waren alt geworden. Aber sie fühlten sich zu Hause, jeder auf seine Art. „Angekommen. Akzeptiert. Vor allem: geliebt.“ Und am Ende geht schließlich ein lang ersehnter Traum in Erfüllung. Wie in allen griechischen Sagen “lebten sie gut, und wir leben noch besser!“


Fazit: Generationenroman zum Mitfiebern

Vea Kaiser lässt ihre Protagonisten leiden. Und zwar immer genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Denn kaum ein Gesang (wie Kaiser die Kapitel bezeichnet) ist lang genug, um langweilig zu werden. Veränderungen treten oft abrupter ein, als man sich wünschen würde. Doch genau das macht Vea Kaisers Romane aus: Unverhoffte Wendungen, die ganz schön verstören können, sich dann jedoch meist wieder zum Guten wenden. Man braucht aber Geduld.

Auch sprachlich hat es die Niederösterreicherin geschafft, einen runden und stimmigen Roman zu schreiben, der einen kaum das Buch aus der Hand legen lässt. Nur noch soviel: Vea Kaiser ist, auch wenn sie nicht so wirkt, eine Romantikerin. Und genauso laden ihre Figuren zum Mitfiebern, Mitleiden und Mitfreuen ein. Gelegentlich auch zum Mitweinen, aber: “Heldinnen weinen nicht”!

„Makarionissi oder Die Insel der Seligen“ ist manchmal eine Gradwanderung zwischen Kitsch, Kommerz und moderner griechischer Tragödie. Vea Kaiser schafft es aber – wie schon im Vorgänger „Blasmusikpop“ – scheinbar mühelos die Balance zu halten. Und das ganz ohne Ungereimtheiten.


Noch nicht genug?

Im folgenden Video aus der Reihe “zehnSeiten” kommt Vea Kaiser ein wenig unsympathisch rüber, wie ich finde. Aber bitte von der übertriebenen Gestik und ihrem überheblichen Ton nicht auf die Qualität ihrer Literatur schließen – die ist nämlich wirklich gut!


Pressestimmen

Es ist bekanntlich Mode, das Alter von Schriftstellern zu erwähnen, solange die noch irgendwie als jung gelten. Bei Vea Kaiser aber scheint das unumgänglich. Denn man staunt über die große Fabulierlust und -kunst der erst 26-jährigen österreichischen Schriftstellerin.
Sabrina Wagner, Die Zeit, 2015

Vea Kaiser ist eine Fabuliererin der alten Schule im modernen Gewand. Sie steht für sprachliche Opulenz sowie Handlungsreichtum, gerät beim Erzählen gern vom Hundertsten ins Tausendste. Im Grunde würde sie am liebsten Romane wie im 19. Jahrhundert verfassen.
Sebastian Fasthuber, Falter, 2015

Sie bleibt ihrem Stil treu, braucht zur Erledigung ihrer Aufgaben wieder rund 500, in neun „Gesänge“ unterteilte Seiten, führt ihre Leser mit räsonierenden Kapitelüberschriften durch fast sechs Jahrzehnte, scheint bei kaum einem Thema (selbst wenn es Andreas Gabalier heißt) Berührungsängste zu haben.
Rainer Moritz, Die Presse, 2015

Vea Kaisers Roman “Makarionissi oder Die Insel der Seligen” ist 2015 bei Kiepenheuer&Witsch erschienen.

Makarionissi oder Blasmusikpop? Am liebsten beides! Oder nicht? Schreib mir deine Meinung in den Kommentaren!

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Kleinsche Flasche

Innen ist Außen, oder: Nichts ist wie es scheint

Gerhard Roth ist eines der Urgesteine der österreichischen Literatur und das mit Recht. Sein Gesamtwerk umfasst zahlreiche Romane, Bildbände, Drehbücher und Erzählungen.

“Grundriss eines Rätsels” ist ein 500-Seiten-Schinken mit einem protokollartig beschreibenden Stil, der mir persönlich nicht so zugesagt hat. Zeitweise war die Lektüre eher anstrengend, da sich die Geschichte in Details verliert, die für das Gesamtbild oft nebensächlich sind.

In meinem Loop – einer Rezension im Stil des Originaltexts – kannst du dir aber gleich selbst ein Bild machen.


“Die Sprache krabbelte wieder an der Wand”

Es war an einem regnerischen Tag – im Mai durchaus nicht außergewöhnlich –, als mir plötzlich Gerhard Roths Buch „Grundriss eines Rätsels“ in die Hände fiel. Ich war gerade nach einem ausgedehnten Spaziergang durch den achten und siebenten Wiener Gemeindebezirk am Urban-Loritz-Platz angekommen und hatte kurzerhand beschlossen, meiner Lieblingsbücherei, der Hauptbücherei Wien, einen Besuch abzustatten.

Ohne dass ich sagen konnte, warum, fühlte ich mich von dem Buch angezogen. Vielleicht war es das Coverbild, dass Roths Buch besonders auffallend machte: Ein blau rotes Irgendwas, das sich über die gesamte Oberfläche zog und außerdem seltsam verschwommen war – seltsam für ein Buchcover, aber doch wieder passend zum Namen des Buches „Grundriss eines Rätsels“.

“Neugierig fing ich an zu lesen”

Ich konnte also nicht umhin, das Buch auszuborgen, und machte mich auf den Heimweg. Da ich am selben Tag nichts mehr vorhatte, begann ich sogleich mit der Lektüre, und bereits nach einigen Seiten merkte ich, dass Gerhard Roth ein sehr ausschweifender Erzähler ist. Noch eher würde ich seinen Stil als detailgetreu, ja fast protokollartig deskriptiv beschreiben, was durch die Verwendung der Vergangenheitsform und die zahlreichen verschachtelten Nebensätze verstärkt wird.

Wie es auch sonst meiner Gewohnheit entspricht, blätterte ich das Buch kurz durch, um einen Überblick zu erhalten, und machte dabei die Entdeckung, dass es eigentlich aus sechs „Büchern“ bestand. Fast alle dieser Kapitel – was sie eigentlich sind – wurden in der auktorialen Erzählperspektive abgefasst, außer das längste und – wie ich fand – spannendste Kapitel über den Germanisten Vertlieb Swinden, der zu Forschungszwecken in ein kleines Dorf in der südlichen Steiermark fährt, um sich um den Nachlass des Schriftstellers Philipp Artner zu kümmern. Swinden erzählt aus der Ich-Perspektive.

“Zuerst wusste ich nicht, wo ich mich befand”

Bereits am ersten Lesetag hatte ich herausgefunden, dass sich jedes Kapitel, obwohl es um eine jeweils andere Person geht, um den Schriftsteller Philipp Artner dreht. Zunächst wird er distanziert von Vertlieb Swinden betrachtet, der aber nach und nach – wie in seinem Namen angedeutet – selbst verschwindet. Danach las ich die Kapitel über Artners Verhältnis zu Pia, seiner Geliebten, zu Gabriel, seinem unehelichen Sohn und zu Doris, seiner zurückgelassenen Ehefrau. Mit der Zeit konnte ich durch die zusätzlichen Informationen einen „Grundriss“ dieses rätselhaften Schriftstellers Philipp Artner erkennen. Es blieb aber ein Grundriss, der am Ende mehr Fragen offen lässt, als er beantwortet.

Die scheinbar zufällig eingestreuten Hinweise auf bekannte Werke aus Kunst und Musik, das besondere Interesse Artners für die Nervenheilanstalt Gugging und die Baumgartner Höhe, und sein Wohnsitz Am Heumarkt in der Nähe des Stadtparks entpuppten sich als Hinweise auf Gerhard Roth als Person. Da ich – wie ich zugeben muss – den Schriftsteller davor noch nicht kannte, wusste ich auch nicht, dass er öfters ein Alter Ego zum Protagonisten seiner Romane macht.

“Ein zufälliges Gemisch aus Sichtbarem und Unsichtbarem”

Das Eindrucksvollste war das Leitthema des Romans, das ich aber erst später herausfand. Noch bevor ich begriff, dass es sich um den roten Faden der Erzählung handelte, fesselte mich das Motiv des Spiels mit Wirklichkeit und Einbildung, symbolisiert in der Klein’schen Flasche. Dieses nach dem deutschen Mathematiker Felix Klein benannte geometrische Objekt zeigt eine durchgehende Oberfläche. Innen und Außen – Wirklichkeit und Wahn – gehen ineinander über und man könnte nicht sagen, wo man sich gerade befindet.

Swindens Kapitel ist die zentrale Geschichte, in der drei Tschetschenen ermordet aufgefunden werden. Als Swinden im Dorf ankommt, beginnt bereits die Suche nach dem Mörder. Am Ende des Kapitels steht die bahnbrechende Entdeckung eines Manuskripts, dessen Inhalt Motiv und weiteren Verlauf des Romans prägt. Fest steht, dass alle der Figuren in ein Gefüge auf unterschiedlichen Zeitebenen verwickelt sind, was im Rahmen einer Kriminalgeschichte aufgedeckt wird.

Menschen hieß die erste Eintragung”

Ich beschloss im Zuge meiner Recherchen, in meiner Rezension nicht viel über den Inhalt des Buches zu verraten, dafür aber in der Manier Artners Autor und Figuren zu charakterisieren.

1. Gerhard Roth

Autor des Buchs „Grundriss eines Rätsels“. Urgestein der österreichischen Literatur. Lebt in Wien. 22 veröffentlichte Romane, einige Drehbücher und Bildbände. Mag das Motiv der Wirklichkeitsverzerrung. Setzt sich gegen Fremdenfeindlichkeit ein und macht diese zum Thema in seinen Romanen.

2. Philipp Artner

Bekannter Schriftsteller. Alter Ego von Roth. Lebt in Wien und in der Steiermark. Starkes Interesse für Kunst, Malerei und Musik, eventuell als Rückzugsmöglichkeit. Hat zahlreiche Bildbände zuhause, in die er sich gerne vertieft. Stottert in Stresssituationen. Neigung zu sozialer Phobie. Immer wieder Affären. Mag Tiere, besonders Krähen, und lange Spaziergänge durch Stadt und Land.

3. Vertlieb Swinden

Germanist und Hilfskraft am Heimito-von-Doderer-Institut in Wien. Macht sich nach Ableben von Artner auf dessen Spuren. Stark ausgeprägte Müdigkeit und Konzentrationsschwäche. Neigung zum Alkoholmissbrauch. Verliebt sich schnell und unüberlegt, nachdem er bei Flirts oft dämlich lächelt.

4. Pia Karner

Geliebte von Artner und Swinden. Alleinerziehende Mutter. Arbeitet in der örtlichen Apotheke. Ihre Mutter unterstellt ihr einen schlechten Geschmack bei Männern. Lügt gerne und viel, überträgt diese Neigung möglicherweise auf ihren Sohn.

5. Gabriel Artner

Artners unehelicher Sohn. Talent fürs Schauspiel. Spielt gerne mit Computern und iPhone. Besitzt einen sprechenden Papagei namens Aleph. Als Kind epileptische Anfälle und Bewusstlosigkeit. Zuneigung, auch erotische, zu älteren Frauen.

6. Doris Artner

Witwe von Philipp Artner. Interessiert sich für Kunst, insbesondere japanische Kupferstiche. Eher uninteressante farblose Figur. Mag Tiere, besonders Affen. Schräge sexuelle Vorlieben.


Fazit: Das Ende ist gleichzeitig der Anfang

Roman und Geschichte gehen ineinander über wie eine Klein’sche Flasche: Wo ist innen, wo ist außen? Was ist geschrieben, was ist geschehen, was ist gelogen oder fantasiert? Welche Figuren gibt es – innerhalb der Romanhandlung – wirklich, welche sind von Artner erfunden? Das Ende des Romans – und das ist jetzt kein inhaltlicher Spoiler – fühlt sich an wie der Anfang vieler großer Fragen.

In diesem Sinne ist Gerhard Roths Werk ein gelungener “Grundriss eines Rätsels”, aber auch nicht mehr: Eine zweidimensionale Abbildung der Wirklichkeit, die vom Leser bzw. der Leserin nicht erfasst werden kann. Am Ende stehen Fragen, die nicht beantwortet werden (können).

Wie bereits anfangs erwähnt, hat Roth meinen Geschmack nicht getroffen. Trotzdem bin ich – vor allem bei längeren Lesephasen – in die Geschichte hinein gekippt. Wie Verlieb Swinden, als er beginnt, Artners Manuskript zu lesen, konnte ich “trotz des [zeitweiligen] Widerwillens, den ich empfand, nicht aufhören zu lesen.” Die Geschichte selbst ist nämlich klug durchdacht, eines führt zum anderen, am Ende hat man ein rundes Gesamtbild – leider erst nachdem man sich stundenlang durch einen eher faden weil zu deskriptiven Stil wühlen muss.


Noch nicht genug?

Von Gerhard Roth gibts nicht viele Aufzeichnungen im Internet. Ein sehr aufschlussreiches Gespräch über ihn als Person und sein literarischen Schaffen wurde im Rahmen der “KulturWerk”-Reihe in ORF III ausgestrahlt. Das ganze Interview findest du hier als Video.

Hier findest du noch ein interessantes Interview aus der Tageszeitung Der Standard.


Pressestimmen

Gerhard Roth entwirft in seinem neuen Roman einmal mehr einen synästhetischen und zeichensatten Kosmos. Philipp Artner, ein Alter Ego, betreibt ein fesselndes Verwirrspiel der Selbstauflösung.
Ingeborg Waldinger, NZZ, 2015

Es ist nicht ganz neu, dass sich ein Autor in einem Text mitsamt seinen Manuskripten in Luft auflöst. Gerhard Roth treibt in seinem Roman „Grundriss eines Rätsels“ sein illustres Spiel mit der Frage, was Wirklichkeit und wie sie wahrnehmbar ist.
Brigitte Schwens-Harrant, Die Presse, 2014

Gerhard Roth lässt den Leser durch ein Kaleidoskop schauen, in dem die Prismen keine klaren symmetrischen Formen mehr annehmen, sondern auf irritierende Weise durcheinanderwirbeln und Möglichkeitsräume eröffnen.
Karsten Herrmann, CULTurMAG, 2014

Gerhard Roths Roman “Grundriss eines Rätsels” ist im Fischer-Verlag 2014 erschienen.

Hast du schon mehr von Gerhard Roth gelesen? Und was sagst du zur Wirklichkeitsverzerrung in “Grundriss eines Rätsels”? Deine Meinung ist gefragt!

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