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Pro & Contra: O‐Töne Literaturfestival Wien

Wien ist quasi DIE Kulturhauptstadt in Österreich. Okay, Salzburg und Innsbruck sind auch nicht schlecht, aber Wien… das ist eine ganz andere Kategorie. Österreichs einzige Millionenstadt bekommt diesen Status allein schon wegen ihrer Größe, ihrer kulturellen Tradition und Geschichte. In Wien läuft immer was. Deshalb ist es auch sehr cool, hier zu wohnen und Festivals wie die O‐Töne zu besuchen.

Aber was ist denn eigentlich so cool bei den abendlichen Lesungen im Museumsquartier? Und was ist kacke? Hier sind meine 4 guten Gründe, warum du unbedingt hingehen solltest. Und 3 Gründe, warum nicht.

1. Sommer, Sonne, Museumsquartier

Im Gegensatz zu vielen anderen Literaturfestivals steht für mich bei den O‐Tönen nicht die Literatur im Vordergrund, sondern die Location. Das Museumsquartier ist einfach absolut einen Besuch im Sommer wert. Ob tagsüber auf einen Kaffee oder zum Essen in den vielen Lokalen, einen Museumsbesuch in Mumok, der Kunsthalle, dem Leopoldmuseum, oder abends auf eine der zahlreichen Veranstaltungen – seit seiner Eröffnung vor genau 15 Jahren ist das Wiener Museumsquartier (kurz MQ) zu einem Hotspot für junge Leute geworden. Die Lokale dort sind allerdings nicht gerade günstig. Deshalb kommen viele auch einfach, um mit Freunden auf den vielen aufgestellten Enzis abzuhängen und selbst mitgebrachtes Bier zu trinken.

Enzis? Noch nie gehört? Das sind ganz spezielle, relativ große Möbelstücke zum darauf Sitzen und Liegen. Jedes Jahr bekommen sie eine neue Farbe und werden dann über die Saision in den Innenhöfen des MQ aufgestellt. Benannt nach der damaligen Prokuristin Daniela Enzi sind diese überdimensionierten Liegestühle aus Kunststoff zu ziemlichen Kultmöbeln geworden. Man kann die Teile auch kaufen, übrigens. Allerdings sind sie irre teuer. Für ein Einzelstück im neuen “Enzo-Design” aus recyclebaren Materialen zahlt man 1.800 Euro. Und so bequem sind sie auch wieder nicht. Außerdem viel zu sperrig für einen kleinen Garten. Und schwer. Dafür aber robust und stylisch, perfekt fürs MQ.

Museumsquartier Wien Haupthof mit Enzis

Museumsquartier Wien Haupthof mit Enzis

2. Altersdurchschnitt 60 Jahre? Nicht bei den O‐Tönen!

Lesungen – so macht es manchmal den Anschein – sind verstaubte alte Hochkultur für mindestens ebenso alte Leute. Auf Literaturfestivals wie den Rauriser Literaturtagen oder Literatur im Nebel ist das Durchschnittsalter gefühlt 60 Jahre. Und das nur, weil ein paar junge Leute mittendrin sitzen und den Schnitt noch aufbessern. Aber hey, nichts gegen unsere Seniorinnen und Senioren! Von den meisten, die ich auf Literaturfestivals kennengelernt habe, kann ich nur Positives berichten: Sie sind jung geblieben, geistig superfit und von täglichem Anti-Demenz-Kreuzworträtsellösen weit entfernt.

Viel eher finde ich es schade, dass so wenige junge Leute sich für vorgelesene Literatur begeistern können. Und genau da setzen die O‐Töne an, heuer sogar mit noch einem Bonuspunkt: An jedem Termin gibt es zwei Programmpunkte, eine Debütautorin und ein etablierter Schriftsteller (oder auch umgekehrt). So kommen junge, frische, knackige Autorinnen und Autoren mit alteingesessenen Erzählprofis zusammen. Außerdem stimmt die Location, die hauptsächlich junge Leute anlockt (siehe dazu Punkt 1).

Büchertisch im MQ Haupthof

Büchertisch im MQ Haupthof

3. Die Atmosphäre ist angenehm locker

Du möchtest in Bikini oder Badehose einen Tag im Museumsquartier ausklingen lassen und bei untergehender Sonne angenehm lesenden Stimmen lauschen? Vielleicht noch einen Spritzer oder ein Bier dazu? Dann nichts wie hin zu den O‐Tönen, dort ist genau das möglich. Bei vielen anderen Literaturfestivals passt der Rahmen einfach nicht zu Sommer, Sonne und Cocktails. Weil sie gar nicht im Sommer stattfinden. Und weil die Atmosphäre einfach eher steif ist. In der Hinsicht könnte sogar bei den O‐Tönen noch mehr getan werden. Liegestühle zum Beispiel, statt Plastiksessel in Reihen.

Steif in Stuhlreihen sitzen mag ich selbst zum Beispiel gar nicht. Viel gemütlicher finde ich es, mit einer Picknickdecke am Boden. Oder auch einfach auf dem von der Sonne gewärmten Granit. Oder auf einem Enzi. Das das MQ allerdings ein Ganztagesspot ist, müsste man wahrscheinlich schon Stunden früher dort sein, um eines zu ergattern. Oder (sehr viel) Glück haben.

4. Bei Regen in der Arena21

Für einen plötzlichen Wettereinbruch haben die O‐Töne vorgesorgt. Die Lesungen finden dann trotzdem statt, nur eben indoor in der Arena21. Das ist erstmal ganz cool, weil man nicht für umsonst hingeht oder auf die Lesung ganz verzichten muss.

Lesung in der Arena21

Lesung bei Schlechtwetter in der Arena21

Ich persönlich mag die Arena21, diesen sterilen weißen Saal, allerdings nicht. Er erinnert mich an einen Ausstellungsraum, in dem eigentlich Kunst hängen sollte. Außerdem wird es meist sehr voll und stickig. Prinzipiell ist es aber ein Vorteil, dass die O‐Töne bei Regen nicht ausfallen und es diese Ausweichmöglichkeit in die Arena21 gibt. Die meisten anderen open air Veranstaltungen – Achtung Wortspiel – fallen dann ja ins Wasser.


So. Nun ist kein Literaturfestival perfekt. Auch an den O‐Tönen gibt es ein paar Dinge, die nicht so toll sind. Ob du deshalb zuhause bleiben sollst? Entscheide selbst:

1. Open-Air mit Background-Sound

Open-Air klingt erst mal super. Im kleinen Nebenhof im Museumquartier (mit Namen “Boule Bahnen”) ist es das auch. Abseits von recht lauten Haupthof versteht man auch in den hintersten Ecken die Stimmen der Lesenden. Während sich der Himmel dann langsam rötlich färbt, lauscht man bedächtig dem neuen Roman, der gerade in Abschnitten aus den Lautsprechern schallt. Romantisch, oder?

Bekanntere Autorinnen und Autoren – wie letztes Jahr etwa Clemens J. Setz, aber auch mehr Hintergrundrauschen. Viele Menschen kommen und gehen, unterhalten sich auf Enzis und in Lokalen oder laufen einfach durch das MQ durch. So entsteht Lärm, der dazu führt, dass man eben nur direkt vor der Bühne oder im Bereich der Lautsprecher etwas hört. Ein wenig abseits und man bekommt nichts mehr mit. Da meistens doch recht viele Leute kommen, sollte man also mindestens eine halbe Stunde vorher da sein, um noch einen Platz zu bekommen.

O‐Töne Lesung im Haupthof mit Clemens J. Setz

O‐Töne Lesung im Haupthof mit Clemens J. Setz

2. Fast Food Literatur im Vorbeigehen

Kurzweilig waren die O‐Töne eigentlich schon immer. Das liegt an Faktoren wie Location, Hintergrundgeräuschen und Jahreszeit, und ist per se kein Nachteil. Literatur wird vielmehr in einem zeitgenössischen Rahmen präsentiert – als Open Air Veranstaltung im MQ und damit auch als Fast-Food während dem Vorbeigehen: kurz Stehenbleiben, kurz Zuhören und Weitergehen. (Achtung: Fast Food, nicht Junk Food!)

3. Lesungen ohne Gespräch

Aufgrund der Doppellesung, die mit diesem Jahr neu ist, wird bei der Moderation Zeit eingespart. Bis letztes Jahr gab es immer ein Gespräch nach jeder Lesung. Vielleicht haben die Veranstalter Angst, dass die Aufmerksamkeitsspanne für längere Gespräche zu gering ist – an Donnerstagabenden ab 20 Uhr. Ich weiß es nicht. Meine Aufmerksamkeit hätten sie.

Am 21. Juli zum Beispiel verschwand Irmgard Fuchs gleich nach der Lesung von der Bühne. Dann kam zack zack Eva Schmidt dran. Zumindest gab es eine Anmoderation von Daniela Strigl zu beiden Autorinnen. Also doch ein wenig Rahmenprogramm und nicht nur bloße Lesungen.

Lesung bei den Boule Bahnen mit Irmgard Fuchs

Lesung bei den Boule Bahnen mit Irmgard Fuchs

Ich mag Anmoderationen allerdings generell nicht so gern. Meistens sind sie recht ausschweifend – fast kurze Rezensionen. Manchmal spoilern sie auch und du weißt ja, was ich von Spoilern halte. Besser finde ich es, mehr Zeit in ein Gespräch nach der Lesung zu investieren, wenn schon Zeit gespart werden soll. Nach einer Lesung hat das Publikum bereits ein wenig Ahnung von Inhalt, Stil und Sprache. Da kann man auch eher einer Diskussion über das Werk folgen, die dann nichts mehr vorweg nimmt.

Bei der Lesung von Norbert Gstrein am 28. Juli war das der Fall. Allerdings hat der Autor sehr viel von sich erzählt und die Lesung auf über eine Stunde aufgeblasen. Auch nicht gut. Vor allem aber, weil ich keine Jacke mithatte und es an diesem Tag recht kühl war.


Fazit und Facts

Im Großen und Ganzen sind die O‐Töne cool. Außer man sitzt im Haupthof weit abseits oder in der Arena21 drinnen. Dann hört man entweder nichts oder hat nicht die für die O‐Töne typische open-air-Atmosphäre. Auf jeden Fall aber sind sie einen Besuch wert. Nicht nur, wenn man einen offiziellen Grund braucht, sich mit Freunden abends auf ein Bier zu treffen. Immerhin gibt es 4 Gründe für die O‐Töne und nur 3 dagegen.

Wie jedes Mal gibts zum Schluss ein paar Eckdaten und Tipps von mir als jahrelang treue und leidenschaftliche O‐Töne Liebhaberin:

  • Dauer: Den ganzen Sommer, meist von Anfang Juli bis Ende August / Anfang September. Immer Donnerstagabend ab 20:00, Dauer etwa 1,5 Stunden.
  • Kosten: gratis Eintritt.
  • Anreise: Mit der U3/U2 Station “Volkstheater” oder “Museumsquartier”.
  • Besonderheiten: Open Air Lesungen in lauen Sommernächten, Debütlesungen für Jungautorinnen und -autoren, schneller Literaturkonsum im Vorbeigehen möglich.
  • Dos: Generell mind. eine viertel Stunde früher da sein, um einen Platz zu bekommen. Auch unbekanntere Schriftstellerinnen und Schriftsteller anhören.
  • Don’ts: Zu weit weg sitzen. Während den Lesungen laut tratschen.
  • Tipp: Die Events werden einzeln als Facebook-Events ausgeschrieben. Praktisch zur Erinnerung.

 

Du besuchst auch jedes Jahr die O‐Töne und bist so gar nicht meiner Meinung? Oder hast noch viele weitere Tipps, die auch mir noch helfen können? Dann rein damit in die Kommentare!

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Doris Knecht: Wald, Buchcover Ausschnitt

Doris Knechts bitterböse Abrechnung mit dem Landleben

Tieftraurig und voller Hass auf ihre Vergangenheit blickend – besonders auf die darin vorkommenden Männer – erzählt die Protagonistin Marian, warum sie im Wald gelandet ist. Als letzten Ausweg. Als einzig möglichen Rückzugsort vor einem Leben, das ihr den letzten Funken Würde genommen hat. Aber wird sich das im Wald ändern?

Wer glaubt, hier einen Roman mit einer starken selbstbewussten Frauenfigur vor sich zu haben, legt das Buch besser gleich weg. So flüssig und stringent Knechts Stil auch ist und so gern ich monologische Texte lese: Inhaltlich ist der Roman leider nicht gelungen. Vor allem, wenn man Marlen Haushofers „Die Wand“ kennt, kann man fast nur enttäuscht sein. Daher diesmal ein ausführlicheres Fazit und ein etwas kürzerer Loop.


„Und letztendlich eh für’n Hugo, wie man so schön sagte“

“Sie gibt sich keine Mühe, zurück in den Traum zu finden.” Hat ohnedies keine Sinn. Er ist dahin. Ebenso wie Marians früheres Leben als Luxusvorstadtweib mit Luxusgefühlen und First World Problems. Trotzdem denkt sie viel darüber nach. Was alles schief gelaufen ist, was sie hätte vermeiden können, was aus ihr geworden ist. Über Oliver, der warme Oliver, der ihr immer zur Seite stand, der aber letztendlich die nüchterne pragmatische Frau in ihr nicht mehr ertragen konnte. Ja, das war sie immer gewesen. Seit sie ihren Namen vom, wie sie fand, biederen provinziellen und altmodischen Marianne in ein androgynes modernes stilvolles Marian geändert hatte, und spätestens dann, als sie ihre eigene Modelinie gründete.

„Dennoch: Der Saat des Untergangs war mit Bruno gelegt worden“

Bruno, der Philosophieprofessor, „der brillante, schmähführende, blitzgescheite Hallodri“, hatte sie immer häppchenweise mit Zärtlichkeit gefüttert, bis die Häppchen immer kleiner wurden. Das hatte er immer gut gekonnt, „mit ganz kleinen Bocken vom großen Wir und ein paar Bröseln Zukunft.“ Gerade aber soviel, dass sie bei ihm blieb, ja bleiben musste, um mehr zu bekommen. Ihre Freundinnen hatten versucht, sie auf Brunos Fremdgehen aufmerksam zu machen, doch “die waren ja bloß neidig, die blöden Weiber”. Aber sie, Marian, die Rastlose, die gut Ausgebildete, die Weitsichtige, hatte sich von Bruno blind machen lassen. Und taub. Und blöd.

Vielleicht hat sie das Landleben zäher gemacht, anders jedoch keineswegs. Dazugelernt hat sie nichts, sondern verlässt sich nach wie vor auf alte Muster: Eine Frau, die versucht, sich als starke Figur auszugeben, in Wahrheit aber nur ihre Schwächen demonstriert. Nach dem Motto: „Wenn ja, dann ja, wenn nein, dann tja. Schmecks.“

„Gott, es ist viel zu früh für so ein Gehirne“

Jetzt steht sie früh auf, brockt Ribisel und fischt ihre Fische selbst, seit Franz es ihr gezeigt hat, seit sie im Wald im Haus der Tante lebt, in einem kleinen Dorf im Hinterfurz, in der Hinterfurzstraße 9. Franz hat ihr zuerst ins Gesicht geschlagen, dann Geschenke gemacht, dann mit ihr gevögelt. Von Franz gibt es nichts umsonst. Am Land gibt es nichts umsonst. Da muss man wissen, was man wert ist: Ein paar Scheit Holz für den Winter, ein bissl Haarshampoo, eine Anleitung zum richtigen Fischen. Und sie ist stolz darauf. Stolz, ihr Essen selbst zu verdienen, ob durch vögeln oder durch fischen, was ist schon der Unterschied? Aber so ist es am Land, friss oder stirb. Spätestens jetzt ist sie dahin, die Bauernhof-Bilderbuchphantasie.

„Das war für eine Biografie wie die ihre nicht vorgesehen.“

Sie hatte immer alles richtig gemacht. Sie war ein fleißiges Mädchen gewesen, hatte nicht zu oft Kokain genommen, hatte sich nicht gleich nach der Matura in einen Griechen verliebt, und hatte sich aus ihrer Schwangerschaft gut rausgerettet. Liam, der Vater, und Shirley, seine neue Frau, waren ihrer Tochter bessere Eltern gewesen, als sie es je hätte sein können. Sie blieb lieber allein mit ihrer Arbeit, „wo A nach B führte und man von B aus vorsichtig C anvisieren konnte.“ Sprich: Wo sie alles kontrollieren konnte. „Das dachte sie zumindest, die dumme Kuh, die sie damals war.“

Dann kam die Wirtschaftskrise und Marian hatte zuerst Bruno, dann ihr Atelier, dann ihre Wohnung verloren. Sie denkt nicht gerne darüber nach, wie alles hätte vermieden werden können. „Hättiwari. Wäre. Wuascht. Es war eh egal, spielte keine Rolle mehr.“ Jetzt hat sie Franz, und sie ist froh, dass sie Franz hat und nicht mehr Bruno oder Oliver, denn Franz ist solide, ein Bauer vom Land, ein Mann, der sie versorgte. Nur ein bissl vögeln, dann bleibt Franz ihr erhalten. Alles in Ordnung, alles okay.


Fazit: Statt Emanzipation nur noch mehr Abhängigkeit

„Sie war hier, weiter von ihrem früheren Dasein weg als die Erde vom Mars“, beschreibt Doris Knecht den Ist-Zustand ihrer Protagonistin. Doch ist das tatsächlich so? Hat es Marian geschafft, sich zu emanzipieren, oder ist sie nur noch tiefer in Abhängigkeiten gefangen?

Äußerlich hat sie sicherlich vieles gelernt. Etwa, wie man Marmelade kocht, Zucchini einlegt, Kürbisse pflanzt oder Hühnern den Hals umdreht. Schließlich lebt Marian am Land, eine ganz andere Voraussetzung als eine Luxus-Penthouse-Wohnung in der Stadt. Im Laufe des Buchs beginnt sie sich immer weiter von der Vorstellung zu entfernen, dass ihre Flucht aufs Land – aus Not, nicht aus freiem Willen – nur eine Phase sei. Sie möchte bleiben. Trotz oder gerade wegen Franz, dem „geborenen Bestimmer, Alphatier by nature“, den sie mit Sex für Kartoffeln, Milch und Ofenholz bezahlt. Emanzipiert vom früheren Leben, rein in die Abhängigkeit des Überlebens am Land.

Für die Entscheidung, das Landleben als Zukunft zu akzeptieren, fehlt dem Buch allerdings die Grundlage: Einerseits hängt Marian ihrem früheren Selbst zu sehr nach. Rückblenden auf ihr Leben in der „sorglosen gehobenen Mittelklasse. Keine Yacht, aber auch nicht Ruderboot“, nehmen fast Dreiviertel des ganzen Romans ein. Sie verarbeitet ihre Männergeschichten, reflektiert aber kaum ihre Persönlichkeit. Schuld an ihrer Misere ist nicht sie selbst, die ein Umdenken gut gebrauchen könnte, sondern entweder Oliver, der sie betrogen hat, die B-Promis, die ihre Mode nicht mehr kaufen oder die teuren roten Schuhe, die sie erst in Brunos Arme geführt hatten: „Das war wohl, konnte sie jetzt sagen, der Moment. Als sie die Schnallen schloss und sich im Spiegel betrachtete: Da begann ihr Schicksal. Da war es eigentlich besiegelt.“

Andererseits packt Doris Knecht eine große Kiste Klischees aus und persifliert das Landleben, wo es nur geht. Die wenigen dort zurückgelassenen Leute sind bessere Feinde als Freunde, es wird wahllos herumgeschlossen („In der Stadt Mord, am Land Jagd, denkt man.“), Besitzansprüche werden mit körperlicher Gewalt abgegolten. Und die Alten, denen bleibt auch nichts anderes übrig, als sich einer nach dem anderen aufzuhängen, „weil sie alt und überflüssig und für ihre Familien eine Belastung geworden waren. (…) Weil sie nur noch Platz versaßen, am Esstisch und auf der Ofenbank.“ Ach ja, und „alle Bauern heißen Franz, alle, außer denen, die Sepp heißen.“

Traurige Aussichten für Knecht, die selbst, wie sie in Interviews mit dem Standard und dem Bayrischen Rundfunk sagt, wieder mehr Zeit in ihrem Ferienhaus am Land verbringen möchte. Allerdings mögen sie die Leute dort, sagt sie, im Gegensatz zu Marian.


Noch nicht genug?

Leider ist die Tonqualität nicht perfekt, aber man kann Doris Knecht im Literaturhaus Salzburg beim Lesen und Reden zuhören.


Pressestimmen

Die Autorin und Zeitungskolumnistin, die mit ihrem Roman „Gruber geht“ für den Deutschen Buchpreis nominiert war und dessen Verfilmung erfolgreich in den Kinos läuft, lässt das vermissen, was eigentlich ihr großer Trumpf ist: mit einer gewissen Nonchalance über wesentliche Dinge des Lebens zu berichten.
Alexandra Plank, Tiroler Tageszeitung, 2015

“Wald” ist eine intensive Lektüre, weil es um existenzielle Fragen geht. Und weil es Knecht wunderbar gelingt, das Landleben zu beschreiben, in einem unangestrengten Tonfall und ohne Verklärung der Enge der Provinz.
Sebastian Fasthuber, Falter, 2015

Knecht wiederholt Namen und Schlüsselworte, bis zu zwölf Mal auf einer Seite, so dass ein beschwörender Ton entsteht, ein unheimlicher Sound, der noch verstärkt wird durch die Verwendung herber Austriazismen. “Wald” liest sich wie eine 270 Seiten lange Gedankenschleife, ganz eigen, ganz eindringlich.
Tobias Becker, Spiegel Online, 2015

Doris Knechts Roman “Wald” ist im Rowohlt Verlag 2015 erschienen.

Das erste Buch seit der Gründung von leseloop, das ich fast ein wenig verrissen habe. Gerechtfertigt? Sag es mir in den Kommentaren!

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Ausschnitt Buchcover

Porträt eines Durchschnitts­menschen – aber mit Flusspferd

Arno Geiger ist mir zum ersten Mal auf der Uni untergekommen – in einem Seminar zu Literaturkritik und mit seinem damals aktuellen Buch “Der alte König in seinem Exil”. Mit dieser Geschichte über seinen eigenen Vater hat er sich in meiner Erinnerung festgesetzt.

Dementsprechend waren meine Erwartungen höher als bei vielen anderen Autoren oder Autorinnen. “Selbstporträt mit Flusspferd” hat diese Erwartungen einerseits übertroffen, andererseits enttäuscht. Warum erkläre ich dir im folgenden Loop – einer Rezension im Stil des Originalbuchs.

Julians große Liebe heißt Judith, und um der Perspektive des Ich-Erzählens treu zu bleiben, dachte ich mir: Was liegt eigentlich näher, als mich selbst (auch weil wir den selben Namen haben) in Judith hineinzuversetzen und die Geschichte aus ihrer Perspektive zu betrachten?!


„Jetzt sind wir einander fremd bis zum Rätsel“

Vor einigen Tagen fand ich einen Uhu in meinem Garten. Das arme Tier hatte sich anscheinend einen Flügel gebrochen, jedenfalls aber lag es vor meiner Haustür. Der nächste Tierarzt war nicht weit und welche Überraschung – es war Julian. Jener Julian, der mich vor etwa zehn Jahren, einiges an Nerven kostete.

Als ich in der Praxis stand, erkannte er mich zuerst nicht wieder. Ich hatte mir die Haare geschnitten und war wohl auch nicht mehr der „Prototyp einer unkomplizierten Frau“, als die mich Julian immer gesehen hatte.

„Wir begegneten einander auf Teilgebieten unseres Lebens“

Den Uhu konnte Julian leider nicht mehr retten, dafür aber mich an eine schöne Zeit meines Lebens erinnern. Mein Gott, wir waren damals Anfang 20, verbrachten viel Zeit miteinander, aber immer unspektakulär. Denn Julian zählte zu jenem Schlag von Mensch, der vieles einfach so hin nimmt und im Stillen leidet. Und gelitten hat er, denke ich, obwohl er es war, der die Trennung heraufbeschworen hat.

Ich hoffe, du hast gefunden, wonach du gesucht hast, fragte ich zum Abschied. Gefunden, was er gesucht hat? Was rede ich denn da, ich wusste ja nicht mal, was er gesucht hat und ob er überhaupt gesucht hat.
Im Großen und Ganzen…, war seine nichts sagende Antwort auf eine ebenso nichts fragende Frage. Aber seine Hände zitterten vor Aufregung.
Ja, dann…, sagte ich.
Das war’s. Wir werden uns nicht wieder sehen.

„Man verliebt sich, so wie man sich kratzt“

Damals, wir waren 22, es war zum Ende des Sommersemesters gewesen und ich merkte genau, dass Julian sich nach etwas Neuem sehnte. Oder glaubte, etwas zu verpassen, was er nicht benennen konnte. Dabei spielte sein seltsamer Freund Tibor, den Julian um seine Leichtigkeit beneidete, eine nicht unwesentliche Rolle Sein Motto: „Hauptsache lässig“.

Soweit ich es erzählt bekommen habe, hat Julian Tibors Job übernommen. Er schuldete meinem Vater noch Geld und ich glaube, die Arbeit mit dem Zwergflusspferd hat ihm gut getan. Ein sehr gemächliches, langsames Tier. Passte gut zu ihm, würde ich sagen.

„Weite, unfassbare Welt!“

Müsste ich Julian beschreiben, würde ich mir schwer tun. Er ist ebenso unspektakulär wie unauffällig, was nichts Neues ist bei Arno Geigers Figuren. Er zeigt sie gern unsicher, vereinsamt, ängstlich; aber immer nur im Rahmen dessen, was uns allen passieren könnte. Was wir alle denken könnten. Die Durchschnittsmenschen.

Das Kontrastprogramm gibt’s zwischenzeitlich im Fernsehen: Geiselnahme in Beslan mit hunderten toten Kindern, Hurrikans in den USA. Ja sogar das “Gewurl und Gewimmel” auf der Mariahilfer Straße ist für Julian zeitweise belastend. Trop fatal.

„Dort wo die Menschen ganz sie selbst sind, dort sind ihre schwachen Stellen“

Aber dann lernte Julian diese Aiko kennen, und, was weiß ich, hat es ihm zumindest geholfen, sich von seinem quälenden Liebeskummer zu lösen. Das Flusspferd und Aiko – die beiden haben ihm gut getan inmitten seiner Zukunftsängste und Vergangenheitsleiden. Und ganz so schlecht scheint die Sache auch nicht ausgegangen zu sein, denn immerhin hat er danach zwei Jahre in Paris verbracht.

Undsoweiter.


Fazit: Ein uninteressanter Protagonist?

Julian ist ein Durchschnittsmensch, wie ihn niemand besser beschreiben kann als Arno Geiger. Jeder von uns war einmal 22 oder in einem ähnlichen Alter, jede hat ähnliche Sorgen gehabt und ist zwischen Liebeskummer und Zukunftsängsten in der Luft gehangen. Aber ist Julian deshalb ein uninteressanter Mensch? Oder ein uninteressanter Protagonist eines Romans? Ich denke nicht. Schließlich sind wir alle – und das nach wie vor, egal in welchem Alter – ein bisschen Julian in unserem Alltag, oder? Planlos, ängstlich, launisch, auf uns selbst bezogen. Unspektakulär, einfach.

Und vielleicht brauchen wir alle beizeiten ein Zwergflusspferd, für das die Welt aus Schlafen, Essen und Gähnen besteht und das uns auf den Boden der Realität zurückholt.

“Selbstporträt mit Flusspferd” kommt eindeutig nicht an seinen Vorgängerroman “Der alte König in seinem Exil” heran. Die Geschichte ist dafür einfach zu banal. Julian ist keine Figur, die einem lang in Erinnerung bleiben wird. Trotzdem ist Arno Geigers neuester Roman eine angenehme und lockere Lektüre für den Sommer.


Noch nicht genug?

Hier ein Video voller Informationen und Interpretationen vom Autor selbst – im Interview mit Julia Benkert vom Bayrischen Rundfunk in der Sendereihe “Lesezeichen”:

Arno Geiger hat auch eine eigene Homepage, wo du zahlreiche Informationen über Bücher, Interviews und Lesungen findest.


Pressestimmen

Arno Geigers Roman zielt mitten in die erotische Verwirrung der Gegenwart. […] Sprachlich virtuos und mit heiterem Ernst spielt der österreichische Autor auf der Klaviatur von Utopie und Melancholie, Sehnsucht und Ernüchterung, Hoffnung und Resignation.
Andreas Breitenstein, NZZ, 2015

“Selbstporträt mit Flusspferd” ist also die Coming-of-Age-Geschichte eines jungen Mannes, der sich als etwas Besonderes dünkt, aber auf eine (den Leser) quälende Weise banal und mittelmäßig ist.
Sigrid Löffler, Deutschlandradio, 2015

„Selbstporträt mit Flusspferd“ liest sich leicht und ist doch ein anstrengendes Buch, gerade weil es eine schwierige Lebensphase ins Zentrum rückt. Für erwachsene Leser, die sie hinter sich haben, ist es amüsant, oft jedoch ermüdend, Julian über 280 Seiten beim Erwachsenwerden zuzuschauen.
dpa, Focus, 2015

Arno Geigers Roman “Selbstporträt mit Flusspferd” ist im Hanser Verlag 2015 erschienen.

Hast du “Selbstporträt mit Flusspferd” schon gelesen oder hast du jetzt Lust darauf? – Ich freue mich über deine Meinung!

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