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Doris Knecht: Wald, Buchcover Ausschnitt

Doris Knechts bitterböse Abrechnung mit dem Landleben

Tieftraurig und voller Hass auf ihre Vergangenheit blickend – besonders auf die darin vorkommenden Männer – erzählt die Protagonistin Marian, warum sie im Wald gelandet ist. Als letzten Ausweg. Als einzig möglichen Rückzugsort vor einem Leben, das ihr den letzten Funken Würde genommen hat. Aber wird sich das im Wald ändern?

Wer glaubt, hier einen Roman mit einer starken selbstbewussten Frauenfigur vor sich zu haben, legt das Buch besser gleich weg. So flüssig und stringent Knechts Stil auch ist und so gern ich monologische Texte lese: Inhaltlich ist der Roman leider nicht gelungen. Vor allem, wenn man Marlen Haushofers „Die Wand“ kennt, kann man fast nur enttäuscht sein. Daher diesmal ein ausführlicheres Fazit und ein etwas kürzerer Loop.


„Und letztendlich eh für’n Hugo, wie man so schön sagte“

“Sie gibt sich keine Mühe, zurück in den Traum zu finden.” Hat ohnedies keine Sinn. Er ist dahin. Ebenso wie Marians früheres Leben als Luxusvorstadtweib mit Luxusgefühlen und First World Problems. Trotzdem denkt sie viel darüber nach. Was alles schief gelaufen ist, was sie hätte vermeiden können, was aus ihr geworden ist. Über Oliver, der warme Oliver, der ihr immer zur Seite stand, der aber letztendlich die nüchterne pragmatische Frau in ihr nicht mehr ertragen konnte. Ja, das war sie immer gewesen. Seit sie ihren Namen vom, wie sie fand, biederen provinziellen und altmodischen Marianne in ein androgynes modernes stilvolles Marian geändert hatte, und spätestens dann, als sie ihre eigene Modelinie gründete.

„Dennoch: Der Saat des Untergangs war mit Bruno gelegt worden“

Bruno, der Philosophieprofessor, „der brillante, schmähführende, blitzgescheite Hallodri“, hatte sie immer häppchenweise mit Zärtlichkeit gefüttert, bis die Häppchen immer kleiner wurden. Das hatte er immer gut gekonnt, „mit ganz kleinen Bocken vom großen Wir und ein paar Bröseln Zukunft.“ Gerade aber soviel, dass sie bei ihm blieb, ja bleiben musste, um mehr zu bekommen. Ihre Freundinnen hatten versucht, sie auf Brunos Fremdgehen aufmerksam zu machen, doch “die waren ja bloß neidig, die blöden Weiber”. Aber sie, Marian, die Rastlose, die gut Ausgebildete, die Weitsichtige, hatte sich von Bruno blind machen lassen. Und taub. Und blöd.

Vielleicht hat sie das Landleben zäher gemacht, anders jedoch keineswegs. Dazugelernt hat sie nichts, sondern verlässt sich nach wie vor auf alte Muster: Eine Frau, die versucht, sich als starke Figur auszugeben, in Wahrheit aber nur ihre Schwächen demonstriert. Nach dem Motto: „Wenn ja, dann ja, wenn nein, dann tja. Schmecks.“

„Gott, es ist viel zu früh für so ein Gehirne“

Jetzt steht sie früh auf, brockt Ribisel und fischt ihre Fische selbst, seit Franz es ihr gezeigt hat, seit sie im Wald im Haus der Tante lebt, in einem kleinen Dorf im Hinterfurz, in der Hinterfurzstraße 9. Franz hat ihr zuerst ins Gesicht geschlagen, dann Geschenke gemacht, dann mit ihr gevögelt. Von Franz gibt es nichts umsonst. Am Land gibt es nichts umsonst. Da muss man wissen, was man wert ist: Ein paar Scheit Holz für den Winter, ein bissl Haarshampoo, eine Anleitung zum richtigen Fischen. Und sie ist stolz darauf. Stolz, ihr Essen selbst zu verdienen, ob durch vögeln oder durch fischen, was ist schon der Unterschied? Aber so ist es am Land, friss oder stirb. Spätestens jetzt ist sie dahin, die Bauernhof-Bilderbuchphantasie.

„Das war für eine Biografie wie die ihre nicht vorgesehen.“

Sie hatte immer alles richtig gemacht. Sie war ein fleißiges Mädchen gewesen, hatte nicht zu oft Kokain genommen, hatte sich nicht gleich nach der Matura in einen Griechen verliebt, und hatte sich aus ihrer Schwangerschaft gut rausgerettet. Liam, der Vater, und Shirley, seine neue Frau, waren ihrer Tochter bessere Eltern gewesen, als sie es je hätte sein können. Sie blieb lieber allein mit ihrer Arbeit, „wo A nach B führte und man von B aus vorsichtig C anvisieren konnte.“ Sprich: Wo sie alles kontrollieren konnte. „Das dachte sie zumindest, die dumme Kuh, die sie damals war.“

Dann kam die Wirtschaftskrise und Marian hatte zuerst Bruno, dann ihr Atelier, dann ihre Wohnung verloren. Sie denkt nicht gerne darüber nach, wie alles hätte vermieden werden können. „Hättiwari. Wäre. Wuascht. Es war eh egal, spielte keine Rolle mehr.“ Jetzt hat sie Franz, und sie ist froh, dass sie Franz hat und nicht mehr Bruno oder Oliver, denn Franz ist solide, ein Bauer vom Land, ein Mann, der sie versorgte. Nur ein bissl vögeln, dann bleibt Franz ihr erhalten. Alles in Ordnung, alles okay.


Fazit: Statt Emanzipation nur noch mehr Abhängigkeit

„Sie war hier, weiter von ihrem früheren Dasein weg als die Erde vom Mars“, beschreibt Doris Knecht den Ist-Zustand ihrer Protagonistin. Doch ist das tatsächlich so? Hat es Marian geschafft, sich zu emanzipieren, oder ist sie nur noch tiefer in Abhängigkeiten gefangen?

Äußerlich hat sie sicherlich vieles gelernt. Etwa, wie man Marmelade kocht, Zucchini einlegt, Kürbisse pflanzt oder Hühnern den Hals umdreht. Schließlich lebt Marian am Land, eine ganz andere Voraussetzung als eine Luxus-Penthouse-Wohnung in der Stadt. Im Laufe des Buchs beginnt sie sich immer weiter von der Vorstellung zu entfernen, dass ihre Flucht aufs Land – aus Not, nicht aus freiem Willen – nur eine Phase sei. Sie möchte bleiben. Trotz oder gerade wegen Franz, dem „geborenen Bestimmer, Alphatier by nature“, den sie mit Sex für Kartoffeln, Milch und Ofenholz bezahlt. Emanzipiert vom früheren Leben, rein in die Abhängigkeit des Überlebens am Land.

Für die Entscheidung, das Landleben als Zukunft zu akzeptieren, fehlt dem Buch allerdings die Grundlage: Einerseits hängt Marian ihrem früheren Selbst zu sehr nach. Rückblenden auf ihr Leben in der „sorglosen gehobenen Mittelklasse. Keine Yacht, aber auch nicht Ruderboot“, nehmen fast Dreiviertel des ganzen Romans ein. Sie verarbeitet ihre Männergeschichten, reflektiert aber kaum ihre Persönlichkeit. Schuld an ihrer Misere ist nicht sie selbst, die ein Umdenken gut gebrauchen könnte, sondern entweder Oliver, der sie betrogen hat, die B-Promis, die ihre Mode nicht mehr kaufen oder die teuren roten Schuhe, die sie erst in Brunos Arme geführt hatten: „Das war wohl, konnte sie jetzt sagen, der Moment. Als sie die Schnallen schloss und sich im Spiegel betrachtete: Da begann ihr Schicksal. Da war es eigentlich besiegelt.“

Andererseits packt Doris Knecht eine große Kiste Klischees aus und persifliert das Landleben, wo es nur geht. Die wenigen dort zurückgelassenen Leute sind bessere Feinde als Freunde, es wird wahllos herumgeschlossen („In der Stadt Mord, am Land Jagd, denkt man.“), Besitzansprüche werden mit körperlicher Gewalt abgegolten. Und die Alten, denen bleibt auch nichts anderes übrig, als sich einer nach dem anderen aufzuhängen, „weil sie alt und überflüssig und für ihre Familien eine Belastung geworden waren. (…) Weil sie nur noch Platz versaßen, am Esstisch und auf der Ofenbank.“ Ach ja, und „alle Bauern heißen Franz, alle, außer denen, die Sepp heißen.“

Traurige Aussichten für Knecht, die selbst, wie sie in Interviews mit dem Standard und dem Bayrischen Rundfunk sagt, wieder mehr Zeit in ihrem Ferienhaus am Land verbringen möchte. Allerdings mögen sie die Leute dort, sagt sie, im Gegensatz zu Marian.


Noch nicht genug?

Leider ist die Tonqualität nicht perfekt, aber man kann Doris Knecht im Literaturhaus Salzburg beim Lesen und Reden zuhören.


Pressestimmen

Die Autorin und Zeitungskolumnistin, die mit ihrem Roman „Gruber geht“ für den Deutschen Buchpreis nominiert war und dessen Verfilmung erfolgreich in den Kinos läuft, lässt das vermissen, was eigentlich ihr großer Trumpf ist: mit einer gewissen Nonchalance über wesentliche Dinge des Lebens zu berichten.
Alexandra Plank, Tiroler Tageszeitung, 2015

“Wald” ist eine intensive Lektüre, weil es um existenzielle Fragen geht. Und weil es Knecht wunderbar gelingt, das Landleben zu beschreiben, in einem unangestrengten Tonfall und ohne Verklärung der Enge der Provinz.
Sebastian Fasthuber, Falter, 2015

Knecht wiederholt Namen und Schlüsselworte, bis zu zwölf Mal auf einer Seite, so dass ein beschwörender Ton entsteht, ein unheimlicher Sound, der noch verstärkt wird durch die Verwendung herber Austriazismen. “Wald” liest sich wie eine 270 Seiten lange Gedankenschleife, ganz eigen, ganz eindringlich.
Tobias Becker, Spiegel Online, 2015

Doris Knechts Roman “Wald” ist im Rowohlt Verlag 2015 erschienen.

Das erste Buch seit der Gründung von leseloop, das ich fast ein wenig verrissen habe. Gerechtfertigt? Sag es mir in den Kommentaren!

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